+
Von einem Engel geküsst (seine Worte!): Lukas Bärfuss.

Lukas Bärfuss

Mit scharfem Witz und symbolischer Wucht: Lukas Bärfuss erhält Georg-Büchner-Preis

  • schließen

Der Schweizer Schriftsteller und Gesellschaftskritiker Lukas Bärfuss bekommt den Georg-Büchner-Preis.

Der Schweizer Dramatiker und Romanautor Lukas Bärfuss fühlt sich von einem Engel geküsst. So kommentiert er die Nachricht, dass ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis verleiht. Wie schön, wenn man Preise kriegt!

Es ist vielleicht fies, aber es sei an eine Anekdote von vor gut zehn Jahren erinnert: Damals zog sich die von Bärfuss mitgegründete Theatergruppe 400asa aus dem Wettbewerb um „die beste Produktion“ des 7. Festivals Politik im Freien Theater zurück. „Wir meinen“, so hieß es einst im Offenen Brief, „dass durch das Adjektiv ‚die beste‘ vollzogene Kategorisierung für freies politisches Theater nicht eignet.“ Die Briefschreiber lehnten das Ritual mit dem „medialisierten Jubel der Gewinner“ ab. Sie kamen vom Jury- und Wettbewerbswesen auf den Zynismus von TV-Castingshows, auf die Siegermentalität schnittiger Anlageberater und arroganter Machtmenschen – und dann ziemlich direkt bis zur apokalyptischen Finanzkrise, die damals gerade lostobte. Wettbewerbs- und Kulturbetriebskritik im Kleinen ist Kapitalismuskritik im Großen und ein Schritt zur Rettung der Welt.

Darf man in einer solchen Welt überhaupt Preise annehmen? Aber natürlich und besten Gewissens. Die trompetige Ablehnung galt ja nur für dieses Festival – und vermutlich ging der PR-Gag, pardon: der Diskurs-Anstoß auch eher vom streitfreudigen 400asa-Regisseur Samuel Schwarz aus. Lukas Bärfuss jedenfalls hat vor diesem Festival und danach munter Preise verdient und gewonnen. Mindestens zwanzig an der Zahl inklusive Nominierungen. Darunter solche Renommierbrummer und Medienrummelattraktionen wie den Mülheimer Dramatikerpreis (2005), den Anna-Seghers-Preis (2008) oder den Schweizer Buchpreis (2014). Ob es wohl eine ungetrübte Freude für jemanden war, der so herrlich über die Heucheleien des Kulturbetriebs lästerte, viel in Kollektiven arbeitete und nun für seine individuelle – benutzen wir das böse Wort – Leistung prämiert wurde? Auch wenn der Georg-Büchner-Preis für sich stehe – gefreut habe er sich über jeden Preis, sagte er am Dienstag: „Jeder Künstler und Schriftsteller braucht Anerkennung“.

Möge Büchner Bärfuss nicht nur inspirieren, sondern anstacheln

Wir, seine Leserinnen und Leser, freuen uns mit. Nicht, weil wir es immer schon wussten, sondern weil wir jetzt noch mehr werden. Die Dotation von 50 000 Euro, mit der der diesmal am 2. November überreichte Büchner-Preis einhergeht, soll uns eine Erwähnung wert sein – damit kommt man auch in der Schweiz eine Weile hin. Wichtiger ist natürlich der Geist dessen, nach dem der Preis benannt ist: der Sozialrevolutionär und der Existenzdichter. Möge Büchner Bärfuss nicht nur inspirieren, sondern anstacheln.

Bärfuss ist vor 47 Jahren in Thun geboren, hat nach neun Jahren die Primarschule abgeschlossen und in verschiedenen Jobs gearbeitet, unter anderem in einer kollektiv geführten Buchhandlung, wo er die Literatur entdeckte. Im Jahr 1997 gründete er die besagte 400asa-Gruppe und ist seither freier Schriftsteller mit dem einen oder anderen Posten etwa als Lehrbeauftragter im Literaturinstitut Biel oder als Dramaturg am Zürcher Schauspiel (2009–2013).

Sein Werk ist formal vielgestaltig, es strebt stets nach Genauigkeit und frisst sich beharrlich zum Detail vor, in dem sich die mythische Tragik der Existenz abbildet, die man als geschäftiger Gegenwartsteilnehmer in der heutigen Welt gar nicht vermutet.

Die Essays von Lukas Bärfuss sind angriffslustig und schonungslos

Lukas Bärfuss arbeitet mit scharfem Witz, mit symbolischer Wucht, mit verspieltem Stilwillen und auch mit einiger Verbissenheit. Seine Essays – zuletzt in „Krieg und Liebe“, 2018 bei Wallstein erschienen, wo Bärfuss’ Werk seit 2008 verlegt wird – sind angriffslustig und schonungslos. Sie stellen soziale Fragen mit schwer auszuhaltender Schärfe und lösen Debatten aus wie etwa die böse Psychoanalyse seines Heimatlandes („Die Schweiz ist des Wahnsinns“, 2015 in der FAZ veröffentlicht), deren Rechtsruck-Thesen sich leider immer weiter bewahrheiten. Auch sein Durchbruchstück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ aus dem Jahr 2003 spielt, wie der Titel schon sagt, mit psychoanalytischem Besteck. Es wurde in zwölf Sprachen übersetzt.

Bärfuss klappt mit wenig Aufwand die Oberflächen unserer Existenz weg und lässt uns in die Abgründe blicken. Ein kleiner Wechsel der Position und der Perspektive, eine kleine Verschiebung der Wahrnehmung – und schon rückt das sich in seiner Scheinwelt sicher fühlende Subjekt der Wahrheit näher und sieht sich damit in Angst, Schrecken und Haltlosigkeit versetzt. In seinem Stück „Öl“, uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin, rutscht die weibliche Hauptfigur (gespielt von Nina Hoss) in den Wahnsinn ab, während sie in einem mittelasiatischen Land auf ihren Mann, einen erfolglos nach Öl suchenden Geologen wartet, und schließlich zur Pumpgun greift.

In seinem jüngsten Roman „Hagard“ – nach „Hundert Tage“ (2008) und „Koala“ (2014) seinem dritten, 2017 nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse – reicht ein leeres Handyakku und ein verlorenes Portemonnaie, um den souveränen Helden aus allen sozialen Konnektionen zu reißen, ihn seiner Identität zu berauben und ins Nichts zu stürzen. Möge der Preis Halt geben.

Lesen Sie auch

„Der Ruf der Horde“: Mario Vargas Llosas neuestes Buch ist eine von Widersprüchen nicht freie Heldengalerie liberaler Denke

Das Meer weist den Weg: Gedichte aus fünfzig Jahren von Johann P. Tammen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion