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Vielseitig: Das Verlegerpaar Gudrun Fröba und Rainer Nitsche.

Kurt-Wolff-Preis

Luxuriöser wildern

Der Transit-Verlag, das sind die Eheleute Rainer Nitsche und Gudrun Fröba. Zehn Bücher machen sie jährlich. Dabei setzen sie nicht auf wiedererkennbare Reihen, sondern auf Individualität. Jetzt erhält der kleine Berliner Verlag den Kurt-Wolff-Preis.

Von Jörg Plath

Für Geschichten ist beim kleinen, feinen Berliner Transit-Verlag – ganz offiziell mit Doppelpunkt, :Transit-Verlag – der Verleger persönlich zuständig. Fragt man Rainer Nitsche, wie er denn auf den Namen seines Unternehmens gekommen sei, rückt er sich im Sessel zurecht und beginnt zu erzählen: von der Dependance des Luchterhand Verlags in Berlin, wo er als Herausgeber und freier Lektor Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Hans Werner Richter kennenlernte. Von der Lektorin Elisabeth Borchers, die damals fürsorglich vornehmlich junge hübsche Lyriker betreute. Vom Lektor Klaus Roehler, der fürsorglich vornehmlich junge hübsche Lyrikerinnen betreute. Von „14, 15 Vorstrafen“, die Nitsche als Verantwortlicher einer Studentenzeitung sammelte und die ihn die Professur für Sozialgeschichte an der TU kosteten. Von US-Soldaten und Küchenschaben im Gefängnis Tegel und – „Rainer“, lächelt Mitverlegerin und Ehefrau Gudrun Fröba, „Du wolltest doch von Transit erzählen.“

Rainer Nitsche rückt sich erneut, nun wie ertappt, im Sessel zurecht, und blickt sich kurz in der schönen Charlottenburger Altbauwohnung um, bevor er in die Zielgerade einbiegt: „Okay, ich hatte also Berufsverbot und keine Lust, bei Rotbuch oder Wagenbach einzusteigen. Ich wollte was Eigenes machen und gründete mit zwei Leuten die Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation.“ Was immer jetzt noch folgt (und es folgt noch einiges) an Ereignissen aus der Vorgeschichte des Unternehmens, das am Freitag auf der Leipziger Buchmesse den Kurt-Wolff-Preis erhält – Transit scheint ein recht passender Name für das zu sein, was am Ende all dieser Geschichten und vor 30 Jahren entstand.

Der Transit-Verlag, das sind die in der Regel gemeinsam auftretenden Eheleute Rainer Nitsche und Gudrun Fröba. In Berlin sind die blauäugigen Verleger – er groß und lockig, sie kleiner und zerstrubbelt, beide kontaktfreudig – bekannt wie bunte Hunde.

Schön und haltbar

Zehn Bücher machen sie jährlich. Anders als etwa Wagenbach setzt Transit nicht auf wiedererkennbare Reihen, sondern auf Individualität: Jedes Buch, von Gudrun Fröba schön und haltbar, zuweilen auch verspielt mit Vignetten gestaltet, ist besonders. Es sind alles Einzelstücke, Preziosen, manchmal auch Trouvaillen. Was verbindet schon Matthew D. Roses „Eine ehrenwerte Gesellschaft“, eine knallharte Wirtschaftsreportage über die Schuldenmacher der Bankgesellschaft Berlin, mit Peter Wawerzineks ungebärdiger Prosa „Das Kind das ich war“? Was die Geschichte des Aquariums mit Feuilletons des Kunstsammlers Heinz Berggruen? Was Briefe Uwe Johnsons mit dem prächtigen Fotoband „Die Schinkel-Schule“? Und was die Adressbücher von Paul Hindemith und Marlene Dietrich mit der Geschichte der Mitropa oder dem vom Verleger Nitsche verfassten Buch über den Geiz („Sparpreis 9,95 Euro“)? Der Transit-Verlag ist ein Wilderer zwischen den Gattungen und Erzählweisen.

