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Emma Cline schrieb „The Girls“ mit knapp 25 Jahren.

Emma Cline „The Girls“

Ein Mädchen aus gutem Hause

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„The Girls“, das Romandebüt der 25 Jahre alten Amerikanerin Emma Cline, erzählt von einem der spektakulärsten Verbrechen der amerikanischen Geschichte. Vor allem aber handelt es sich um einen atmosphärisch feingesponnenen Coming-of-age-Roman.

Das Mädchen Evie ist vierzehn und die Protagonistin von Emma Clines hoch gehandeltem Romandebüt „The Girls“. Bei literarischen Werken, die aus der Perspektive einer jugendlichen Hauptfigur geschrieben wurden, handelt es sich in der Regel um Coming-of-age-Romane, die mehr oder weniger ernsthaft die Probleme verhandeln, die das allmähliche Erwachsenwerden mit sich bringt.

Im Grunde ist das bei Emma Cline auch so. Einerseits. Andererseits verarbeitet die junge Autorin – sie schrieb „The Girls“ mit gerade einmal 25 Jahren – darin einen Stoff, den zu fiktionalisieren sich die allermeisten erfahreneren Autoren wohl scheuen würden.

Der blutige Massenmord, den die Anhänger und Anhängerinnen des Charles Manson 1969 an einer Gruppe von Menschen verübte (darunter Roman Polanskis schwangere Ehefrau Sharon Tate), bildet den historischen Hintergrund für die Geschichte eines jungen Mädchens aus sogenanntem gutem Hause.

Evie, die, seit ihre Eltern sich getrennt haben, bei ihrer Mutter am Rande einer kalifornischen Kleinstadt lebt, ist ein gewöhnliches Mädchen, vielleicht nur ein klein wenig wohlstandsverwahrloster als die meisten. Sie verbringt viel Zeit mit ihrer besten Freundin Connie, ist etwas in deren Bruder verschossen und hat, auch mit Hilfe der geheimen väterlichen Zeitschriftensammlung, recht präzise Vorstellungen von der Funktionsweise der menschlichen Sexualität, aber noch keine eigenen Erfahrungen.

In emotionaler Hinsicht prekär

Wie prekär Evies Existenz in emotionaler Hinsicht ist, zeigt sich erst, als die beste Freundin sich von ihr abwendet. Die meist abwesende oder mit sich selbst beschäftigte Mutter ist ihr ohnehin keine Stütze. Und so landet Evie eines Tages im Bannkreis einer sektenähnlichen Gruppe, die sich um einen glücklosen, aber charismatischen Hobbymusiker namens Russell geschart hat.

Insbesondere die neunzehnjährige Suzanne zieht Evie an. Ihr zuliebe verbringt sie mehr und mehr Zeit auf dem verfallenen Anwesen, das die Gruppe besetzt hat, ihr zuliebe lässt sie sich von Russell befingern; zusammen, oder auch zugleich, mit Suzanne erlebt sie den ersten, traumatischen Sex im Haus eines Musikers, der versprochen hat, Russell zu einem Plattenvertrag zu verhelfen.

Aus dem Deal aber wird nichts, und Russell sinnt auf Rache. Möglicherweise ist es reiner Zufall, dass Evie sich nicht schuldig macht, als die anderen Girls aufbrechen zu einer Tat, die die Gesellschaft bis ins Mark schockieren wird angesichts ihrer sinnlosen Grausamkeit.

Diese Geschichte einer fatalen Verstrickung erzählt Emma Cline aus der Ich-Perspektive, sichert sich jedoch ab durch eine Rahmenerzählung, die gut dreißig Jahre später spielt. Die erwachsene Evie, in ihren mittleren Jahren immer noch recht heimatlos in der Welt, hat für eine Weile Unterschlupf im Sommerhaus eines Freundes gefunden, als dessen Sohn mit Freundin überraschend dort eintrifft.

Der Umgang der jungen Leute miteinander, die Dominanz des jungen Mannes über das Mädchen, ruft in Evie längst verdrängte und vergessene Gefühle wach, weckt die Erinnerung an das dunkle Damals.

Dass die Autorin es für nötig hält, die eigentliche Fabel durch eine Rahmenhandlung zu motivieren, zeigt möglicherweise ein Bedürfnis an, sich, bei gleichzeitiger größtmöglicher Einfühlung, von ihrer jugendlichen Hauptfigur zu distanzieren.

Dabei gerät die Teenager-Evie weitaus überzeugender als die ältere Evie, der deutlich anzumerken ist, dass diese Figur einzig ersonnen wurde, um das zutiefst Verstörende der eigentlichen Kernerzählung nicht unkommentiert stehen zu lassen. Denn Evies Weg in die sektenähnliche Gruppe um den Guru Russell ist erschreckend nachvollziehbar.

Diese ungestillte, ziellose Teenager-Sehnsucht

Nicht umsonst heißt der Roman „The Girls“, denn was die vierzehnjährige Evie vor allem sucht, ist das Aufgehobensein im Plural, in einer Gruppe. Nicht der Proto-Guru Russell ist es, den sie will, die Mädchen sind es; allen voran die geheimnisvolle Suzanne. Diese ungestillte, ziellose Teenager-Sehnsucht, die dringend nach einer Bestimmung sucht, zeichnet Emma Cline sehr fein nach.

Auch die drogengeschwängert fiebrige Stimmung der Zeit fängt sie atmosphärisch sicher ein, in der das Entstehen einer Parallelwelt neben der spießig-doppelgesichtigen Normalgesellschaft beinahe zwangsläufig erscheint.

Der Bieter-Hype, der um dieses auf jeden Fall sehr beachtenswerte Debüt entstand, ist wohl dennoch zu einem Gutteil der spektakulären historischen Vorlage der Romanhandlung geschuldet. Dass die Autorin zudem außergewöhnlich jung und attraktiv ist, hat das allgemeine Verlegerinteresse selbstverständlich noch gesteigert.

Zwei Millionen Dollar hat allein Clines amerikanischer Verlag für das Manuskript hingelegt.

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