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Ein Abbild der Umbruchs-Gesellschaft, hier mit Resten der Berliner Mauer.

Wende

Lutz Seiler: „Stern 111“ – Die Häuser denen, die drin wohnen

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Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse: Lutz Seilers Roman „Stern 111“ erzählt grandios vom chaotischen Aufbruch in Ost-Berlin nach dem Ende der DDR

Wenn Dodo nicht gewesen wäre, die Ziege, deren Milch Carl heilte, wäre vielleicht alles ganz anders verlaufen. Wenn die Eltern nicht ihr Zuhause in Gera verlassen hätten auch. Und wenn die Mauer noch stehen würde? Nicht auszudenken. „Stern 111“, der zweite Roman des Dichters Lutz Seiler nach seinem 2014 mit dem Deutschen Buchpreis gekürten „Kruso“, führt nach Berlin. Carl erhält zwar von den Eltern den Auftrag, sich um die Wohnung in Gera zu kümmern, doch nimmt er den Shiguli des Vaters und braust Ende November 1989 in die Noch-Hauptstadt der DDR. „Die halbe Stadt war verzwicktes Narbengelände“, schreibt Seiler.

Carl haust zunächst im Auto, bis ihn eine Gruppe von Freunden halb erfroren aufliest, mit Ziegenmilch aufpäppelt, in der Rykestraße in Prenzlauer Berg eine Wohnung zuweist, eine Höhle. Der Wasserturm am Straßenende wird Carls Wächter. Wenn er ihn umwandert, entstehen Verse im Rhythmus des Gehens.

Die Eltern, um die 50 Jahre alt, wären eigentlich die typischen Wende-Verlierer gewesen. Doch Inge und Walter Bischoff gehen in den Westen, Carl verfolgt mit Fähnchen auf einer Karte ihre Stationen vom Aufnahmelager Gießen aus. Mit Putzjobs und Computer-Kursen arbeiten sie sich voran. Der Titel des Romans „Stern 111“, Bezeichnung eines Transistorradios aus der DDR, wird zum „Leitstern für die Reise“ der Eltern. Ihre letzte Etappe enthält, das sei verraten, einen ergreifenden Höhepunkt des Romans.

Lutz Seiler: Stern 111.

Carl dagegen wirkt wie gefangen in seiner Suche nach dem richtigen Leben, zwar will er Dichter werden, doch arbeitet er als Maurer mit, um die Kellerkneipe Assel in der Oranienburger Straße auszubauen. Einige Leute dort träumen von der neuen Arbeiterschaft, doch kommen nur die Sexarbeiterinnen. So überlagern sich die Utopien.

Heute, da sich der Literaturbetrieb davon verabschiedet hat, vom „Wenderoman“ zu sprechen, kommt Lutz Seiler mit einer atmosphärisch dichten Darstellung jener Zeit, da die Wochen schnell wie Tage vergingen und die 16 Monate der Handlung des Romans mindestens ein Lebensjahrzehnt wert sind.

Literatur hatte Carl nach Berlin gezogen, die inoffiziellen Zeitschriften wie Liane und Mikado, der Gedichtband „Kastanienallee“ von Elke Erb. Die Gründung der Unabhängigen Verlagsbuchhandlung Ackerstraße lässt ihn hoffen, auch der Kontakt zu Dichtern wie Thomas Kunst und Jörg Schieke.

Lutz Seiler schreibt mit Wärme für seine Figuren, auch wenn er Carl straucheln lässt, wo keine Regeln gelten, ihn unter Alkohol taumeln lässt. Der Leser weiß kaum mehr als Carl, der Autor bleibt nah bei ihm. So wie Dodo, die treue Ziege.

Es könnte alles ungefähr so gewesen sein, auch für den Autor selbst, wie sein Held geboren 1963. Dafür stehen die Ereignisse, die nebenbei passieren wie die Währungsunion und die Feier zur Deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990. Aber wer mag sich dafür verbürgen, dass Dodo schweben konnte? Es gab wirklich den Streit um die Häuser in der Mainzer Straße, wo West-Berliner Hausbesetzer dazukamen und der Kampf mit der Polizei eskalierte. Und es gab die Skins und Nazis, die aus den Löchern krochen, wo sie sich in der DDR versteckt hatten.

