Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Mit mächtigen Hauern und Wildgebrüll

Die Unmenschlichkeit von Familienbriefen: Zum unfreiwilligen Voyeur mutiert, wer sich Adornos Briefwechsel mit seinen Eltern zumutet

Von Thomas Macho

Ein umfangreicher Briefwechsel mit den Eltern ist selten. Nur partiell überschneiden sich naturgemäß die Lebenszeiten von Eltern und Kindern, ganz abgesehen von der Distanz, die häufig nach der Kindheit eingerichtet und gewahrt werden muss. Zwei Jahre lang, zwischen 1922 und 1924, korrespondierte Kafka mit den Eltern, nachdem er 1919 jenen vernichtenden, freilich nie abgeschickten Brief an den Vater verfasst hatte, der später dem literarischen Werk eingegliedert wurde. Adornos Briefe an die Eltern bilden gegenüber solcher Tradition eine Ausnahme. Sie umfassen einen Zeitraum von zwölf Jahren, und sie bezeugen eine derart bruchlose Intimität, dass der Leser gelegentlich - wider Willen - zum Voyeur konvertiert. Zugleich sind sie Dokumente vom Leben in der Emigration, voll überraschender Details und konkreter Beschreibungen; sie zeichnen ein persönliches, offenes, manchmal auch befremdliches Porträt des Autors der Minima Moralia.

Der erste Brief datiert vom 12. Mai 1939. Adorno schrieb aus New York; die Eltern - der Weingroßhändler Oscar Wiesengrund und seine Frau Maria, geb. Calvelli-Adorno della Piana, eine ehemalige Opernsängerin - waren buchstäblich in letzter Minute aus Deutschland geflohen und nun auf dem Weg nach Kuba, wo sie Anfang Juni ihren Sohn wiedersehen sollten. Erst zum Jahreswechsel zogen sie dann von Havanna nach Florida und schließlich im August 1940 nach New York, dem endgültigen Wohnsitz bis zu ihrem Tode - der Vater starb im Sommer 1946, die Mutter fünf Jahre später. Die Briefe aus New York widmen sich der Organisation des Alltags und der Kommentierung des Kriegs; sie klingen besorgt, manchmal sogar deprimiert, etwa wenn Adorno (am 20. Mai 1940) schreibt: "Ich nehme nicht gern große Worte in den Mund, aber, was hier vorgeht, ist kein Weltkrieg mehr, sondern wirklich der Zusammenbruch der Form von Kultur, die seit der Völkerwanderung in der Welt gelebt hat."

Zwischen August 1940 und Juli 1941 bricht der Briefwechsel ab; Eltern und Sohn leben ja jetzt in derselben Stadt. Die Korrespondenz wird erst wieder aufgenommen, als Adorno nach Los Angeles übersiedelt. Die folgenden Briefe zwischen West- und Ostküste bilden den historisch interessanteren Teil der Edition: sie dokumentieren den künstlerisch-intellektuellen Austausch unter den Emigranten, die Hollywood-Partys, die Beziehungen zu Arnold Schönberg oder Thomas Mann (etwa anlässlich der Beratung einiger Kapitel des Doktor Faustus) und natürlich zu Horkheimer oder Hanns Eisler. Zwischen Krankheits- und Finanzberichten erfahren wir auch von der Arbeit an der Dialektik der Aufklärung (gemeinsam mit Horkheimer), und von der Entstehung der Komposition für den Film (gemeinsam mit Eisler).

Thomas Mann wird zwar zu den "Großkopfeten" gerechnet; dennoch schickt Adorno - mit kaum verhohlenem Stolz - den persönlichen Dankesbrief Manns für ein gelungenes Abendessen (am 5.Oktober 1943) an seine Eltern. Benjamin wird selten erwähnt; in einem Brief vom 10. Juni 1943 heißt es vielsagend, er wolle von "einem der merkwürdigsten Menschen" erzählen, nämlich von der Filmschauspielerin Luli Deste, und Adorno fügt in Parenthese hinzu: "wäre nicht Walter Benjamin, würde ich sagen: dem merkwürdigsten".

