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Bascha Mika, Hannah Lühmann, Anne Wizorek (von links nach rechts) diskutieren über Sprache und Macht.

Buchmesse

Die Macht der Sprache

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FR-Chefredakteurin Bascha Mika diskutiert mit zwei Streiterinnen zum Thema Gendern.

Bei der ersten Frage waren sie sich noch einig: Ja, Sprache ist stets die Begleiterin von Herrschaft. Bei der zweiten Frage, die FR-Chefredakteurin Bascha Mika ihren beiden Diskutantinnen Hannah Lühmann und Anne Wizorek am Freitagnachmittag bei einer Gesprächsrunde stellte, die sie in Kooperation mit der ARD und der Buchmesse auf der ARD-Bühne moderierte, gingen die Meinungen schon auseinander.

Lühmann, Kulturredakteurin der „Welt“, glaubt nicht, dass man die Sprache verändern müsse, um auch eine Bewusstseinsveränderung beim Thema Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Die feministische Aktivistin Wizorek, die 2013 mit dem Hashtag #aufschrei eine neue Sexismus-Debatte in Gang gebracht hatte, hingegen schon. 

Damit kam eine kontrovers geführte Debatte rund um das umstrittene Gendern in Gang – umstritten auch, weil das Ringen um eine geschlechtersensible Sprache aneckt. „Da ist dann von Gender-Wahn die Rede, und dazu gehört eben auch das Gendern in der Sprache, nicht nur die Gender-Studies“, konstatierte Mika. Von ihren beiden Streiterinnen wollte sie wissen, warum sich die Rechten „derart auf die Gender-Frage stürzen und eben auch auf die Sprache in dem Zusammenhang“.

Für Anne Wizorek ist das wenig überraschend, „weil diese Frage natürlich elementar damit verbunden ist, wie unsere Gesellschaft letztendlich aussieht“. Denn, so ihre These, wenn die Sprache alle Geschlechter erfassen würde, nähmen sich auch bislang sprachlich außen vor gebliebene Menschen selbstverständlicher in der politischen Teilhabe wahr.

Vor diesem Hintergrund entlarvte sie auch die AfD: „Sie verlachen das zwar gerne als Luxusprobleme, aber am Ende sind sich diese Menschen sehr wohl der Macht der Sprache bewusst – nicht zuletzt nutzen sie selbst Sprache auch, in einer äußert brutalen Form, um ihre Propaganda durchzudrücken.“

Lühmann zufolge bedeute das umgekehrt aber nicht, dass alle deshalb gendergerecht sprechen müssten: „Nur weil es Menschen gibt, die auf dem Schauplatz der Sprache einen Kampf austragen, ist das für mich noch kein Argument, mit Hilfe von Sprache Dinge umzuformen.“

Für sie ist Gendern in der Sprache tendenziell eher symbolisches Handeln, das keinen unmittelbaren Effekt auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit habe. Bisweilen habe sie daher auch Verständnis dafür, dass sich Menschen – sie zuweilen auch – genervt fühlen oder gar eine sprachliche Umerziehung befürchten.

Lühmann verwies etwa auch auf das Duden-Buch „Richtig Gendern“, das Mika mit dem scherzhaften Hinweis mit zur Diskussion gebracht hatte, der Duden sei „bekanntlich der deutsche Oberlehrer, was Sprache angeht“.

Mit ihrer skeptischen Meinung musste Lühmann deshalb einräumen, dass sie „ein bisschen die Hand beißt, die mich füttert“. Denn zusammen mit Wizorek hat sie im Duden-Verlag kürzlich die Streitschrift „Gendern?! Gleichberechtigung in der Sprache – ein Für und ein Wider“ herausgegeben.

Entsprechend halte sie Gendern auch „nicht per se“ für Unsinn, forderte aber eine tiefergehende Debatte darüber, was gendergerechte Sprache genau bedeute, um etwa den Umerziehungs-Vorwurf aus der Welt zu schaffen.

Dem konnte sich auch Anne Wizorek anschließen: „Was in der Debatte verzerrt wird, ist die Tatsache, dass es um Anregungen geht.“ Geschlechtergerechter Sprache würde immer ideologisches Vorgehen vorgeworfen, kritisierte die Feministin. „Aber es wird komplett übersehen, dass es auch eine Ideologie ist, nur in Männersprache zu sprechen.“

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