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Walter Kempowski, 2004. Foto: epd
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Walter Kempowski, 2004.

Männer, die über Männer schreiben, die über Männer schreiben

Pädophilie und Vergewaltigung werden in der Literatur meist aus cis-männlicher Perspektive dargestellt. Der Widerstand dagegen ist verständlich - greift aber zu kurz. Ein Plädoyer für kritisches Denken von Alexander Graeff

Weshalb hatte nie ein Leser diese Stellen moniert?“, fragt Alexander Sowtschick in Walter Kempowskis Roman „Hundstage“ verwundert. Der sechzigjährige Schriftsteller bezieht diese Frage auf seinen Roman „Wolkenjagd“, in dem es um die Liebe eines „alten Mannes zu einem kleinen Mädchen“ geht.

Walter Kempowskis Roman „Hundstage“ ist erstmals 1988 erschienen. Die Satire handelt von Alexander Sowtschick, einem konservativen Schriftsteller, der sich selbst als weltoffen und liberal empfindet. Sowtschicks Ehefrau Marianne, die ebenso wie ihr Mann zu chauvinistischen und rassistischen Ausdrucksweisen neigt, ist im Sommer allein in den Urlaub gefahren. Versorgt mit vorgekochtem Essen seiner Frau bleibt Sowtschick also in der Villa allein zurück, um sich seinem neuen Romanmanuskript widmen zu können. So richtig will das Schreiben aber nicht gelingen, vielmehr steigert er sich in sexuelle Wunschvorstellungen hinein, die er bald schon nicht mehr bloß an den minderjährigen Nachbarmädchen Sabine und Rita („seinen Pferdemädchen“) sowie Erika ausleben kann. Er sucht sich eine Haushaltshilfe und bekommt über Umwege die Medizinstudentin Adelheid empfohlen. Adelheid kann den Ferienjob bei dem berühmten Schriftsteller allerdings nur annehmen, wenn sie ihre jüngere Schwester Gabriele mitbringen darf. Ein Traum wird wahr für Sowtschick: Einen Sommer lang umgeben zu sein von fünf Mädchen im Alter von 12 bis 20 Jahren.

Auf über 400 Seiten folgt Sowtschick den Mädchen auf Schritt und Tritt und geht seiner „Neigung“ nach, die er bereits in „Wolkenjagd“ literarisch verarbeitet hat. „Die knospende Schönheit, die es nicht nötig hat, sich herauszuputzen, die sich rüde geben kann und unvermittelt: Das war es, was ihn an kleinen Mädchen so entzückte“. Vom Dachfenster aus beobachtet er die Mädchen mit dem Opernglas, fotografiert sie im Garten beim Sonnenbaden, rauft mit den jüngeren, stiehlt sich in ihre Zimmer, liest die Tagebücher der älteren, schnuppert an Unterwäsche und Schlafanzügen und betatscht sie, wo und wie es ihm nur irgendwie möglich ist.

Die einzige Unterbrechung dieses Verhaltens entsteht dadurch, dass bald eines der Mädchen, Erika, tot in einem Wassergraben gefunden wird und der Schriftsteller wegen seiner in der Nachbarschaft durchaus bekannten „Neigungen“ verdächtigt wird. Dabei versucht Sowtschick doch bloß in der hochsommerlichen Periode der Hundstage einen neuen Roman mit dem Arbeitstitel Winterreise zu schreiben, womit nur der hartnäckige Mythos des Schriftstellers als Romanheld zementiert wird.

Literatursoziologisch betrachtet trägt „Hundstage“ zur Normalisierung von Objektifizierung, Misogynie und Pädophilie bei. Dass es sich bei dem Roman um eine Satire handelt, hilft – entgegen landläufiger Theorien über satirische Schreibweisen – dabei in keinster Weise, die Normalisierung zu durchbrechen und die im Text verhandelten sozialen Normen zu hinterfragen. Ganz im Gegenteil, der formale Umgang mit den problematischen Inhalten, die gewählte Schenkelklopfer-Sprache und die Erzählhaltung entsprechen einem Muster, wie es Misogynie und Pädophilie als wiederkehrende Themen in der Literatur über cis-männliche Körper durchdringt. Dazu gesellt sich ein jovialer Disclaimer, der auch dieser Tage beliebt zu sein scheint: Problematische soziale Machtverhältnisse, Mikroaggressionen und Diskriminierungen werden durch die Kennzeichnung als Satire oder „bewusste Übertreibung“ heruntergespielt, lächerlich gemacht und legitimieren damit bloß die Gewalt der Privilegierten über die Marginalisierten. Diese Interpretation macht Hundstage topaktuell.

Die Aktualisierung von Misogynie und Pädophilie wird in der Literatur durch Kanonisierungsprozesse noch verschärft. Wer würde sich schon gegen die Urteile eines Marcel Reich-Ranicki oder Denis Schecks stellen? Oder wer würde es wagen, sich gegen den Kanon der ZEIT aufzulehnen und die darin repräsentierte Perspektivenarmut zu kritisieren? Immerhin, so wird oft argumentiert, geht es doch um das Allgemeinmenschliche, das jene Kanones mit 5 Prozent Autorinnenanteil und 95 Prozent weißen und heterosexuellen Autoren ausmacht. Entgegen der These, ein Literaturkanon sei nicht vereinbar mit identitätspolitischen Entwicklungen, zementiert der gängige Kanon ja gerade eine bestimmte Identität, nämlich die jener Gruppe weißer, heterosexueller Männer, ihrer Körper, Lebensläufe und Probleme. Wie problematisch diese Einseitigkeit werden kann, zeigt sich an den starren Lehrplänen des Deutschunterrichts. Eine kritische Literaturforschung hat dagegen unlängst das postulierte Allgemeinmenschliche bloß als Verallgemeinmenschlichung jener privilegierten Gruppe entlarvt.

Heute werden jene Geschichten, die von cis-männlichen Körpern, Lebensläufen und Problemen handeln, ergänzt um weibliche, queere oder Schwarze Positionen. Weshalb sich also an einem dreißig Jahren alten Buch wie „Hundstage“ abarbeiten?

Die dörfliche Nachbarschaft der Sowtschicks weiß um die „Neigungen“ des berühmten Schriftstellers, der im Übrigen Vater zweier erwachsener Kinder ist. Das Problem bleibt trotz seiner Öffentlichkeit der Reflexion und Kritik verwehrt und wird in der Erzählung als männliche Normalform, die viele andere Figuren in Kempowskis Roman ebenso durchdringt, inszeniert. Die Inszenierung eines solchen sozialen Gefüges wirkt nachhaltig – bis heute. In einer patriarchalen Kultur scheint die Literatur über die Liebe alter Männer zu jungen Mädchen demnach nicht nur „normal“ zu sein, sondern auch ein literarisch überformter Topos. „Hundstage“ ist kein Einzelfall. Man könnte von einem Genre sprechen, in dem zahlreiche prominente Autoren geschrieben haben. Vladimir Nabokovs erstmals 1955 erschienener Roman „Lolita“, der das Thema durchaus kritisch verhandelte, war sicher prägend für das Genre, aber längst nicht der einzige.

Ähnlich wie Krimi- oder Fantasy-Romane funktionieren auch Texte des Pädophilie-Genres nach bestimmten Mustern. Es reproduziert Standardszenen (z. B. Beziehungen zu Schutzbefohlenen) mit Standardrequisiten (z. B. Höschen, Zöpfe, Fernglas, Fotoapparat), die die symbolische Kontinuität sichern. Da verwundert es nicht, dass immer wieder neue Auflagen und Übersetzungen fragwürdiger Romane vergangener Jahrzehnte erscheinen. Nicht nur wurde letztes Jahr Karl Ove Knausgards „Aus der Welt“ von 1998 erstmalig in deutscher Übersetzung herausgegeben, auch Kempowskis „Hundstage“ erfuhr über die letzten Jahre zahlreiche Auflagen, die aktuellste 2020.

Gewalt an und Vergewaltigung von Frauen und Mädchen sind wiederkehrende Themen künstlerischer Produktion. Misogyne Gewalt ist überall zu finden, in Filmen, in Songs, in Romanen, in Dokumentationen. Irgendwie scheint der gewalttätige Mann in der Fiktion ein aufregendes Thema zu sein, weil man es in der sozialen Realität nicht faszinierend finden darf. Ebendieses moralische Dilemma zwischen Fiktion und Realität scheint wohl den erotischen Reiz am Stoff und die literarische Ambivalenz auszumachen.

Doch es regt sich Widerstand. Queerfeministische Literatur, ganz allgemein kritische Schreibweisen, haben ebenso wie sozial- und identitätspolitischer Aktivismus in der Medienbranche unlängst auf kulturimmanente problematische Strukturen hingewiesen. Die Wirksamkeit dieser emanzipatorischen Arbeit kann meistens an Zahl und Intensität der Reaktionen der Konservativen darauf gemessen werden. Ganz gleich, ob das Gejammer aus der queeren Community erfolgt oder aus dem Literaturbetrieb: Der Vorwurf besteht darin, dass cis-männliche Perspektiven in Literatur, Medien und Gesellschaft angeblich nicht mehr gewünscht seien.

Ich will einen weiteren Roman hinzuziehen und im Vergleich mit „Hundstage“ zeigen, dass dieser Vorwurf unbegründet ist. Kritik nämlich lässt sich jenseits politischer Dimensionen eines literarischen Werkes vor allem auch ästhetisch führen. Die Frage hierbei ist, wie der männliche Blick auf Lebensläufe, Probleme und Befindlichkeiten erzählt wird, und ja, auch, wie problematische Themen wie Pädophilie oder Vergewaltigung literarisch verhandelt werden.

Kristof Magnusson beweist mit seinem 2020 erschienenen Roman „Ein Mann der Kunst“, dass man zumindest das Thema alternder Künstler mit narzisstischer Tendenz, kulturpessimistischen Einstellungen und patriarchalem Menschenbild durchaus anders als Kempowski verhandeln kann. Mit einem männlichen Blick und sensiblen, prosaischen Fühlern. Übrigens, um auch ein Gegenbeispiel aus den 1980er Jahren zu bringen: Die literarische Einbindung von Schenkelklopfern angesichts des Themas Misogynie und Vergewaltigung kann auch mit emanzipatorischer Erzählhaltung gelingen, wie es Elfriede Jelinek 1989 mit ihrem Roman „Lust“ unter Beweis gestellt hat. Das Buch erschien ein Jahr nach „Hundstage“.

Auch in „Ein Mann der Kunst“ geht es um „Männer, die ihr ganzes Leben daran gewöhnt waren, in der Mehrheit, an der Macht und gleichzeitig auf der guten Seite zu sein und nun – je mehr die Welt sich änderte – anfingen zu denken, dass es vielleicht am nettesten wäre, wenn alles so bliebe, wie es war. Oder, noch besser, wieder so würde wie vor vierzig Jahren“. Magnusson erzählt die Geschichte des alternden Künstlers KD Pratz, der, ebenso wie Alexander Sowtschick, in allen Lebenslagen davon ausgeht, für den „Fortschritt und überhaupt alles Gute in unserer Welt verantwortlich zu sein, unherausgefordert, unangefochten, unbeirrt“. Und doch wird KD Pratz stets menschlich, auch zweifelnd und nie stereotyp dargestellt. Das ist kein Widerspruch. Dem 1950 geborenen bisexuellen Künstler mit kulturpessimistischem Menschenbild stellt Magnusson Ingeborg gegenüber, um – wie Kempowski mit den Mädchen – eine Spannung zwischen den Figuren zu eröffnen. Diese Spannung allerdings ist bei Magnusson alles andere als schlüpfrig und sexuell übergriffig. Ingeborg ist eine feministische Psychotherapeutin im selben Alter wie KD Pratz, die sich im Verlauf der Geschichte zur schärfsten Kritikerin seiner Verhaltensweisen, Einstellungen und seiner Kunst entwickelt. Besagte Spannung zwischen KD Pratz und Ingeborg wird nicht aufgelöst. Das liegt auch an der Erzählperspektive, derer sich Magnusson bedient. Der Erzähler ist Constantin, der schwule Sohn von Ingeborg. Er ist alles andere als ein neutraler Berichterstatter der spannungsgeladenen Ereignisse zwischen seiner Mutter und KD Pratz sowie der Ränkespiele eines klassistischen Kunstbetriebs. Constantin ist unsicher und gerade deshalb ein aufrichtiger Erzähler. Er hebt sich nicht heraus aus dem Geschehen, sondern ist bedeutsamer Bestandteil des sozialen Gefüges im Roman.

Bei Kempowski hingegen sind die dargestellten sozialen Gefüge getränkt mit Chauvinismus und plattem Satire-Stil. Aggressive Redewendungen, zum Teil Mundart und Literatur werden komödiantisch vereint. Kempowski bemüht Begriffe wie „Muckungen“, wenn sich eine weibliche Figur über die gerade erfahrene Diskriminierung beschwert oder „vergewohltätigt“ für die süffisante Bemerkung eines Journalisten, der sich nach der Misshandlung Erikas erkundigt. Vor allem aber ist es die Erzählperspektive des Romans, die ihn von „Ein Mann der Kunst“ so entscheidend trennt. Die von Kempowski verwendete dritte Person suggeriert einen allgegenwärtigen und allmächtigen Weltschöpfer. Der Erzähler ist Gott. Was niemals hinterfragt wird, ist das Geschlecht dieses göttlichen Erzählers. Selbstverständlich wurde angenommen, dass es männlich ist.

