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Autorin Julia Schoch.

Wenderoman

Was macht es mit uns, wenn alles anders ist?

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Gar nicht so viel, erfahren wir in Julia Schochs starkem Wenderoman "Schöne Seelen und Komplizen".

In eine Schulhofmauer waren Namen eingeritzt, jetzt sind sie schon lange wegsaniert. Zwei Ehemalige unterhalten sich darüber. „Es hat uns also nie gegeben“, meint Lydia. „Wenigstens bleiben uns die Erinnerungen, so ist die Vergangenheit nie tot, sagte ich und kam mir diesmal selbst dumm vor. Lydia sah mich amüsiert an, die Vergangenheit ist nicht tot, Steffi? Wo hast du das denn her? Und ob sie tot ist, sagte sie, du machst dir keine Vorstellung, wie tot.“ 

Als Lydia Gebauer und Stefanie Kuhn, Ellen Röder und Falk Brandtmeier, Britta Peters und Franziska Stellmacher, Ruppert Klose, Rebekka Wendlandt, Bodo Stamm, Tomas Krohn, Alexander Wagenthaler, Christoph Zietow, Kati Viehweg, Cornelia Tessmann, Martin Hehnlein und Vivien Korbus hier zur Schule gegangen sind, gab es die DDR noch. Man kann es sich heute fast nicht mehr vorstellen, aber hier passiert es wirklich. Es gibt Wehrkunde, Russischunterricht und Jugendweihe, und im Sommer 1989 wird es immer unruhiger, aber mit unbekanntem Ausgang. Menschen verschwinden Richtung Ungarn, es gibt Eltern, die ihre Kinder zurücklassen und nicht wissen können, für wie lange, und in der Schule wird über nichts anderes mehr gesprochen, aber nicht im Unterricht. Die einen Schüler werden frech und die anderen machen weiter wie immer. Dann ist die Mauer offen. Jetzt ist der Direktor weg, die Schüler werden wirklich frech. Dann ist ein neuer Direktor da, einer aus dem Westen, und die Kollwitz heißt jetzt Luisengymnasium. Ellen zum Beispiel engagiert sich bei der Antifa gegen die neuen Rechten, da gibt ihr der neue Direktor den Rat, aufzupassen, da sie doch Jura studieren wolle. 

Es ist also alles anders und es beeinflusst auch das Leben fundamental, davon handelt das Buch. Aber je länger es dauert, desto unsicherer wird man beim Lesen. Die fundamentale, unleugbare, gigantische Veränderung wird für den einzelnen immer relativer. Am Ende besteht sie vor allem darin, dass man jetzt reisen kann, übrigens auch reisen muss. Natürlich ist das sehr wichtig, privat, beruflich, schön ist es auch. Und doch sieht man die Figuren feststecken in ihren Leben, ihren aus verschiedenen Gründen stressigen Leben mit anstrengenden Berufen, verunglückten Ehen, Alltagssorgen sondergleichen, mit einem gehörigen Maß an Einsamkeit. Ohne Zeit zum Nachdenken allemal. Die fundamentale Veränderung, sie hat stattgefunden, ist auch keine Enttäuschung, ist auch gut. Aber dann ist es eben weitergegangen, Abitur, Studium, Ehe, Ende der Ehe. Reisen. 

9. November ist eine Leerstelle im Buch

Der 9. November selbst ist ohnehin eine Leerstelle im Buch. Es gibt ein Kurz-Vorher und ein Einige-Jahre-Nachher und ein Viel-Später. Man richtet sich ein, man blickt kaum zurück. Franziska hat als einzige in den Westen geheiratet. Ihr Mann scherzt gerne über ihre „Ostbittermiene“, ihren „Duckreflex“, Jahrzehnte nach dem Mauerfall inzwischen. Stefanie, die mal ganz auf Linie war, erklärt: „Ich bin der Ansicht, man muss auch stolz sein dürfen, beide sind wir dieser Ansicht.“ Der andere ist ihr Mann („mein Mann“, sagt sie nur, aber es ist anzunehmen, gut vorstellbar, dass es der Michael von einst ist). Zu sagen, dass jetzt alles anders ist: Es stimmt und stimmt auch wieder nicht. Das Epochale an einer epochalen Situation geht unter Umständen an uns vorüber. 