Etwas anderes können sich Gudrun Fröba und Rainer Nitsche gar nicht vorstellen: „Das Programm hängt von unseren Interessen ab, und die sind nicht so reduziert, dass sie mit einem Wort beschreibbar wären.“ Schöne Geschichten begeistern sie und überraschende Zugänge. Von F. C. Delius verlegen sie 66 Stilübungen auf eine Zeitungsmeldung, von Imre Kertész Erzählungen und aus Island „Taxi 79 ab Station“ von Indridi G. Thorsteinsson. Es gibt mit „Das Glitzern der Heringsschuppe...“ noch einen zweiten Titel aus Island, weil die Wikingernachfahren im Herbst Gastland der Frankfurter Buchmesse sind und Transit schon einmal vor einer solchen Präsentation einen Überraschungserfolg landete: 65000 Exemplare verkauften Fröba und Nitsche von Maria Barbals „Wie ein Stein im Geröll“.

Ein Hauch von Luxus eignet dem Transit-Programm. Die Verleger wissen, dass dieser Appeal auf einem zuletzt leicht schrumpfenden Buchmarkt, der durch immer mehr Ketten und immer weniger unabhängige Buchhandlungen geprägt wird, nicht unproblematisch ist. „Früher sagten Buchhändler und Leser: Oh, das ist was Besonderes, das wollen wir haben. Heute heißt es: Oh, das ist schön, aber wer interessiert sich schon dafür?“ Mit dieser Haltung, sagt Nitsche, der viele Jahre lang Vorsitzender des Buchhändler- und Verlegerverbands Berlin-Brandenburg war, sei der Siegeszug von Thalia & Co. nicht aufzuhalten.

"Wir wollten etwas Neues ausprobieren"

Transit selbst sollte nicht wachsen. „Ich habe kein Talent zum Chefsein, ich kann nicht kontrollieren und anordnen“, sagt der 1945 geborene Nitsche, und seine Ehefrau nickt mit spitzbübischem Lächeln. Es blieb also beim Paar, das die linke Utopie des Miteinanderlebens und Miteinanderarbeitens verkörpert – vielleicht, weil das Paar dieser Utopie nie anhing. „Rainer konnte es sich nicht vorstellen, dass wir auch noch zusammen arbeiten“, sagt Fröba. „Ich bin in den Verlag hineingerutscht, weil ich während des Kunstgeschichtsstudiums Geld brauchte und mit zehn Fingern auf der Satzmaschine tippen konnte.“ Bald gestaltet sie die Bücher, die Nitsche lektoriert. Gemeinsam kümmern sie sich um Buchhandlungen und die Autoren. Dann gibt es noch ein ererbtes Haus in Nordbayern, in dessen Garten sich prächtig lektorieren und korrigieren lässt.

Damals wie heute sitzt Transit im Kreuzberger Mehringhof, einem riesigen Fabrikareal, das ein Dutzend Vereine Ende der siebziger Jahre für 1,7 Millionen D-Mark kauften. Nitsche war von 1978 bis 1983 Geschäftsführer des Mehringhofs. Für ihn sind diese Jahre, in denen die Ufa-Fabrik besetzt wurde und viele selbstverwaltete Unternehmen entstanden, eine Gründerzeit: „Wir wollten was Neues ausprobieren. Das Motto war Avanti dilettanti.“

Und wie kam es nun zum Verlagsnamen? Nitsche hatte damals Geld für die Zeitschrift „Ästhetik & Kommunikation“ besorgt, womit seine Kompagnons allerdings erst mal ihre Schulden beglichen. Er trennte sich von ihnen, blieb jedoch im großen Büro und machte mit zwei anderen Leuten einen Verlag auf, der Komma heißen sollte. „Weil uns das dauernde Geschnatter bei der Zeitschrift auf die Nerven ging, fingen wir an, eine Mauer hochzuziehen. Die anderen revanchierten sich, so dass ein Flur zwischen den zwei Büros entstand: die Transitstrecke.“ Der Name war gefunden, und statt des Kommas wurde ihm ein Doppelpunkt vorangestellt. Nitsche schrieb dann einen Brief an Honecker und forderte Tantiemen für die Benutzung des Wortes Transit. Zwei Prozent sollte die DDR berappen. Noch so eine Geschichte.

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