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Sieht schön aus, hat am Boden aber Nachteile: Bornholmer Winter.

Roman

Männer und Frauen im Tiefschnee

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Sascha Reh führt in „Aurora“ keck und insofern konsequent in die Irre.

Spannender als die Absichten von Eric sind die Absichten von Sascha Reh. Ersterer ist ein nicht allzu heller Soldat, der einen Panzer nimmt, um bei extremem Schnee auf Bornholm zu Weihnachten etwas zu erledigen, von dem man lange nicht recht weiß, was es ist. Dann weiß man es irgendwie immer noch nicht. Zweiterer ist der Autor des Romans, in dem Eric auf dieses Himmelfahrtkommando geht.

Es ist gefährlich, einen Panzer alleine zu steuern, das weiß selbst der eingefleischte Zivilist Ole, der ohne Sichtkontakt im Mannschaftsraum mitfährt auf der Suche nach einer Geschichte für die Zeitung, bei der er arbeitet. Außerdem steigt Tamara zu, angeblich hochschwanger, dann durchaus nicht, dann laut Eric als Hebamme für eine gewisse „Aurora“ angefordert, die gebären wird, in Kürze und in Steißlage. Steißlage? Tamara fragt mehrmals nach. Ole kennt sich mit Geburten offenbar nicht aus, Eric auch nicht.

Reh, 1974 in Duisburg geboren, in Berlin lebend und mit „Aurora“ auf der Shortlist für den Wilhelm-Raabe-Preis, führt in seinem neuen Roman vor, wie man Erwartungen an Literatur permanent unterläuft, zugleich neue Erwartungen aufbaut und das Publikum auf – hier noch dazu tief verschneiten – Holzwegen herumirren lässt. Ohne Sichtkontakt auch wir. Dies alles, man ahnt es schon, aber dann spielt es auch wieder keine Rolle, ausgerechnet im Umfeld einer Geschichte, mit der man sich kulturell so besonders gut auskennt.

Thriller? Reporter-Satire? Weihnachts-Schnulze?

Auch Ole denkt bereits darüber nach, dass er die nun auf ihn zukommende Angelegenheit in seinem Artikel lieber nicht zu eng mit der Heiligabend-Thematik verbinden will. Das ist zu viel, denkt er, während die Kritikerin denkt, dass er recht hat und dass Reh an dieser Stelle etwas vorausnimmt, das jetzt auf einmal die Leute interessiert. Was macht eine Reportage zu einer guten Reportage, und wie halten wir es mit szenischen Einstiegen, und wo sind die Grenzen zwischen Literatur und Journalismus, Kitsch und Reportage, dem Wecken von Gefühlen und Manipulation. Von der Lüge einmal nicht zu reden, die sich ein Romanautor nicht vorwerfen lassen muss. Eric hingegen schon, denn hier stimmt einiges nicht, es stimmt aber immer wieder von Neuem nicht. Wird das also ein Thriller, eine Reporter-Satire, eine Weihnachtsschnulze? Wird es das Psychogramm eines aus dem Gleichgewicht geratenen jungen Mannes, eines alternden Journalisten, einer nicht sehr zufriedenen, nicht sehr glücklich verheirateten Inselbewohnerin?

Denn Reh versorgt uns und seine Figuren ständig mit kleinen Infos, und man kann beim Lesen seinem eigenen Gehirn dabei zuschauen, wie es sich immer wieder locken und verwickeln lässt. „Aurora“ ist nicht einmal bereit, so spannend zu sein, dass man vom ständigen Reflektieren darüber abgelenkt würde. Hier ergeht es einem wohl wie den dreien im Panzer, die bei aller milden Verunsicherung (Ole und Tamara) und Aufgeregtheit (Eric) Zeit finden, darüber nachzudenken, was sie hier tun. Ole hatte einmal eine Kolumne, „Frühstück im Bett“. Das muss in der Tat eine Weile her sein, dazu passt der Hinweis: „Seine Kolumne hatte sich auch nicht gerade durch übermäßige Einfühlsamkeit ausgezeichnet.“ Seit sie gestrichen ist, berichtet er vom Jahrestreffen des dänischen Imkerverbandes und Ähnlichem. Ein hartes Brot. Eigentlich ist Ole restlos frustriert, auch gesellschaftlich. „,Diese ganzen Heulsusen-Themen gehen mir auf die Nerven‘, platzte er plötzlich heraus. ,Es geht nur noch darum, wer sich wo diskriminiert fühlt.‘“ Weht der Wind von dort? In der Enge des Panzers fühlt sich Tamara schnell belästigt, bevor sie ihrerseits Ole belästigt. Tamara wollte ans Theater, aber sie hat es nicht geschafft, aber ist sie eine so schlechte Schauspielerin?

Reh spielt mit Fallen und mit Fallhöhen. Unter Journalisten könnte man sagen, dass er selbst seine Geschichte ständig wieder abmoderiert. Dem genreartig (wenn es ein Thriller wäre, was man noch am längsten denkt) uneleganten Erzählen mit beliebig wirkenden Perspektivwechseln stehen handverlesene Sätze gegenüber. „Tamara fragte sich, ob der Grund für die Ablehnung, die Ole erlebt hatte, in seiner Überheblichkeit lag oder darin, dass er die Dinge doch nicht so genau auf den Punkt zu bringen vermochte, wie er glaubte.“ Über sich selbst lässt Reh sie denken: „Alles, was sie tat – oder zumindest das meiste davon –, machte sie glücklich, denn das große Scheitern, das einzige, das ihr Glück hätte bedrohen können, lag hinter ihr.“

Aber auch das Abgeklärte bleibt vage. Es ist komisch, dass dieses eher auf Ironie und Abstand zielende Gesamtszenario auf ein Männer-Frauen-Klischee hinausläuft, nach dem einige Frauen genau so hinterhältig sind, wie einige Männer ihnen das gerne vorwerfen. Einige Männer wiederum sind genauso ohne psychologischen Durchblick, wie einige Frauen ihnen das gerne vorwerfen. Komisch ist das im Sinne von: lustig, zwiespältig.

„Aurora“ ist ein Knochen, den man sich zum nicht zu anstrengenden Durchkauen hinwerfen kann für Winterabende.

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