Der Traum von einer Insel. 
+
Der Traum von einer Insel.

Roman

Ludwig Fels „Mondbeben“: Die Liebe als Trost der Armen

  • vonKatrin Hillgruber
    schließen

Existentielle Erschütterung unter Palmen: Ludwig Fels’ Roman „Mondbeben“.

Im Grunde schreibt Ludwig Fels seit jeher über jenes Unding namens Liebe, das einem seiner bedeutendsten Romane den Titel gab. 1983 erschien „Ein Unding der Liebe“, die Lebensgeschichte des Georg Bleistein. Der junge Mann aus Franken trägt das Schwere schon im Namen. Seinen unbändigen Hunger nach Liebe stillt er am Esstisch, überwacht von Großmutter und Tante. Sie haben Georgs Mutter wegen ihres freizügigen Lebenswandels verstoßen. Georg macht sich auf die Suche nach ihr, und aus seinem maßlosen Essen erwächst unbändiger Hass. „Ein Unding der Liebe“ endet mit dem dunklen Satz „Die Erde war der fernste Stern“. Der neue Roman „Mondbeben“ wirkt wie ein spätes Echo darauf.

Bereits der frühe unglückliche Held Georg Bleistein wünscht sich einen Bungalow auf einer Südseeinsel und ein Bett aus Palmblättern. Diese exotische Sehnsucht hat der Autor nun seinen Hauptfiguren aus „Mondbeben“ erfüllt: Helen, die einen Onkel beerbt hat, fliegt mit ihrem Mann Olav Ostrander in die Tropen. Auf einer Insel namens Zifere haben sie ein Haus gekauft, das sie nur aus dem Internet kennen. Der Autor hat diese „Insel der Inseln“ aus verschiedenen Weltgegenden konstruiert und eingehend über internationale Finanztransaktionen recherchiert.

Bis die Formalitäten abgewickelt sind, logiert das Paar im Hotel „Rosemilk“. Das klingt nach Orson Welles’ geheimnisumwittertem Codewort „Rosebud“, Rosenknospe. Der Roman erzählt aus der personalen Perspektive von Olav. Vor den anderen Hotelgästen versucht er, seine Alkoholsucht zu verbergen, und vor seiner Gefährtin, dass er offenbar an einer ernsten urologischen Krankheit leidet.

Doch er ist fest entschlossen, Träume und keine Krankheiten mit sich herumzutragen. Der ehemalige Inkassoeintreiber hat Helen einst vor ihrem schlagenden Ex-Mann gerettet. Es handelt sich um die klassische, häufig erotisch besetzte Rettungssituation, allerdings in einer gewalttätigen Variante. Dabei beeindruckt Olavs Wille, Helen allen Widrigkeiten zum Trotz zu lieben: „Wir probieren es einfach, dachte er. Wenn man etwas zu zweit probiert, hat man vielleicht mehr Glück. Weil einer von beiden muss es ja haben, das Glück.“

Das Buch:

Ludwig Fels: Mondbeben. Roman. Jung & Jung, Salzburg / Wien 2020. 313 Seiten, 24 Euro.

Das unbedingte, geradezu blinde Glücksstreben des europäischen Paares steht im Widerspruch zur Wirklichkeit einer ehemaligen Kolonie: Das Leben auf Zifere Island ist von politischen Unruhen, Armut, Korruption und Gewalt geprägt. Der zynische Inselarzt beklagt die Abschaffung der Sklaverei.

Fels vollbringt das Kunststück, das drohende Unheil mit paradoxen Vorzeichen einzuläuten: ziehenden Wolken und spielenden Äffchen rund um den Pool. Später werden diese heiteren Bilder zunehmend durch Todesmetaphern abgelöst: „Ein Gefühl, als würde man sich Tsunamis im Paradies vorstellen. Gott schwimmt vorbei und klammert sich an die Arche. Auch so ein Bild, das man nicht beim Sterben braucht.“ Als die nichtsahnende Helen eines Abends von einer Hotelprostituierten attackiert wird, die ihr mit einem Stöckelschuh fast das Auge ausschlägt, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Ludwig Fels verfügt über die Gabe, Gefühle wie Wut, Sehnsucht und Schmerz so intensiv miteinander zu vermengen, bis am Schluss ein kunstvolles trauriges Skandalon herauskommt. Er schreibt ohne Scheu vor Sentimentalität und biblischen Anklängen – so erinnert Olav zunehmend an den leidgeprüften Hiob. Das hat dem 1946 in Treuchtlingen geborenen Fels eine Sonderstellung im oft allzu blutleeren und zauderhaften Literaturbetrieb eingebracht. Beharrlich nimmt er die Perspektive der Verlierer ein: „Soviel hatten sie verstanden, dass die Liebe der Trost der Armen war.“

Auch das Verhältnis zwischen sogenannter Erster und Dritter Welt beschäftigt den Autor seit langem. In Romanen wie „Rosen für Afrika“ (kongenial vom früh verstorbenen Regisseur Sohrab Shahid Saless verfilmt), „Mister Joe“ oder „Die Hottentottenwerft“ hat Ludwig Fels einen untrüglichen Sinn für soziale Ungerechtigkeiten bewiesen. Das dramatische Geschehen in „Mondbeben“ weitet diese Perspektive erneut ins Globale.

Außerdem setzt Ludwig Fels der Liebe im fortgeschrittenen Alter, die sonst eher selten thematisiert wird, mit „Mondbeben“ ein anrührendes Denkmal. Problematisch ist nur, dass das grausame Schicksal eines Äffchens, das von Jugendlichen zu Tode gequält wird, den Gesamteindruck des Romans zu überlagern droht: „Sollten es wirklich die Affen sein, welche die Seelen der Menschen zu Gott tragen?“ Andererseits ist der einstige literarische Bürgerschreck bei diesen brutalen Szenen wieder ganz in seinem Element: Er verleiht den stummen leidenden Wesen, seien es Kinder oder Tiere, seine imposante, zuweilen erschütternde Wortmächtigkeit. Sie löst beim Lesen das eigentliche „Mondbeben“ aus, das lange nachwirkt.

Mehr zum Thema

Kommentare