Mit dem totgesagten Park wird doch nicht etwa eine Gegend in Cottbus gemeint sein?
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Mit dem totgesagten Park wird doch nicht etwa eine Gegend in Cottbus gemeint sein?

Ostdeutschland

Lyrikinteressierte Stinkstiefel

  • vonUlrich Seidler
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André Kubiczeks Heimatlosigkeitsroman „Komm in den totgesagten Park und schau“ liest sich gut und macht unfroh.

Das ist hart für Cottbus. In André Kubiczeks neuem Roman mit dem hochtönenden Titel „Komm in den totgesagten Park und schau“ könnte mit ebendiesem Park ein Cottbusser Wohngebiet gemeint sein, eine Plattenbausiedlung, die gerade zurückgebaut wird, wie es so schön heißt. Auf einer noch nicht wieder aufgeforsteten Brache hinterm Aldi, zwischen Ernst-Mucke- und Gotthold-Schwela-Straße, da, wo einst die „Wohngebietsgaststätte“ stand, kreuzen sich Trampelpfade – Anzeichen von Leben! Der Literaturwissenschaftler Veit, Spezialgebiet DDR-Lyrik, will seiner farbigen Studentin Noa seine alte Heimat zeigen. Er wird sie etwas später kurz aus den Augen lassen und dann nie mehr wiedersehen

In der flirrenden Augusthitze stoßen die beiden tatsächlich auf einen leibhaftigen Einheimischen: „Er steckte in weiten Camouflage-Shorts und trug über seiner Wampe eines dieser ornamental völlig überfrachteten Yakuza-T-Shirts mit einem Totenschädel als Hauptmotiv, unter dem sich eine Kalaschnikow und ein Oberschenkelknochen kreuzen“. Veit kennt ihn von früher, das ist „Endsieg-Matze“, der allerdings auf den vorderen Teil des einst selbst ausgesuchten Spitznamens nicht mehr hören will. Matze betreibt einen Imbiss und erweitert gerade das Unternehmen. „Ick mach jetzt auch Catering… Bouletten, Schnitzel, kalte Platten, aber ooch Wurstgulasch mit Spirellis oder Erbsensuppe aus der Gulaschkanone“.

Damit ist Matze, der nur eine Nebenrolle spielt, der einzige, der so etwas wie einen Plan für die nähere Zukunft hat und über Tatkraft verfügt. Alle anderen sind antriebslose Loser, Pechvögel, Erniedrigte und Beleidigte: Besagter Veit führt ein Zweitleben als Querfront-Internet-Troll, worüber er langsam verfettet und vereinsamt. Dessen Uni-Kollege Marek, der sein zweites Glück mit einer brasilianischen Frau und deren heranwachsenden, leider auch verwahrlosenden Töchtern ausprobiert. Und Felix, Mareks Sohn aus erster Ehe, ebenfalls ein sozial talentloser Literaturnerd, der in Bonn gerade das Abitur mit Bestnoten abgeschlossen hat und sich von der Frau verlassen glaubt, die keine Ahnung hatte, jemals mit ihm zusammen gewesen zu sein.

Felix macht sich auf die Suche nach seinem Vater, der wiederum auf der Flucht vor dem Jugendamt ist und von Veit gerade mit auf den Pfad der Rache genommen wird. Ihre Trampelpfade treffen sich, es verschlägt die drei frustrierten Stimmungskanonen in die Illegalität und in eine Ferienhütte irgendwo in Tschechien, wo es langsam Winter wird. Das trägt nicht zu gesteigertem Humor bei.

Der Roman besteht zu großen Teilen aus Briefen, die Felix seiner Pseudofreundin schreibt und Marek seinem Sohn, der ihm frierend gegenüber sitzt. Eine ziemlich papierne Konstruktion, zumal die DDR-Lyrik als kopfschmerzverursachendes Grundmotiv behauptet wird und so gar nichts von ihrer Lust an Rebellion und Lebenssehnsucht freisetzt, vielleicht zu den falschen Autoren geforscht? Das authentische Lokalkolorit hat seinen Reiz, neben jener Cottbusser Brache spielt auch die Gegend um die Berliner Kneipe „Der Leibarzt“ eine wesentliche Rolle, das ist dort, wo der durchgentrifizierte Prenzlauer Berg an die Weiten Sibiriens grenzt, am S-Bahnhof Landsberger Allee.

Der einzige Handlungsantrieb der Figuren ist negative Energie. Hoffnung gönnt ihnen der Autor nur als retardierendes Mittel, um die Fallhöhe zu steigern. Selbstmitleid und Selbstüberdruss liefern sich ein Rennen. Ihr Sarkasmus befreit die Figuren nicht, sondern klemmt sie immer fester ein. Trotz der Perspektivwechsel lässt sich die Handlung gut nachvollziehen. Die Spannung wird gehalten, auch wenn das Ende dann nicht nur nicht happy ist, sondern auch keine ordentliche Katastrophe bietet. Es bleiben Rätsel und Resignation. Man verabschiedet sich fast erleichtert von den drei Jammerlappen, denen man zur Aufmunterung gern in die Hintern treten würde. Mehr Empathie lässt sich kaum aufbringen.

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