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Der Schriftsteller Günter de Bruyn, der am 1. November 90 Jahre alt wird, im Jahr 2007 in seinem Haus.
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Der Schriftsteller Günter de Bruyn, der am 1. November 90 Jahre alt wird, im Jahr 2007 in seinem Haus.

Günter de Bruyn „Sünder und Heiliger“

Lust und Schauder

Der kühn-unverwüstliche Chronist Günter de Bruyn wird am heutigen Dienstag 90 Jahre alt. In seinem neuen Buch erzählt er vom fabelhaften Doppelleben des Dichters Zacharias Werner.

Von Jürgen Verdofsky

Das Urteil ist ein Leichtsinn. Nicht in Kleist, sondern in Zacharias Werner sehen Goethe und Iffland nach Schillers Tod das aufsteigende dramatische Talent. Aber die Karriere ist kurz, die literarische Anerkennung des Dichters Werner (1768 bis 1823) hält nicht einmal ein Künstlerleben: Bewunderung zuerst, dann wohlwollende Distanz, schließlich süffisantes Schulterzucken, das in Ablehnung und Vergessen übergeht. Ein Theaterautor, der dichterische Berufung als Apostelamt sieht und sich in sakraler Mythenwelt verstrickt, bis kein Publikum mehr folgt.

Günter de Bruyn geht Werners Anstrengung nach, einen religiösen Lebensentwurf mit dem Theater zu verbinden. Oder wie ein Student Immanuel Kants sich von aller Aufklärung abwendet und nicht nur religiös zum Konvertiten wird.

Der Vergessene tritt auf als Operngestalt der Gelüste und ihrer Sühne in sich geißelnder Religiosität. Seinen zeitgenössischen Ruhm verdankt er auch dem Leben, das er führt. Er verfängt sich in gleicher Weise in experimenteller Promiskuität wie in Buße und ihrer religiösen wie literarischen Überhöhung. Phasen tiefster religiöser Exaltation wechseln mit Exzessen im Nachtleben oder tagelangem Schaffensdrang. Eine unsichtbare Nähe von Lust und Schauder in einem Doppelleben.

„Sünder und Heiliger“ nennt de Bruyn sein Buch und erzählt von der Gleichzeitigkeit, dem Zusammentreffen zweier Unvereinbarkeiten in Leben und Werk. Eine Gestalt wie aus Fichtes „Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit“. Werner ist nicht literarisch oder theologisch interessant, sondern als ein zu Lebzeiten weithin gefeierter Autor, an dem Geheimnisse hängen. Auch das Geheimnis des literarischen Erfolges und seiner schnellen Vergänglichkeit.

Werner ist der Sohn eines Professors für Geschichte und Rhetorik in Königsberg, eines Kollegen von Kant. Sein Studium muss er abbrechen, als er eine Hure schwärmerisch befreit und heiratet. Die Ehe scheitert ebenso wie zwei weitere. Mehr als zehn Jahre arbeitet er als unterer Beamter im preußisch annektierten Teil Polens. Er zeigt sich früh mit Gedichten, ordnet sein ungeliebtes Amt künstlerischer Berufung unter. Als er sich 1805 endlich auf eine bequeme Beamtenstelle in Berlin antichambriert hat, ist er durch seine „Söhne des Thals“, ein monströses Drama über den Untergang der Tempelritter, bereits namhaft. Nach E.T.A. Hoffmann lernt er hier August Wilhelm Schlegel und Tieck kennen, schließt zum literarischen Betrieb der Romantiker auf.

Iffland erkennt Werners dramatisches Talent und führt eine gekürzte Fassung des Luther-Stücks „Weihe der Kraft“ auf. Dem Thesendrama von der Rettung der Menschheit durch Liebe verhilft Iffland in der Rolle eines lebensvollen Luther zum Erfolg. Varnhagen von Ense spricht von „kindischem Beiwerk“, der „untersten Stufe katholischer Bildung“. Bevor preußische Offiziere nach Jena und Auerstedt ziehen, verhöhnen sie das Stück in einer Maskerade auf Berlins Straßen. Der Skandal macht Werner berühmt.

Er gibt sein Amt auf, reist fortan durch die Salons in Deutschland, in Genf, Wien, Paris – mitten in den Wirren der napoleonischen Kriege, ohne Blick für deren Folgen. Beeindruckt werden Madame de Staël, Caroline von Humboldt, Caroline Schelling und nicht zuletzt Schillers Witwe.

Mit Goethe tritt Werner in Weimar in einen Wettstreit der Sonette um die Gunst von Minna Herzlieb. Der Olympier begegnet ihm anfangs wohlwollend. Er sucht aufführbare Dramen für seine Bühne. Kleists „Penthesilea“ ist durch die Zeitschrift „Phöbus“ schon bekannt (erst siebzig Jahre später aufgeführt), als Goethe Werners Stück „Wanda“ in Weimar zur Uraufführung bringt. Auch hier zwei Liebende, die sich durch Verkennung in der Schlacht töten. Aber für Goethe ist religiöse Schwärmerei keine geistige Haltung, es kommt bei einer Lesung zum Eklat. Werner sucht wieder Annäherung und schreibt den Einakter „Der vierundzwanzigste Februar“ nach Weimarer Façon. Als Schicksalsdrama bleibt es das Urbild für die Dramatik des Biedermeier und sein am häufigsten gespieltes Stück, aber nie hat er sich mehr verleugnet.

1809 reist Werner nach Rom. Überwältigt von religiöser Opulenz, konvertiert er zum Katholizismus. Mit dem Gedicht „Die Weihe der Unkraft“ prüft er frühere Frömmigkeit und verwirft sein Luther-Drama. Er hat mächtige Fürsprecher im Klerus, wird zum Priester geweiht und als Prediger im Kirchenjahr des Wiener Kongresses bekannter, als er jemals als Dichter sein konnte, aber noch heftiger als dieser umstritten. Goethe urteilt vernichtend: „Da laicht er denn mit Mönch und Nonnen / Und glaubt, er habe viel gewonnen.“ Vor europäischem Kongress-Publikum, das zu hedonistisch ist, um sich bekehren zu lassen, predigt ein eifernder Konvertit mit langen Mahnfingern im Überschwang. Nach diesen letzten großen Auftritten sieht sich Werner ganz in religiöser Abkehr von der Welt. Auch von amouröser Wilddieberei ist nichts mehr überliefert: Domherr und Tod im Augustinerkloster in Wien.

Günter de Bruyn spricht nie abschätzig über dieses wendungsreiche Leben und Werk, sieht eine religiöse Ernsthaftigkeit mit dem Höhepunkt einer Konversion zum katholischen Glauben, anders als viele Zeitgenossen des Zacharias Werner. Sein Urteil ist milde: „Seinem Seelenheil zuliebe verlor er die Welt aus dem Blick.“

Immer gleitet man bei de Bruyn, diesem kühn-unverwüstlichen Chronisten, über einen unaufgeregt chronologisch verfolgten Themenstrang tief in verwehte Biografien. Ein unabschließbares Erzählen in selbstauferlegter Strenge. Günter de Bruyn feiert heute seinen 90. Geburtstag. Ein wirkungsreicher Schriftsteller in einem geradlinigen Leben.

Günter de Bruyn: Sünder und Heiliger. Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 224 Seiten, 22 Euro.

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