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"Europa steht auf der Kippe": Politikwissenschaftler Claus Leggewie (l.) und Buchpreisträger Robert Menasse sprechen mit FR-Redakteur Christian Thomas über die Zukunft Europas.

FR auf der Buchmesse

Macron ist Europas letzte Chance

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Buchpreisträger Robert Menasse und Politologe Claus Leggewie diskutieren mit FR-Redakteur Christian Thomas über die Zukunft Europas. Ihr Fazit fällt düster aus.

Als Emmanuel Macron am Dienstag in der Goethe-Universität seine vielbeachtete Rede über Europa hielt, weilte Claus Leggewie gerade im litauischen Vilnius. Die Worte Macrons hat der Politikwissenschaftler trotzdem genau verfolgt – und versteht sie als deutliches Warnzeichen. „Es ist zum vierten Mal der Versuch von Macron, die deutsche Politik aufzuwecken und zu sagen: Könnt ihr bitte mal antworten auf das, was ich die ganze Zeit vorschlage?“, sagt er, als er am Donnerstagmittag auf der Bühne im Lesezelt der Buchmesse sitzt. Mit Buchpreisträger Robert Menasse diskutiert er im Lesezelt über die Zukunft Europas, moderiert von FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas.

Beide Autoren sind glühende Verfechter der europäischen Idee – das merkt jeder, der an diesem Mittag im Publikum sitzt.  Das Bild, das die beiden von Europa in seiner aktuellen Verfassung zeichnen, könnte düsterer allerdings kaum sein: „Europa steht tatsächlich auf der Kippe“, sagt Politologe Leggewie. Sowohl die deutsche Politik als auch die deutsche Öffentlichkeit hätten eher Vorbehalte gegen Macron und dessen weiterführende Ideen. „Ich kann das nicht verstehen, weil das die letzte Chance ist, die Europa im Moment hat.“

Robert Menasse und Claus Leggewie treffen sich nicht zum ersten Mal und sie diskutieren auch nicht zum ersten Mal über Europa. Grundsätzlich seien sie sich einig über die Bedeutung des europäischen Projekts, sagt Menasse. „Erstens haben wir zu verstehen, zweitens zu verteidigen und drittens produktiv zu kritisieren.“ Die beiden wagen den ganz großen Rundumschlag, sie sprechen über alles, was das europäische Projekt bedroht: über Trump, Erdogan und Putin, über die AfD genauso wie über das Vorurteil, die EU würde sowieso nicht funktionieren – aber auch darüber, wie nationale Regierungen solche Vorurteile zusätzlich schüren.

Menasse nennt als Beispiel den Versuch der EU-Kommission im Jahr 2015, eine gemeinsame europäische Asylpolitik zu entwerfen. Der Entwurf sei zerrissen worden, wegen eines Vetos aus Österreich, der Slowakei, Ungarn und Polen, „mit der Begründung: Wir lassen uns von Brüssel nicht vorschreiben, wie viele Flüchtlinge wir aufzunehmen haben“, erinnert Menasse. Kurz darauf habe er den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz den Wählern im Fernsehen sagen hören: „Ihr seht, Europa funktioniert nicht, wir müssen eine nationale Lösung finden.“
Man müsse einfach immer wieder diese Dinge ansprechen und erklären, woher das Nicht-funktionieren der Europäischen Union komme, sagt Menasse. „Wir müssen darüber diskutieren, wie eine nachnationale Demokratie aussehen kann.“ 

Politikwissenschaftler Claus Leggewie hat noch eine ganz andere, pragmatische Idee: „Die Haupstadt“ – der Brüssel-Roman,für den Robert Menasse den Deutschen Buchpreis bekommen hat – solle in jeder Schule ausliegen. „So lebendig, wie er das beschreibt, ist das die ideale Lektüre für Leute, die europamüde sind. Es ist das beste politische Bildungsbuch, das es zu Europa gibt.“

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