Nachruf

Von der Lummerkeit

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Aus dem Saarland heraus in die Literaturwelt wirken: Zum Tod des Schriftstellers Ludwig Harig.

Dem Saarländer – also auch sich selbst – wies Ludwig Harig in den siebziger Jahren „Lummerkeit“ und die „Harmonie der nicht ausgetragenen Widersprüche“ zu. Zweiteres ist auch sehr schön und von einer menschenzugewandten Ironie. Vor allem aber versuchen seither Generationen von Lesern, sich eine Vorstellung davon zu machen, was mit Lummerkeit gemeint ist. Nach und nach kommen sie immer wieder zu den Brüdern Grimm und lesen, dass das Verb „lummern“ bedeutet, „schlaff zu sein“.

Nun war Ludwig Harig so offensichtlich gar nicht schlaff, aber er war eben auch nicht straff. Weigerte sich, zweiteres zu sein. Folgte seiner (klein-)bürgerlichen Familie zwar zunächst in eine bürgerliche Welt, indem er, im Juli 1927 in Sulzbach/Saar geboren, bis in die siebziger Jahre als Volksschullehrer arbeitete. Aber schon in den Fünfzigern zu schreiben begann, zunächst experimentelle Texte, und auch auffiel damit. 1974 quittierte er den Schuldienst, um nicht weiter an der Zerstörung des kindlichen Spielvermögens teilzuhaben (wie er erklärte) und künftig seinerseits zu spielen und frei zu sein (wie er ebenfalls erklärte, und vor allem lebte und arbeitete er danach). Es entwickelte sich vom Saarland aus in die lesende Welt hinein jetzt ein schier unüberschaubar breites Werk aus Lyrik, Essayistik, Kleinprosa und Großprosa.

Kurioserweise kann der größte Erfolg Harigs den Blick auf diese Vielfältigkeit fast ein bisschen verstellen: 1986 erschien „Ordnung ist das halbe Leben“, der autobiografisch grundierte Vater-Roman, der im und um den Ersten Weltkrieg herum spielt (im Jahr darauf war der Autor bereits Frankfurter Poetikdozent). Den Roman baute Harig dann mit „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990, über eine, also seine Kindheit in der NS-Zeit) und „Wer mit den Wölfen tanzt, wird Wolf“ (1996, über die Zeit vom Kriegsende bis in die sechziger Jahre) zu einer umfangreichen Familienchronik aus. Ironie und ein liebevoller Blick auf möglicherweise unmögliche Leute waren hier ein literarisches Mittel, nichts zu verschweigen. Vieles wirkt bei Ludwig Harig unkomplizierter als bei seinen Jahrgangsgenossen Günter Grass oder Martin Walser, aber unkompliziert zu sein, ist eine keineswegs harmlose künstlerische Entscheidung.

Neben, vor und nach den Romanen entstanden zahlreiche Hörspiele (etwa „Staatsbegräbnis“, 1969), Feuilletons (zusammengefasst etwa in „Heilige Kühe der Deutschen“, 1981), versierte Texte zur beliebtesten Ballsportart, darunter Fußballsonette („Die Wahrheit ist auf dem Platz“, 2006). Auch als Übersetzer aus dem Französischen war Harig tätig, Saarländer alter Schule. Sein 2007 erschienenes letztes großes Prosawerk „Kalahari. Ein wahrer Roman“ basiert auf Aufzeichnungen eines französischen Freundes.

Am Samstag ist Harig, wie jetzt bekannt wurde, 90-jährig gestorben, in Sulzbach/Saar.

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