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Lydia Davis versteht sich auch auf Hinterlist.

Lydia Davis‘ „Es ist, wie’s ist“

Leben in der Nussschale

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Es ist, wie’s ist“, Stories von Lydia Davis, Meisterin der Kürzestgeschichte.

Alles kann passieren in den Geschichten der Amerikanerin Lydia Davis. Eine Frau kann mit einer Oboe masturbieren (meint jedenfalls die mithörende Nachbarin in der Wohnung drunter). Kakerlaken können auseinander stieben wie – „Rosinen“. Mr. Burdoff macht einen Sprachkurs und „rangelt“ hinter einer Statue von Leopold Mozart, bei welcher Tätigkeit er versucht, Helens „klammes Mieder“ hochzurollen. In anderen Stories sind „sie und ihr Ehemann“, namenlos, so nervös, dass sie ständig auf die Toilette gehen müssen. Oder isst eine alte Dame, ebenfalls namenlos, viel mehr, als man ihr zutrauen würde.

34 Stories auf 167 Seiten, das sind im Schnitt nicht einmal fünf Seiten pro Geschichte. Das ist eine Wundertüte, aus der lauter Nussschalen purzeln, in denen das Leben in Miniatur nachgebaut ist. In einer Schale sitzt zum Beispiel die Frau, sie heißt übrigens Mildred, die dann vielleicht doch nur Sex mit dem Oboisten hat und nicht mit der Oboe. In einer anderen die Maus, deren Füße „wie kleine Dornen“ sind. Eine Schale gibt es mit „Skizzen aus dem Leben von Wassily“, der Rätsel löst und eine Hündin mit sanften Augen hat. Alles ist schnell gelesen. Ach, hat die Leserin gerade noch gedacht, so war das mit dem kleinen Schwager, als der kleine Schwager schon wieder Vergangenheit ist. Auf zur nächsten Story.

Lydia Davis, Jahrgang 1947, ist mehr als eine Meisterin der kleinen Form, sie ist die Meisterin der kleinsten Form (sie kann übrigens noch kleiner als in diesem jüngsten, gerade auf Deutsch erschienenem Band). Sie beginnt irgendwo, wie wenn sie eine Stecknadel in ein Wimmelbild piekst – „Sehen Sie, wie die vaches den Hügel hinaufzotteln, Kopf an Hinterteil, Kopf an Hinterteil“, lautet der erste Satz des „Sprachunterrichts Französisch“. Schnell kommt die ferme hinzu, der Bauernhof, der fermier, die femme in der Küche mit dem Messer … haben wir schon gesagt, wie der volle Titel dieser Geschichte lautet? „Sprachunterricht Französisch 1. Lektion Le Meurtre“ – „le meurtre“ ist der Mord. Lydia Davis weiß, wie sie die Fantasie rotieren lässt. Der Mörder kann der fermier mit la hachette, dem Beil sein (und das wäre statistisch viel wahrscheinlicher). Es kann aber auch seine femme mit den geröteten Fingerknöcheln und dem Küchenmesser sein. Oder jemand ganz anderes.

Das Buch:

Lydia Davis: Es ist, wie’s ist. Stories. A. d. Engl. von Klaus Hoffer. Literaturverlag Droschl, 2020. 172 S., 22 Euro.

Lydia Davis schreibt freilich keine Krimis, sie löst die Dinge nicht auf, lässt uns mit den kleinen Rätseln, die sie uns aufgibt, abrupt sitzen. Sie macht ihre Stories oft wie durchsichtig, wie an den Rändern ausgefranst ins Offene. Manchmal ist es, als halte sie alle (Interpretations-)Türen offen, so dass die Luft durchziehen kann. Man kann diese Türen nicht schließen, kann die Bilder, die man sich eben vorgestellt hat, nur im Gedächtnis behalten wie ein Nachglühen.

„Break It Down“, mach’s klein, heißt die Sammlung im Original, der österreichische Literaturverlag Droschl hat sich für „Es ist, wie’s ist“ als Titel entschieden. Man sollte gar nicht daran denken, dass „It is what it is“ gerade ein gewisser Donald Trump in Zusammenhang mit Covid-19-Toten gesagt hat; der Seufzer passt trotzdem ziemlich gut auf diese Lebensmoment-Skizzen und Weltpuzzleteile, die nirgendwo angelegt, nicht passen, nicht vervollständigt werden müssen. Die ängstliche Mrs. Orlando hat Angst vor Schwarzen und fühlt sich von ihren Töchtern nicht ernst genommen. Das hässliche Hausmädchen lebt mit seiner Mutter, Köchin, im Kellergeschoss. „Sie liebte den Kinderarzt ihres Sohnes.“ „Sie liegt mit einer Flasche Bier im Bett.“ Das sind ganz unterschiedliche Menschen aus vier ganz unterschiedlichen Geschichten. Das Unerhörte brauchen sie nicht, damit man über sie nachdenkt, ihr Leben weiterzudrehen versucht.

Manche Stories sind ein bisschen seltsam. Andere nehmen eine unerwartet dunkle Wendung. Manche sind ironisch oder sogar lustig. Vorwiegend stellt man sich ihre Figuren als Amerikanerinnen und Amerikaner vor, das muss aber nicht sein. Sie leben auch nicht unbedingt in New York. Doch manche Hauptfigur grübelt sich durch ihre Liebesgeschichte wie in einem Woody-Allen-Film. Einige sind zweifellos Stadt- oder Landneurotiker, sie ahnen das Unheil voraus oder glauben es zumindest. Oder ist es womöglich so, wie eine Figur grübelt: „Die Stadt heuert Leute aller Altersstufen an, mit dem Auftrag, sich wie Irre aufzuführen, damit wir anderen uns gesund fühlen.“

Die Stories stupsen einen an, von hinten, schnell auf die Schulter. Wenn man sich umdreht, sieht man eine bunt belebte Welt, kann aber nicht mehr sagen, wer oder was darin einen angestupst hat.

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