Russen kommen in die Kneipe, die als Soldaten nur noch eine Gastrolle haben in Ost-Berlin. Und eines Abends taucht Kruso aus dem Vorgängerroman leibhaftig auf, die Leute nennen ihn nun den Comandante. „Im Licht der Baulampen verwandelte sich das Keller-Colloquium in eine Gespensterversammlung, die sich fortsetzte in unzähligen Schatten an der Wand.“ Kruso spricht über das „Verhalten bei Fascho-Alarm“, die Wachdienste, den „Nazi-Einsatzschrank“ im Durchgang eines Hauses und behauptet, dass nur die einstigen Grenzhunde Schutz böten. „Wie ein Häuptling ohne Volk“ wirkt er auf Carl.

Das Buch

Lutz Seiler: Stern 111. Roman. Suhrkamp, Berlin 2020. 528 Seiten, 24 Euro.

In „Stern 111“ schildert Lutz Seiler das Leben weniger Protagonisten. Die dicken Taue, mit denen er seine Geschichte an die Wirklichkeit knotet, machen diesen Roman zu einem Zeitbild. Der Radius seiner Figuren geht nicht viel weiter als in „Kruso“ auf der Insel Hiddensee. „Stern 111“ wirkt als Abbild der Umbruchsgesellschaft auf dem Festland in Mitte und im südlichen Prenzlauer Berg noch stärker. Dieser große Roman erhellt die Vergangenheit und hilft vieles in der Gegenwart zu verstehen. Es gibt tragische Figuren darin, etwa Ralf, der glaubt, wie ein Westler Karriere machen zu können und scheitert.

Äußerst reizvoll weiten sich der Blick und die Perspektive auf das Deutsch-Deutsche und darüber hinaus im eingeblockten zweiten Handlungsbogen des Romans mit den Eltern. Carl liest und interpretiert die Briefe der Mutter, dazwischen werden sie zu handelnden Personen. Am allerbesten gelungen sind die Stellen, da Carls Denken mit dem der Mutter fast verschmilzt. „Ein Brief sammelte Sätze mit Gedanken, die ansonsten (ohne Brief) spurlos vorüberzogen, ein Brief lud dazu ein, etwas von sich preiszugeben, er verleitete dazu.“ Carl empfindet einen „unklaren Stolz“ für die Mutter und „irgendwo im Noch-nicht-zu-Ende-Gedachten reifte die Frage, warum nicht er es war, der dort saß, auf einer kleinen Steinbank in der Schweiz, warum er nicht ebenfalls in die Welt hinausgezogen war“.

Die Freiheit in Paris

Wer in der Zeit im Osten Berlins gelebt hat, erkennt sehr vieles, Lutz Seiler weckt die Straßen und Häuser wieder auf. Eine alte Frau erzählt vom vertriebenen Besitzer des Hauses, von Krieg und Bombennacht. Zur Handlungszeit des Romans kurz nach der friedlichen Revolution, schien die Mauer eine Ewigkeit gestanden zu haben. Inzwischen sind mehr vergangen als jene 28 Jahre. Lutz Seiler lässt noch einmal das Unglaubliche fühlen, die Freiheit. „Erst Paris war der Beweis dafür“, schreibt er, „Paris war die Wahrheit. Für immer unerreichbar, und plötzlich war man da, auf Pont Neuf.“ Wer damals so alt war wie Carl, spürt beim Lesen einen Stich. So war es ja wirklich.

Sein Erzählen hat einen starken Sog, die Entwicklung seines Helden zieht einen voran, die Veränderungen des Umfelds ebenfalls, die Liebesgeschichte mit Effi, die praktische Zuversicht der Eltern. Das Buch ist zugleich so geschrieben, dass man gern verweilt, wenn Carl für Effis Sohn Geschichten erzählt, wenn er sich an die eigene Kindheit erinnert und begreift: Mutter und Vater sind Menschen für sich. Ohne dass sie fallen muss, ist der Epilog getragen von der Brecht-Wendung: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.“

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