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Mach mir mal ´ne heiße Milch

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Von: Christoph Schröder

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Und wer nicht alles da ist: Journalistenkollegen en masse, Lektoren, Verleger, Autoren und maasig junges Szenevolk. Das Open Mike in der Kulturwabe auf dem Prenzlauer Berg als Selbstversuch. Von Christoph Schröder

Die verspiegelten Fensterscheiben, so erzählt in der Pause einer, der es wissen muss, würden viel zu wenig beachtet. Die seien einst der ganze Stolz der DDR-Ingenieurskunst gewesen. Siehe Palast der Republik. Siehe aber auch: Kulturwabe auf dem Prenzlauer Berg.

Dort, in einem langsam anranzenden Vorzeigebau der späten sozialistischen Republik, geht nun schon seit einigen Jahren hinter verspiegeltem Glas der von der Literaturwerkstatt Berlin ausgerichtete Open Mike über die Bühne, die "Nachwuchsmesse des deutschen Literaturbetriebs", wie es heißt, der bedeutendste Contest für deutschsprachige Jungautoren.

Wer als eingefleischter Westdeutscher ohne DDR-Migrations-, dafür aber mit nicht-traumatischem Bildungsbürgerhintergrund zum ersten Mal dem Open Mike beiwohnt, muss das als eine Art von Selbstversuch betrachten. Da ist es also, "das Labor" (Ulla Unseld-Berkéwicz) Berlin, das energetisch-kreative literarische Kraftfeld, in dem, wie das Klischee besagt, mindestens jeder Zweite Twentysomething einen nicht publizierten Roman im jederzeit demonstrativ aufgeschlagenen Laptop gespeichert hat.

Ein Hauch von Bedeutsamkeit liegt in der rapide schlechter werdenden Luft der voll besetzten Kulturwabe, von Beginn an. Immerhin hat der Open Mike Preisträgerinnen wie Kathrin Röggla (die nun gemeinsam mit Jens Sparschuh und Ursula Krechel die Jury bildet), Karen Duve, Julia Franck oder Terézia Mora hervorgebracht.

Und wer nicht alles da ist: Journalistenkollegen en masse, Lektoren, Verleger, Autoren und jede Menge junges Szenevolk. Zu Beginn werden ausdrücklich die Gäste aus Frankfurt begrüßt, seltsam. Die Frankfurter Literaturreferentin ist auch da. Vielleicht träumt sie von einer solchen Veranstaltung in ihrer Stadt. Da gibt es allerdings keine Kulturwabe, nur ein neoklassizistisches Literaturhaus. So weit, so gut. Dann kommen die ersten Texte. Das ist dann nicht mehr so gut.

Maximal 15 Minuten Zeit hat jeder der insgesamt 20 Autoren in den Kategorien Prosa und Lyrik für seinen Auftritt. Dann klingelt ein Wecker, der den Vortrag beendet. Der wird dieses Mal allerdings nicht gebraucht. Sollte der Open Mike tatsächlich ein Gradmesser dafür sein, was sich in den kommenden Jahren in die Verlage hinein- und zwischen Buchdeckel laboriert, muss man zumindest nach dem ersten Tag (und mit wenigen Ausnahmen) den Gedanken fassen, sich in Zukunft lieber auf die fremdsprachigen Bücher zu konzentrieren.

Man könnte meinen, in einer Art von Literatur 2.0 gelandet zu sein - Mitmachtexte für alle, die auch mal etwas schreiben wollen und so reden, wie es ihnen eben einfällt: "Die vielen Enttäuschungen, das Hadern mit dem eigenen Schicksal, das Infragestellen des kreierten Selbst, aufgeworfen durch zu wenig oder zu viel Gefühl, hin und her gerissen zwischen ohnmächtiger Wut und immerwährender Hoffnung."

Einer der Lektoren, der aus den 700 eingesandten Texten eine Auswahl treffen musste, sprach einmal vom Sound, der ihm gefallen habe. Es scheint, als sei manchmal vergessen worden, dass der Sound auch ein paar Gedanken transportieren sollte. Aber nein, "der Tisch unterscheidet sich nicht wirklich von deiner Hand und nicht wirklich von dem Mobiltelefon", "ich stand noch einmal auf, um mir eine heiße Milch zu machen, aber auch das half nicht wirklich", und überhaupt: "Wir dachten immer, unsere Großeltern wären unkaputtbar." Ein flotter Zeitschriften-Kolumnenunterhaltungston bahnt sich da an, lifestyletechnisch bestens abgefüttert und hin und wieder abgesichert mit Emanzipationsrhetorik. Nicht literaturfähig, wirklich nicht.

Die immer wieder geforderte Welthaltigkeit - es gab sie: Zwischen Mittelalter und Gegenwart, zwischen China, New York und dem Wilden Westen pendelten die Beiträge. Man müsste darüber eben auch nur etwas mehr zu sagen haben außer, dass man da war. Die drei guten Nachrichten: Erstens: Die Jury fand zwei Prosatexte, die sie schließlich mit dem geteilten Preis bedachte. Zweitens: Es waren die beiden besten Texte des Wettbewerbs.

Der Beitrag des 1977 geborenen Matthias Senkel "Peng. Peng. Peng." erinnerte in seiner rasanten Vernetztheit an das Bauprinzip von Norbert Zähringers jüngstem Roman "Einer von vielen" (von fern winkt Pynchon) und erzählte auf geschickte Weise die naturgemäß brutale Geschichte einer Pistole in Form einer Familienchronik. Inger-Maria Mahlke, Teilnehmerin der Prosawerkstatt des LCB, erzeugte in ihrer Erzählung "Potulski I" (ein Auszug aus einem längeren Prosastück) mit sparsamen Mitteln eine beklemmende Stimmung.

Die dritte gute Nachricht steht in Verbindung mit dem dritten Preisträger: Konstantin Ames überzeugte Publikum und Jury mit seinen zwischen Sprachwitz und heiligem Ernst flackernden Gedichten, und er war nicht der einzig preiswürdige Lyriker des Wettbewerbs. Was wieder einmal zeigt: Zumindest in dieser Gattung gibt es, wie die Veröffentlichungen der vergangenen Jahre zeigen, keine Nachwuchssorgen. Vielleicht ist jede Sorge aber auch unbegründet: 700 Einsendungen, 20 Autoren, drei unpeinliche Preisträger. Nicht schlecht. Nicht wirklich.

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