Nun der Reihe nach: Der neue Roman von Julia Schoch, die sich, vielleicht, weil sie auch viel übersetzt, Zeit lässt zwischen ihren Veröffentlichungen – der letzte Roman, „Selbstporträt mit Bonaparte“, erschien 2012 –, ist in seiner Struktur von raffinierter Einfachheit. Es gibt zwei Teile, Teil eins spielt „1989–1992“, Teil zwei „heute“. Es gibt 16 Schülerinnen und Schüler, die 1989 auf einer Käthe-Kollwitz-Oberschule Richtung Abitur arbeiten. Es gilt als offenes Geheimnis, dass es sich hierbei um die damalige Helmholtzschule in Potsdam handelt, die auch Schoch selbst, Jahrgang 1974, besuchte (ab 1990 aber). Also ist es eigentlich kein Geheimnis, Schoch erwähnt es nur nicht, erwähnt auch Potsdam nicht – wie praktisch nie in ihren Büchern, in denen es höchstens zu einem P. kommen darf. 

Lokalkolorit, das wird deutlich, soll vom Gang des Nacherlebens nicht nach links und rechts ablenken. Es geht um das Exemplarische im Individuellen. Ein Ort in Ostdeutschland, mit verlottertem Stadtkern, einst begehrter, nun schon recht öder Plattenbausiedlung und mit einer Eliteschule, wie sie in den Achtzigern im Osten vielleicht sogar häufiger war als im Westen. 16 Stimmen kommen in kürzeren und längeren Kapiteln zu Wort. Sie haben Vor- und Nachnamen wie echte Menschen. Sie sprechen als Ich-Erzähler und Zeitzeugen, die aber nur aus der Situation heraus berichten können und darum – wie alle Zeitzeugen, während sie tatsächlich Zeugen sind – nur halb im Bilde sind. 

Zuerst geht es ohnehin um die Schule und auch die Liebe, Rivalitäten und Eifersüchteleien, pubertäre Gereiztheiten, rund um eine geplante Theateraufführung. Lydia wollte gerne Sartres „Fliegen“ zeigen, um in Richtung eines bestimmten Jungen einen bestimmten Satz schleudern zu können: „Geh, schöne Seele. Ich kann nichts anfangen mit schönen Seelen: einen Komplizen wollte ich.“ Das sind so Stimmungen, viele werden sich erinnern, einen Mauerfall braucht es nicht dazu. „Schöne Seelen und Komplizen“ ergab gleichwohl den privat-poetischen Titel für einen – ironischer Dreh – zeithistorisch-prosaischen Roman.

Zwischen Ärger mit Lehrern und heimliches Verliebtsein drängen sich die politischen Ereignisse eher indirekt. Als Lydia zum ersten Mal in den Westen fährt, sieht sie ausgerechnet Arno, den sie mal gut fand. In Teil 2 wird sie Wolf geheiratet haben, den einst lässigsten Jungen der Schule, aber sie fürchtet, dass auch drei Tage Paris nicht ausreichen werden „unsere verfahrene Ehe“ wieder in gute Bahnen zu lenken. Wie der erste Teil wechselt auch der zweite die Stimmen alle paar Seiten aus. 

Schochs Roman beginnt in einem Paralleluniversum

Obwohl zu merken ist, dass Schoch viele Informationen und Lebenswege unterbringen will – verkorkste Laufbahnen, Bienenfleiß, Frustrationen, aber auch kleines bürgerliches Glück –, gelingt die Stimmführung elegant und beiläufig. Manchmal ist der Ton charakteristischer, forciert wirkt es nie. Vorzüglich gelingt es, der Teenager-Altklugheit das im Grunde ratlosere, unsicherere Erwachsensein gegenüberzustellen. Überraschend sind die Entwicklungen nicht, aber auch Folgerichtigkeit ist spannend. 

Die damals politisch Engagierten bleiben gesellschaftlich interessiert, sind Netzwerker, hilfsbereite Mitmischer, können einem auch auf die Nerven gehen. Die nachwachsende Generation kommt ihnen unpolitisch vor. Die damals Angepassten passen sich wieder an und bauen sich gemütliche Nester. Die Intellektuellen haben es weiterhin schwer, es ist immer schwer, intellektuell zu sein. Dafür scheinen sie am wenigsten DDR-geprägt und kommen sie der Leserin aus dem Westen am bekanntesten vor. Alleine bleibt der sterbende Bodo, schon immer gestört, dabei mit schockierendem Gedächtnis und Überblick (also dem, was den anderen fehlt). 

Schoch hat Tragödien eingebaut und kleine Geheimnisse. „Schöne Seelen und Komplizen“ ist ein nicht zuletzt sehr unterhaltsamer Roman, der in einer anderen Welt beginnt, in einem Paralleluniversum.

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