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Der Titelheld, ein Malinois, der zu den Belgischen Schäferhunden gehört.

Erzählungen

Lukas Bärfuss: „Malinois“ – Und dann Spreitenbach

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Einige eher unfreundliche Erzählungen des Schweizer Büchnerpreisträgers Lukas Bärfuss.

Schwergängig, selten vergnügt und noch seltener gutmütig sind die Erzählungen in Lukas Bärfuss’ Band „Malinois“. Dazu passt, dass mancher wird nachschlagen müssen, was noch gleich oder was überhaupt ein Malinois ist (und sich dann für seine Unkenntnis ein wenig genieren dürfte, erst recht gilt das für Personen, die Hunde mögen). Außerdem passt dazu das bergige Land, in dem die Geschichten spielen. Wenn einen Menschen hier der Mut verlässt, kullert er, so heißt es in der Erzählung „Ein Engel in Erding“, wie eine Murmel in eine Kuhle und kommt den Hang nicht mehr hoch. Und wenn ein anderer Mann den Eindruck hat, mit seiner Mutter durch ihr Orange County zu fahren, wie Bärfuss in „Los Angeles“ schreibt, kommt als nächstes doch bloß Spreitenbach.

Eine Unbehaglichkeit an der eigenen Existenz verspüren viele Figuren im Werk des Schweizer Georg-Büchner-Preisträgers. In den Erzählungen kann das eruptiv ausbrechen oder lähmend über einem wackeren Weitermachen liegen. Manchmal erfährt man es auch schon nicht mehr: Wie beispielsweise der Mann in der kurzen Auftakterzählung „Was ist die Liebe?“ damit weiterleben wird, dass er sich in seinen Schwager verliebt hat. Und wie er damit umgehen wird, dass seine Frau auf sein Geständnis hin erklärt: „Ich habe darüber gelesen. Das kommt vor in deinem Alter. Das ist der Magen. Das geht vorbei“.

Jede der 13 Geschichten bietet ausreichen Stoff, um damit einen Roman zu beginnen. Oder ein Theaterstück um ihn herum zu bauen. Das Verkniffene, Trockene, das Daniel in „Der Keller“ an Frauen mag, ist so ein verschwenderisch beiläufig platziertes, verheißungsvolles Detail. Auch beschreibt es eine unspielerische, muckige Seite der Erzählungen selbst, sofern etwas in dieser Art mit „verkniffen“ gemeint ist (hat nicht auch das Gesicht des Autors einen Zug ins Verkniffene?).

Daniel jedenfalls wird Opfer eines Raubüberfalls, dessen Hergang Bärfuss glänzend schildert – Daniel will nach der Frau sehen (die übrigens eben gerade nicht verkniffen ist und ihn darum nicht besonders interessiert), dreht sich auf dem Fahrrad um: „doch mitten in der Bewegung geriet sein Kopf in eine andere Bewegung“. Ein Stoß oder Schlag wirft ihn vom Rad, dann schleudert ihn der Vorfall insgesamt aus der Bahn mit ausgeprägter Konsequenz. Die Schilderung aber: lakonisch, wie Bärfuss auch sonst nicht bereit ist, die spröde, präzise Tonlage zu wechseln, nur weil die Ereignisse mehr oder weniger dramatisch sind.

Weniger dramatisch sind sie in „Der Schlüssel“, wenn der Autor kühlen Blutes von einer alptraumhaften, aber auch extrem unterhaltsamen Nachbarschaftsfehde erzählt. Die defensive Haltung des einen ist übrigens weitaus interessanter als die offensive des anderen und öffnet einem die Augen für die oft unterschätzte Arg- und Wehrlosigkeit des Menschen an sich. An anderer Stelle wiederum kauft eine Frau einfach bloß den falschen Hund, dann heißt die Abschlusserzählung in frecher Analogie zum Anfang („Was ist die Liebe?“); „Was ist ein Hund?“.

Das Buch

Lukas Bärfuss: Malinois. Erzählungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 128 Seiten, 18 Euro.

Dramatischer sind die Ereignisse in der Titelerzählung, in der am Ende eine Pistolenkugel für drei Personen und wiederum einen Hund in Frage kommt. Auch dies ist aber keine krasse, eher eine melancholische, geradezu philosophische Eskalation, die in Ruhe heranerzählt wurde.

Denn Bärfuss passt gut darauf auf, uns immer zu überraschen, nicht so sehr mit Pointen, sondern mit Verläufen. Deutlich die Lustlosigkeit, erzählerischer sowie psychologischer Konvention zu sehr oder zu wenig zu folgen.

Die 13 Erzählungen stammen Bärfuss zufolge aus einem Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren, zum Teil sind sie bisher unveröffentlicht, zum Teil einmal in heute eingestellten Zeitschriften oder vergriffenen Anthologien erschienen. „Und manche haben nicht länger als einen einzigen Tag gelebt; sie verschwanden mit den Zeitungen, in denen sie abgedruckt wurden“, schreibt Bärfuss, der weiß, wie man Menschen traurig macht, und wenn es bloß eine Zeitungsredakteurin ist. Was soll’s, wird die sich dann sagen, auch so ergeht es mancher Bärfuss-Figur.

Im Ergebnis und auch in der Qualität wirken die Geschichten recht unterschiedlich, manches erscheint auf dezente Weise wie ins Grobe gehauen, anderes umständlich (nie sprachlich, sondern in der Form wie bei der Schnitttechnik von „Jakobshöhe“). Bärfuss bekennt im kurzen Nachwort seinen Unwillen, Texte im Nachhinein stark zu bearbeiten, „weil jede Geschichte eine zweite Geschichte enthält, nämlich die ihrer Entstehung“. Das stimmt gewiss. Und auch wenn „Eine feine Nase“ nun eine erratische Abfolge von Miniaturen ist, so beeindruckt die Vorstellung, dass das die „unentbehrliche“ Essenz eines „umfangreichen Gesellschaftsromans“ ist, zu dem es dann nicht kam.

Scharf, sehr knapp und sehr prägnant die gelegentliche Sozialkritik, so in „Bürgerort“, in dem ein Mann in prekärer Lage von seiner Mutter empfohlen bekommt, im Heimatort um Unterstützung zu fragen. Dort, am „Bürgerort“, sei man dazu verpflichtet, so die Mutter. Jedoch wird ihm bündig, geradezu hektisch erklärt: „Das sei nicht mehr so. Das sei vorbei. Schon lange. Geld gebe es keines. Unter keinen Umständen.“ Der Mann flieht wie auf einer modernen Winterreise.

Der Entspannung dienen zwei Erzählungen aus dem Literaturbetrieb, „Ernesto“ und „Erinnerungen an den Dramatiker Martin Babian“, beide gewitzt und ironisch und bald gar nicht mehr so entspannend. Entspannung, begreift man schließlich, muss man sich einfach woanders suchen. Es genügt zu wenig, um ein Leben dermaßen durcheinander zu bringen, dass selbst ein falscher Name keine Lüge ist: Denn auch der richtige entspricht nicht mehr der Wahrheit. So wandeln wir auf schmalem Grat.

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