In „Hundstage“ ergreift der erzählende Gott allzu gerne Partei für die „armen, alten Männer“, die es in der Konfrontation mit Gegenwart und Jugend „nicht gerade leicht haben“. Die Erzählperspektive erzeugt mit der Verwendung der dritten Person aber nur vordergründig Distanz. Der Erzähler verbrüdert sich mit Sowtschick; sie bilden eine literarische Herrenrunde.

Es ist die Sprache, die ein literarisches Werk mitunter aus dem musterhaften Kanon herausstechen lässt. Wenn sich die formalen, aber auch die thematischen Muster nämlich weiten, können wiederkehrende Themen in der Literatur interessant und innovativ sein. Kempowski tut dies mit dem Pädophilie-Thema leider nicht. Grundsätzlich ist das Thema, dargestellt als Problem sozialer Machtverhältnisse, ethisch, moralisch, kulturell und juristisch durchaus etwas, was man in der Literatur verhandeln kann und sollte. Die Frage ist nur, wie sich Autor:in, Figuren und die Sprache selbst zum Thema positionieren. Das ist ein politischer Akt des Schreibens mit den Mitteln belletristischer Unterhaltung.

An der Aktualisierung dieses Umgangs mit einem problematischen Thema beteiligte sich übrigens auch die Rezeption. Edo Reents, der 16 Jahre nach der Erstveröffentlichung in einer Replik „Hundstage“ als sein Lieblingsbuch bezeichnete, sieht selbst 2004 in Alexander Sowtschick nur einen „sympathische[n], harmlose[n] Lüstling voller Ressentiment, Sadismus, Humor und Humanität“, keinesfalls aber irgendeinen Anlass der kritischen Auseinandersetzung oder Problematisierung. Was hier fehlt – auf der Ebene der Produktion wie der Rezeption – ist ein kritisches Denken, eine für die Literatur so wichtige Haltung.

Durchaus literarisch begnadet zeichnet Kempowski mit „Hundstage“ das scharf analysierte Bild eines klassistischen und misogynen Literaturbetriebs der späten 1980er Jahre in Deutschland. Der Roman zeigt ein gesellschaftliches Subsystem, wie es unbeweglicher nicht sein könnte. Wenn Erzähler und Figuren aber zu einem solchen System auf die beschriebene Weise Haltung beziehen und die geschilderten Probleme statt zu kritisieren, nur aktualisieren, kann „Hundstage“ als Musterbeispiel für eine Literatur gelten, „die vor sozialen Kategorien flieht – und es nicht merkt“, wie es Lann Hornscheidt in einem Essay formuliert. In diesem Fall bleibt nur eine monologisierende Perspektive zurück, in der sich allein der Schriftstellerheld als role model imprägniert.

Alternde Schriftsteller und ihre Schwierigkeiten in einer komplexer werdenden Welt erteilen einer engagierten, queerfeministischen Literatur nicht per se eine Absage. Wenn ich über kritische Schreibweisen spreche, denke ich nicht zwangsläufig nur an Literatur über urbane, progressive und sexuell befreite, jugendliche Kontexte. Literatur muss auch cis-männliche Weltwahrnehmung verhandeln, weil Feminismus ohne Männer genausowenig inklusiv ist wie die männliche Perspektive als Standard zu erklären. Und Männer müssen auch auf Männer schauen, die über Männer schreiben. Nicht als freiwillige Selbstkontrolle verstanden, wohl aber als genussvolle Selbstbegrenzung und -reflexion. Eine solche Literatur zeigt dann auch jene Ohnmächte, denen cis-männliche Körper in dieser Gesellschaft ausgesetzt sind – ohne ihre Priviegien zu verschweigen! Denn auch Männern wurde ja „vorgegaukelt, sie lebten in einer schönen neuen Welt der wirtschaftlichen und sexuellen Chancen“, wie Laurie Penny in „Feminismus: Die Befreiung der Männer“ schreibt. Der soziale Druck, „sich maskulin zu geben, Geld zu machen, dominant zu sein“ belastet nach wie vor all jene, die sich von binären und geschlechtstypisierenden „Erwartungen eingeengt oder verunsichert“ fühlen.

Und wir werden mehr.

Alexander Graeff ist Schriftsteller und Philosoph. Er arbeitet als Herausgeber, Kurator sowie Dozent für Ethik, Ästhetik und Pädagogik.

Kristof Magnusson, 2016 .

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