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Macht bleibt Macht

Joseph Nyes Plädoyer für die "soft power" US-Amerikas

Von Ulrich Speck

Von Theodore Roosevelt stammt die Empfehlung an Amerika, zurückhaltend aufzutreten, aber immer einen dicken Stock bereit zu halten. Joseph S. Nye sieht diese beiden Grundpfeiler amerikanischer Außenpolitik derzeit ins Ungleichgewicht geraten: "Nun, da wir den dicken Stock haben, sollten wir uns wieder mehr auf den ersten Teil seines Satzes besinnen. Und wir sollten nicht nur zurückhaltender auftreten, sondern auch deutlicher zuhören."

Auch wenn die amerikanische Originalausgabe von Nyes Buch Das Paradox der amerikanischen Macht bereits im letzten Jahr erschienen ist, wirkt seine Empfehlung unverändert aktuell. Der Harvard-Politologe und ehemalige US-Vizeaußenminister (unter Bill Clinton) skizziert das Programm einer Alternative zum hemdsärmeligen Kurs der Bush-Regierung. Seine zentrale Botschaft dabei ist, die Rolle der soft power nicht zu unterschätzen. Während Neokonservative wie Robert Kagan (Macht und Ohnmacht, Siedler 2002; vgl. FR v. 28. 2. 2003) bei amerikanischer Macht vor allem an den "dicken Stock" denken, also Macht auf militärische Stärke reduzieren, setzt Nye auf einen Mix aus sanften und harten Elementen. Soft power ist die Fähigkeit, Macht indirekt auszuüben: über die Anziehungskraft eines Modells, mit Hilfe von Verhandlungen. Sanfte Macht "kooptiert die Menschen, anstatt sie zu zwingen", und sie verhindert so den Aufbau von Gegenmacht.

Nye beschreibt die neue Rolle Amerikas seit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs und analysiert die Rolle von staatlicher Macht unter den Bedingungen des globalen Informationszeitalters. Hier liegt eine seiner Stärken: Anders als die Neokonservativen integriert er in sein strategisches und machtpolitisches Denken auch die Konsequenzen, die die Globalisierung für herkömmliche Staatlichkeit hat. Selbst wenn auch künftig souveräne Staaten die Hauptrolle auf der weltpolitischen Bühne spielen, haben sich doch die Rahmenbedingungen geändert - "sie werden weniger selbstbeschränkt und durchlässiger". Zudem treten neue transnationale Akteure auf die Bühne, die Druck auf Staaten ausüben können: Die "Kontrollgewalt" der Staaten wird schwächer.

Das hat Folgen für Ausübung von Macht. Unter den Bedingungen weltweiter Vernetzung und globaler Öffentlichkeit gewinnt die weiche Macht an Bedeutung. Doch soft power lässt sich eben, anders als militärische Macht, nicht zentral steuern, sie "erwächst hauptsächlich aus gesellschaftlichen Kräften". Die Staaten können nur hemmend oder fördernd einzuwirken. Insbesondere kommt es dabei auf das Auftreten an: Je arroganter und selbstherrlicher Amerika erscheint, um so mehr verringert es seine weiche Macht.

Nyes Buch ist voller kluger Überlegungen; man liest diese Summe langjähriger Erfahrung in Theorie und Praxis mit großem Gewinn. Der Theoretiker Nye wirft die Frage nach dem Charakter von Macht im 21. Jahrhundert auf. Und der Praktiker Nye zieht die Konsequenzen aus dieser Analyse: Nur wenn sie die Bedeutung der soft power realisiert, wird amerikanische Weltmacht dauerhaft Bestand haben.

Letzten Endes aber ergänzen sich Nye und Kagan: als die beiden Seiten der gleichen Medaille. Kagan hat den dicken Stock im Blick, während sich Nye um das zurückhaltende, freundliche Äuftreten besorgt. Es geht um Stil und Strategie, nicht eigentlich um die Substanz der Macht. Auch wenn Nye die Notwendigkeit internationaler Institutionen betont, so doch im Wesentlichen in instrumenteller Absicht: als Organe amerikanischer Vormacht. Zwar plädiert er dafür, "globale Anliegen" in ein "weitsichtiges Konzept" des nationalen Interesses aufzunehmen. Doch im konkreten Fall soll Washington immer abwägen, ob der unilaterale oder der multilaterale Weg besser zum Erfolg führt (seine "Checkliste" dazu führt sieben Punkte auf). Denn Multilateralismus "darf nicht zur Zwangsjacke" werden.

Man könnte den Ansatz mit "Führen durch Überzeugen" überschreiben. Das ist sympathisch und spricht zudem alle an, die glauben, Konflikte ließen sich in jedem Fall mit mehr oder weniger Diskurs aus der Welt schaffen. Doch was passiert, wenn das noch so weitsichtige Konzept amerikanischer Weltpolitik auf gegenläufige Konzepte stößt, wenn der universalistische Anspruch als partikularistisch gelesen wird: als Vorwand, spezifisch amerikanische Interessen durchzusetzen?

Wenn die soft power am Ende ist, muss auch ein Nye'sches Amerika auf "harte" Macht setzen. Handelt es sich also nur um eine andere Variante des "Multilateralismus à la carte"? Ist es nicht letzten Endes nur eine Stilfrage, ob man (wie die Republikaner) lieber gleich den dicken Stock schwingt oder (wie die Demokraten) erst einmal freundlich lächelt? Auch soft power bleibt vor allem eines: power.

Das mag den amerikanischen Leser beruhigen; den nicht-amerikanischen Leser aber quälen andere Fragen. Ist amerikanische Hegemonie gut für die Welt? Sind wir nicht mehr als Satelliten in einer amerikanischen Weltordnung, bei deren Durchsetzung sich harte und weiche Macht ergänzen? Wer Nyes Buch liest, bekommt einen guten Einblick in die softere Variante amerikanischer Machtstrategie. Und er erfährt erneut, worauf die übermächtige power Amerikas eben auch beruht: auf der strategischen Intelligenz einer Klasse von Politikberatern, die das Feld der politischen Theorie ebenso virtuos überblicken wie das Feld der politischen Praxis.

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