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Einmal auf der ganz großen Bühne die eigene Musik hören. Ildiko Raimondi in der Wiener Staatsoper, in "Cardillac" von Hindemith, gewissermaßen ebenfalls eine Künstleroper.
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Einmal auf der ganz großen Bühne die eigene Musik hören. Ildiko Raimondi in der Wiener Staatsoper, in "Cardillac" von Hindemith, gewissermaßen ebenfalls eine Künstleroper.

Helmut Krausser „Alles ist gut“

Die Macht des Melos sei mit ihm

  • VonKatharina Granzin
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Helmut Krausser entwirft in seinem neuen Roman „Alles ist gut“ das selbstironische Drama eines verkannten Komponisten. Denn Krausser schreibt auch Opern, nur will sie bisher kein Theater aufführen.

Manchmal gibt es einen, der hat einen Schaffensdrang, der für drei Menschen reichte. Dann ist es nicht genug, Schriftsteller zu sein. Vielleicht ist das Schreiben auch eine zu lautlose Disziplin, eine, mit der man, um buchstäblich Gehör zu finden, sich immer erst hinstellen und das Geschriebene mit erhobener Stimme vorlesen muss. Die Performance ist in der Literatur jedoch ein sekundärer Akt. Da gibt es eine andere Kunst, die deutlich direkter auf das Gehör zielt: die Musik.

Der Schriftsteller Helmut Krausser arbeitet auch als Komponist. In seinem Leben als Tonsetzer hat er in den vergangenen Jahren (mindestens) drei Opern geschrieben sowie zahlreiche kammermusikalische Werke. Krausser, der Autor, hat während dieser Zeit wohl etwas zurückgesteckt, war aber keineswegs untätig (zu der kleineren, alltagsnahen Prosa, die zuletzt entstand, gehört auch eine im Frühjahr dieses Jahres erschienene „Gebrauchsanweisung für den FC Bayern“).

Dann hat der Komponist Krausser wieder eine Pause eingelegt und der Schriftsteller sich hingesetzt, um seinen monumentalen Roman „Melodien“ zu überarbeiten, mit dem er vor mehr als zwanzig Jahren erstmals großflächig Aufmerksamkeit auf sich hatte ziehen können. „Melodien“ handelt, vor allem, vom Komponieren. Die neue Fassung kam im vergangenen Herbst heraus. Gleichsam nebenbei entstand auch noch ein neuer Roman, der jetzt unter dem Titel „Alles ist gut“ erschienen ist. Er kann ganz unabhängig von „Melodien“ gelesen werden, ist aber eine Art Sequel des früheren Werks.

„Melodien“ spielt im Italien des ausgehenden Mittelalters beziehungsweise der Renaissance und vereinte in einer losen Rahmenhandlung die Geschichten mehrerer Komponisten und Musiker, die eines verbindet: die Suche nach der ultimativen Melodie. Krausser entwirft die fiktive Gestalt eines Magiers, der zwar glücklos bei der Herstellung von Gold, aber dann erfolgreich darin ist, eine Reihe von magischen Melodien zu erfinden, die in den Menschen unweigerlich bestimmte Wirkungen hervorrufen.

In „Alles ist gut“ nun sind diese machtvollen Tonsequenzen nach vielen Irrwegen in der Jetztzeit angekommen. Auch der Protagonist des neuen Romans ist Komponist: Marius Brandt lebt in einer Berliner Altbauwohnung und in den üblichen prekären Verhältnissen akademischer Freiberufler. Im Musikbetrieb schlägt er sich mit seinen neotonalen Arbeiten mehr schlecht als recht durch. Mit seinen Opern stößt er bei den desinteressierten bis arbeitsscheuen Dramaturgen des Landes im besten Fall auf höfliches Desinteresse.

Da gelangt durch eine sehr merkwürdige Verkettung von Ereignissen, in die auch sein polnischer Hausmeister verwickelt ist, ein Konvolut alter handgeschriebener Noten in Brandts Besitz. Er sieht auf den ersten Blick, dass sie musikalisch wertlos sind, begreift jedoch bald, dass die Noten nur einen Code für eine weitaus bedeutendere Musik darstellen.

Auf verlorenem Posten

„Alles ist gut“ ist kein Roman im klassischen Sinne. Wie „Melodien“ ist es ein Ideenroman, der seine Idee hübsch in eine flott zu lesende, turbulente Rahmenhandlung verpackt. Die es allerdings in sich hat. Die Hauptidee ist hier nicht mehr die Suche nach der ultimativ wirksamen Melodie (die kommt ja ungerufen ganz von selbst), sondern das Drama des verkannten Komponisten. Marius Brandt ist einer, der sich als Anhänger des „Melos“ in seiner, also unserer, Zeit auf verlorenem Posten sieht. Darin ist er eine wunderbare Projektionsfigur für seinen komponierenden Autor, der den Ich-Erzähler Marius dazu verwenden kann, über Musik zu sinnieren und einmal so richtig gegen die Opernverantwortlichen vom Leder zu ziehen.

Und weil ohnehin klar ist, dass dieser Ich-Erzähler in mancher Hinsicht ein Alter ego des Autors ist, lässt dieser es sich nicht nehmen, diese Tatsache auch noch ironisch zu verschleiern: Er lässt eine (ausgesprochen unangenehme) Person namens Helmut Krausser auftreten, die sich als Autor outet und die Fähigkeit hat, Figuren an- und auszuknipsen.

Das alles ist ein großes Spiel, ist witzig, intelligent und so weiter. Krausser kann’s, er weiß, dass er’s kann, und wir dürfen ruhig wissen, dass er’s weiß. Selbstbezüglichkeit an sich ist allerdings noch kein sehr spannendes literarisches Programm. Das Spannendste an diesem Roman ist tatsächlich nicht der Roman als solcher, sondern die Geschichte dahinter: die eines bekannten Autors, der im Moment lieber ein bekannter Komponist wäre, und dafür Videos der Aufführungen seiner Werke selbst auf Youtube einstellt.

Die Opern von Helmut Krausser wurden bisher noch nicht aufgeführt. Und so lange der Komponist darauf wartet, dass die Dramaturgen des Landes doch einmal einen Blick in seine Partituren werfen, nutzt der Autor die Literatur als ironisch verkleidete PR in eigener Sache. Und als therapeutischen Kanal für allerlei Rachephantasien. Praktisch, so eine Doppelbegabung. Mal sehen, welche Fortsetzung auf diese Geschichte folgt.

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