Die Briefe bezeugen nicht nur das innige Verhältnis des Sohns zu den Eltern, sondern auch den idiosynkratischen Furor gegen den Rest der Verwandtschaft, insbesondere gegen Louis, den Bruder der Mutter. Um seinen Hund Ali Baba zu trösten, habe Adorno "ihm die letzten meiner deutschen Verwandten als Braten versprechen müssen (er rührt nichts Rohes an)"; dem genesenden Vater wünscht er am 28. April 1944, er möge "mit mächtigen Hauern und Wildgebrüll der Brut den Leib aufschlitzen (noch die letzten Verwandten, in England, werden ihm geopfert!), seinem Kind zur Freude! Ich bin so blöd und sadistisch aus lauter Freude, und fletsche die Zähne vor Glück!"

Über eine derart inbrünstige Wut kann man vielleicht noch schmunzeln. Das Lachen vergeht aber rasch, sobald etwa einem Mädchen namens Elisabeth (am 28. Mai 1940) attestiert wird, es leide nicht nur an Emigration und Pubertät, sondern vermutlich auch an einer Psychose, und wenig später (am 23. Juli 1940): "Warum läßt sich Elisabethchen nicht als Nutte ausbilden? Ich bin sicher, daß bei den 2,500.000 Tommies sie in ihrem zarten Alter große Chancen hätte, und vielleicht würden auf diese Weise wenigstens einmal in ihrem Leben ein paar Menschen Spaß an ihr haben." Bedrückender noch als solche Hassausbrüche wirken manche Kommentare zum Krieg oder zum Kriegsende: die triumphierende Bemerkung vom 1. Mai 1945, nun sei eingetreten, "was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot, wahrscheinlich dem Volk das Genick gebrochen, sodaß es als Subjekt aus der Weltgeschichte ausscheidet wie die Karthager nach dem zweiten punischen Krieg", oder die Erwartung, der Krieg gegen Japan werde noch lange dauern, denn "wenn die Japaner geschlagen sind, werden sie ausgerottet, das wissen sie, und werden mit dem Mut der Verzweiflung kämpfen" (17. Januar 1944). Adorno hat wohl nicht geahnt, dass seine Prophezeiung - keine zwanzig Monate später - durch die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zumindest partiell erfüllt werden sollte.

Die Beispiele könnten beliebig vermehrt werden. Sie finden sich allemal in Kontexten, die von familiärer Zärtlichkeit und Intimität Zeugnis geben, nicht zuletzt durch die vielfältigen tierischen Kosenamen, die verwendet werden. So wird die Mutter nahezu immer als "Wundernilstute" oder schlichter als "Nilsau" tituliert, der Vater als "Wildschweinkönig" oder "Haurier"; Adorno selbst nennt sich den "Nilpferdkönig Archibald", seine Frau Gretel figuriert als "Giraffe" oder "Giraffe Gazelle", und manchmal unterschreiben beide als Pferde "Hottilein und Rossilein".

Permanent wird mit diesen Namen gespielt, neue Permutationen werden erfunden; zum Geburtstag am 1. Oktober 1939 erhält die Mutter beispielsweise folgendes Telegramm: "die ehrfürchtigsten glückwünsche der ehrwürdigen mutter MARINUMBA VON BAUCHSCHLEIFER, von ihren treuen kindern NILPFERDKÖNIG ARCHIBALD und gemahlin DIE LIEBE GIRAFFE GAZELLE MIT DEN HÖRNCHEN genannt GAZELLENHÖRNCHEN". In späteren Briefen unterzeichnet Adorno häufig als "altes Kind", so als wollte er seine Eltern auch an die Grenzen jenes Familienspiels erinnern, das selbst dem Namen "Teddie" einen unfreiwillig komischen Akzent zu verleihen schien.

Nach der Lektüre des Briefwechsels, der zum Ende (ab 12. November 1949) auch einige, allerdings wenige Berichte aus Frankfurt - nach Adornos Rückkehr - einschließt, bleibt der Leser mit gemischten Gefühlen zurück. Wollte er überhaupt wissen, was ihm hier alles mitgeteilt wurde? Wollte er tatsächlich Zeuge dieser privaten, ungeschützten, auch stilistisch nur entfernt an den großen Philosophen und Ästhetiker erinnernden Kommunikation werden? Müssen denn - zum hundertsten Geburtstag - auch die infantilsten, die hintersten Seiten einer unstrittig bedeutenden Persönlichkeit erhellt werden? Zum Ende wird wieder wichtig, was Adorno schon früh, am 6. Dezember 1939, seine Eltern fragte: "Ist nicht überhaupt das Schreiben von Familienbriefen von allen an alle unmenschlich und macht jede wirklich spontane Äußerung unmöglich?"

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare