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1955: Sonja Ziemann und Dieter Borsche bei den Dreharbeiten zu „Ich war ein hässliches Mädchen“.

Roman

Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ

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Annemarie Selinkos U-Roman „Ich war ein hässliches Mädchen“ dreht sich um Schönheit und um Freiheit.

Annemarie Selinkos literarisches Debüt „Ich war ein hässliches Mädchen“ hat mit seinem ungewöhnlichen Titel und durch die spätere Verfilmung mit Sonja Ziemann und Dieter Borsche die Jahrzehnte überdauert. Eine Neuedition im Milena Verlag, der schon den Roman „Heute heiratet mein Mann“ reaktiviert hat, gibt Gelegenheit, sich diese seltsame, durchaus schillernde Geschichte im Gewand eines kecken Unterhaltungsromans aus dem Jahre 1937 anzuschauen. Die Autorin, deren jüdische Herkunft nun plötzlich eine Rolle spielt, wird ein Jahr später mit ihrem Mann, einem dänischen Diplomaten, von Wien nach Kopenhagen gehen und sich so, anders als ihre dann in Auschwitz ermordete Schwester, der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entziehen können. Nach der Besetzung Dänemarks engagiert sie sich im Widerstand, flieht weiter nach Schweden.

In „Ich war ein hässliches Mädchen“ zeigen sich jedoch keine politische Schatten. Der Erste Weltkrieg, der noch nicht Erster Weltkrieg heißt, und der anschließende Umbruch haben die Familie des „hässlichen Mädchens“ allerdings finanziell ruiniert. Die von den Zeitläuften überforderten Eltern setzen auf eine gute Partie für die ältere, hübsche Tochter. Als sich unerwartet auch für die jüngere Möglichkeiten auftun, ist es ihnen recht. „Man fragt besser nicht genau nach, was die beiden so treiben“, schreibt Evelyne Polt-Heinzl im Nachwort.

Der bürgerlichen Form wird jedoch Genüge getan, als die jugendliche Anneliese erstmals geschminkt nach Hause kommt. „Das Familiengewitter dauerte gar nicht sehr lange. Mama sagte, dass der Reiz junger Mädchen in ihrer Natürlichkeit besteht. Und Papa wetterte über den schlechten Einfluss, den die Mädchen im Strickwarengeschäft auf seine Tochter auzuüben scheinen. Er hätte das immer gewusst, dieser würdelose Beruf!“ Dann hört man sich im Radio die „Meistersinger“ aus der Staatsoper an.

„Ich war ein hässliches Mädchen“ ist eine Pygmalion-Geschichte, deren Protagonisten allesamt in oberflächlichen gesellschaftlichen Zwängen feststecken und sich diesen auch nicht oder bloß lässig entziehen. Darum handelt es sich um einen im Ton ungezwungenen, federleichten U-Roman und nicht um ein Drama. Anneliese, die selbst erzählt, lernt durch Zufall den berühmten Schauspieler und Bühnenautor Claudio kennen, dem sie – so muss es sein – irgendwie auffällt. Er nimmt sich ihrer zunächst mäßig engagiert an, vermittelt ihr einen Kontakt, der sie in einen sehr guten Kosmetik- und einen sehr guten Friseursalon schickt. Der Kontakt, eine ältere, schöne, berühmte Frau, erklärt dem hässlichen Mädchen die Faustregel: „Wirkung ist alles. Männer müssen glauben, dass eine Frau schön ist. Dann – ist sie auch schön ... .“

Annemarie Selinko: Ich war ein hässliches Mädchen. Roman. Milena, Wien 2019. 244 Seiten, 24 Euro.

Claudio selbst – so sind die Männer, lernt man hier, und die Frauen sind auch so, seit Männer etwas für sich tun – will gar nicht genau wissen, warum Anneliese bei jeder Begegnung etwas netter aussieht. Denn die Kosmetikerin und die Friseurin, sie leisten ganze Arbeit und diese wird hier nicht beiläufig abgehandelt. Der Erfolg von „Ich war ein hässliches Mädchen“ beruhte nicht zuletzt darauf, dass Selinko intime Einblicke ins Geschehen gab, offenherzig und detailliert und nach Art von „Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ“. Sie war nicht die einzige – sogleich wurde sie mit Vicki Baum verglichen, deren Schönheitssalon-Komödie „Pariser Platz 13“ ein paar Jahre zuvor von Gustaf Gründgens uraufgeführt worden war (und allerdings durchfiel). Und sie war auch nicht die einzige, deren Sinn für Ironie und Selbstironie unterschätzt wurde.

Interessant zum Beispiel, dass die jungen Frauen von den Eltern recht unverblümt auf den Heiratsmarkt geschickt werden, dass der schmucke Promi Claudio aber auch seinerseits als Sexobjekt behandelt wird. „Schweigend trabte ich neben Claudio die Kärntner Straße entlang. Es war viel Wirbel um uns, immer ist das so, wenn sich Claudio Pauls auf der Straße zeigt. Leute drängten sich wie zufällig heran und starrten ihm ins Gesicht. Junge Mädchen flüsterten ,süß‘ und ältere Damen rückten Lorgnons und meinten ganz laut: ,Im Leben wirkt er etwas älter als auf der Bühne.‘“

Interessant zum Beispiel auch, dass Anneliese zwar backfischhaft von der großen Liebe träumt, dass aus ihrer Sicht aber auch Sex völlig selbstverständlich dazugehört. „,Thomas, setz dich doch auf das kleine Kanapee in der Ecke‘, sagte ich leiste. Thomas setzte sich, und ich ging zu ihm. Er sah mich etwas überrascht an. Später erzählte er mir, dass ich mich sehr brav an jenem ersten Abend benommen hätte. So sicher. So – routiniert. Er hätte sich alles viel schwieriger vorgestellt. Ich war nicht routiniert, Thomas. Nur sehr jung und verliebt.“ Im Film kommt das nicht vor, Annemarie Selinko war den fünfziger Jahren weit voraus.

Aber wer ist Thomas? Im Film Karlheinz Böhm, im Buch ein kleiner Fehlgriff. Das kann einer Frau passieren, das Leben geht anschließend tadellos weiter.

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