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Mädchen auf dunkler Treppe

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Wo Neapolitaner sich nach der Decke strecken müssen.
Wo Neapolitaner sich nach der Decke strecken müssen. © afp

Die Autorin, die selbst im Verborgenen bleiben will und einen erstaunlichen Literaturkosmos erschaffen hat: Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ ist erschienen, der erste Teil einer neapolitanischen Saga.

Von Christian Bos

Lange Zeit habe ich gezögert, Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“, den ersten Teil ihrer vierbändigen neapolitanischen Saga, aufzuschlagen. Aus zwei furchtbar banalen Gründen. Zum einen ziert die italienische Originalausgabe von „L’amica geniale“ und ebenso deren englische Übersetzung „My brilliant friend“ ein fürchterlich kitschiges Bild: Ein Hochzeitspaar vor der Kulisse des Golfs von Neapel, hinter ihnen trotten drei kleine Brautjungfern in rosa Bonbonkleidern her. Zum anderen die Klappentextinformation, dass hier die Geschichte einer Frauenfreundschaft erzählt werde, von der Grundschule in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis ins hohe Alter. Was hilft da alles vorausgeschickte Kritikerlob, wenn die Oberfläche auf eine Mischung aus Urlaubs- und Backfischroman à la „Nesthäkchen“ hindeutet?

Bald schien die halbe Welt Ferrante zu lesen. Kurz, der soziale Druck wurde größer. Schließlich gab ich nach. Und musste zu meiner Schande feststellen, dass die pseudonyme Schriftstellerin, deren verborgener Identität Feuilletonisten und Literaturprofessoren mit Sherlock Holmes’schen Deduktionskapriolen auf die Schliche zu kommen versuchten, das ganz große Spiel spielt.

Ja, in den neapolitanischen Büchern verschwindet die Sprache hinter der prall gefüllten Handlung. Aber sie holpert eben nicht den Ereignissen hinterher, sie ist so schlicht und arm wie das heruntergekommene Viertel Neapels, in dem Elena Greco, genannt Lenù, und Raffaella Cerullo, von Lenù liebevoll Lila gerufen, aufwachsen. Die Tochter eines Stadtverwaltungs-Pförtners und die Tochter eines Schusters bilden eine Schicksalsgemeinschaft der Hochbegabten, inmitten festgefahrener Strukturen aus Gleichgültigkeit und Gewalt, was man halt so Armut nennt.

Es ist keine harmonische Gemeinschaft. Die beiden Mädchen sind beinahe das, was man im Englischen „frenemies“ nennt, Lieblingsfeindinnen, in ewiger Konkurrenz aneinander gebunden. Elena ist fleißig, zurückhaltend und anpassungsfähig, Lila aufbrausend, hinterhältig, aber eben auch brillant. Lila braucht Elenas klaren Kopf, die Schüchterne hat das Gefühl, ein Leben aus zweiter Hand zu führen, katapultierten sie nicht Lilas Eskapaden in die gefährlich schimmernde Welt hinter den Gewohnheiten. Wenn Jungs mit Steinen werfen, wirft Lila zurück, trifft und zieht Blut.

Am Anfang des Romans folgen wir den beiden Mädchen eine dunkle Treppe hoch, bis vor die Tür des gräulichen Don Achille, der für die Kinder der „Unhold aus dem Märchen“ ist, für die Erwachsenen ein rücksichtsloser Kredithai. Lila hatte einige Tage zuvor Lenùs Lieblingspuppe in das Kellerloch des Hauses geworfen, in dem der Unhold wohnte. Und Lenù Lilas Puppe hinterher.

Jetzt ist Lila überzeugt, dass ebendieser die geliebten Puppen aus dem Keller geholt und in seine Wohnung verschleppt habe. Der Wüterich entpuppt sich als erstaunlich großzügig. Geduldig hört er sich Lilas Lügengeschichte an und schenkt den Freundinnen sogar noch Geld, von dem sie sich neue Puppen kaufen sollen.

Das ist die Urszene der Tetralogie. Von Don Achilles Geld kaufen sich die Freundinnen Louisa May Alcotts klassisches Kinderbuch „Betty und ihre Schwestern“ – auch darin geht es um kluge, gehorsame und selbstsüchtige Mädchen – und entdecken zum ersten Mal eine Welt außerhalb ihres Viertels. Und die Tatsache, dass man reich werden könnte, wenn man so eine Welt beschreibt.

Lenù lernt erst einmal brav für die Abschlussprüfung der Grundschule, Lila versucht sich sogleich als Schriftstellerin. Was wiederum den Neid ihrer Freundin hervorruft. Doch während Elena von ihrer Klassenlehrerin unterstützt wird, auch gegen den erbitterten Willen der Mutter, passt Lila nicht ins System und landet in der kleinen Schusterei ihres Vaters.

Die gläserne Decke – das unsichtbare Hindernis, das Frauen am Aufstieg in höhere Positionen hindert – hängt im armen italienischen Süden der fünfziger Jahre besonders niedrig. Ein scheinbarer Ausweg führt durch die Wagentür der Solara-Brüder, den örtlichen Erben der Camorra.

Doch die Mädchen, die in deren Auto steigen, finden sich bald ganz am Ende der Viertels-Hackordnung wieder. Lila, früh zur Schönheit erblüht, wehrt sich nicht nur erfolgreich gegen plumpe Anmachversuche der Brüder, sie lässt auch ernst gemeinte Anträge mit größtmöglicher Schroffheit abblitzen, willigt am Ende sogar ein, den Sohn des Unholds zu heiraten, nur um die Camorristi zu brüskieren.

In der Hochzeitsfeier der erst 16-Jährigen kulminiert dieser erste Teil der neapolitanischen Saga in falschem Pomp und echten Enttäuschungen, in heimlichen Lieben und öffentlich behaupteten. Dass diese frühe Heirat nicht in Glück und Zufriedenheit endet, ist dem Leser natürlich klar. Aber noch im vierten Teil der Saga erfährt er, wer hier alles an der festlichen Tafel belogen wurde.

Dass man diese Geschichte am liebsten in einem Stück inhalieren möchte, hat der Suhrkamp Verlag, der den Zuschlag für die deutsche Veröffentlichung erhalten hat, verstanden, er bringt die nächsten Teile im Halbjahresabstand heraus, ein gutes Mittel zwischen Erwartungslust und dem Spaß am „binge-reading“. Die deutschen Cover haben den Kitsch der Originale geschmackvoll stilisiert, und Karin Kriegers Übersetzung trifft erfolgreich den unaufgeregten, schmucklosen Stil Ferrantes.

Wer Ferrante zu schnell liest, dem mag allerdings entgehen, wie eng sie die italienische Nachkriegsgeschichte mit dem Schicksal der Freundinnen verwoben hat – und vor allem, wie sehr sie die spätestens seit Jonathan Franzens „Die Korrekturen“ propagierte Rückkehr des realistischen Erzählens problematisiert. Der Roman beginnt mit dem Verschwinden der über 60-jährigen Lila. Die wollte von Kindheit an nichts anderes, als aus dem vorgeschriebenen Roman ihres Lebens zu verschwinden.

Es ist die scheinbar arglose Lenù, die ihre Freundin zurück in die Erzählung drängt. Es sind wir, die sie in diese Welt aus Gewalt und Lieblosigkeit zurückzwingen. Und uns dabei amüsieren.

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