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Eva Menasse, hier im März als neue Mainzer Stadtschreiberin.

Literatur

Ludwig-Börne-Preis für Eva Menasse

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Eva Menasse bekommt in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis.

Der österreichische Klimaökonom Gernot Wagner prägte für die gegenwärtige Lage die Wendung: „Für Pessimismus ist es zu spät“. Eva Menasse weiß solche Sätze zu schätzen, auch weil sie etwas Erfrischendes haben – wie Wagners Formulierung, der Klimawandel sei „das perfekte Problem“ (globaler, langfristiger, ungewisser, letztlich irreversibler als alle anderen gesellschaftlichen Probleme, die er kenne). Den Göttern, die er einst anbetete, werde der Mensch immer ähnlicher, so Menasse bei der Überreichung Ludwig-Börne-Preises am Sonntagvormittag in der Frankfurter Paulskirche, „nur leider ohne göttlichen Plan“.

Der etwas strapazierte Begriff der Vereinzelung fand hier nun zunächst eine anregende Anwendung. Die Österreicherin entwarf das – hochromantische und weit von der erfreulicheren und lichteren Vorstellung eines Netzes entfernte – Bild zahlloser Bergwerksgänge, mehr oder weniger windungsreicher Gänge, die jeder für sich selbst grabe. Dort könne er tun und lassen, was er wolle, denn anderen begegne er punktuell und episodisch, zufällig oder gezielt. Hier im Tunnelsystem bleibe ungestraft, was oben im Licht verboten wäre. Anderes hingegen werde streng geahndet. „Ein falscher Tweet und man fliegt raus.“ Denn ganz so dunkel und einsam ist es im Tunnel zwar offenbar nicht, aber abgeschottet ist der Grabende Menasse zufolge trotzdem, es ist ja auch unerwartet eng um ihn her. Es fehlt an Abstand zu sich selbst, mit Sicherheit fehlt es an Übersicht.

Das Tunnelsystem nun unterlaufe just in diesen Jahren das, was die Älteren von uns noch kennen: „Die Öffentlichkeit löst sich gerade komplett auf“, und ein Licht werde gelöscht, das Ludwig Börne als Prometheus der Publizistik vor zweihundert Jahren angezündet habe. Freilich ist es leicht, hier auf Wehleidigkeit und Nostalgie zu erkennen, aber nun sind Wehleidigkeit und Nostalgie so gar nicht der Fall der Schriftstellerin und Essayistin. „Öffentlichkeit“ ist immer ein schwieriger Begriff gewesen, und Menasse problematisierte ihn in Frankfurt auch mit sanftem Spott. Sie kam jedoch nicht umhin, ihr so unbeliebt gewordene, aber doch unter uns gesagt bisher so noble und sinnvolle Eigenschaften wie Kompromissbereitschaft zuzuordnen. Ja, sagte sie, im parlamentarischen Teil des Brexit-Desasters könne man gut sehen, wohin es führe, wenn jeder Abgeordnete ganz präzise die Wünsche seiner Wähler repräsentiere. „Jeder hat seine eigene winzige Öffentlichkeit.“

Es sei geradezu rührend, wie die Großparteien demgegenüber das Inklusive betonten, während dem einzelnen das „Sammelbecken“ offenbar längst zu unhygienisch sei. Und sich lieber Clowns in der Politik zuwende. Denn allein die Totalopposition, sagte Menasse, funktioniere in dieser Gemengelage noch als gemeinsamer Nenner.

Oder vielleicht doch nicht nur. Börne, sie (Menasse) und wir (das bedripste Publikum in der Paulskirche, eine analoge veranstalterische Öffentlichkeit, Feuilleton-Leser und Feuilleton-Autorinnen darunter) hätten sich / uns überlebt, so Menasse. Das sage sie nicht gerne, sie habe uns ihre Verzweiflung eigentlich nicht zumuten wollen. Aber es werde sicher einen neuen Anfang geben, wenn wir ihn uns auch definitiv ohne uns vorstellen müssten. Sie nannte nun jene „Schulschwänzer-Demonstrationen“ gegen die weltweite Klimapolitik, die erste Gruppe ihrer Art, so Menasse, die bisher der Zersplitterung widerstehe, die es bisher aushalte, nicht perfekt zu sein und trotzdem weiterzumachen. Man werde sehen, wie sich das weiter entwickle, ob auch das ein schnelles Ende finde oder womöglich – so erscheine es doch bisher – die Rückkehr einer neuen, wirksamen, für alle sichtbaren Öffentlichkeit sei.

Der Autor und Rowohlt-Verleger Florian Illies, von der Börne-Stiftung in diesem Jahr zum wie immer alleinigen Preisrichter für die mit 20 000 Euro dotierten Auszeichnung bestimmt, hatte zuvor Börne zitiert: „Eine schimpfliche Feigheit, zu denken, hält uns alle zurück. Drückender als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die öffentliche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt“ (interessant, Sie merken natürlich, wie die Öffentlichkeit in ihrer vollen Blüte kaum weniger heikel war als eine Filterblase, aber anders eben schon).

Dies sei auch Menasses Thema, betonte Illies: Wie wir uns selbst hemmen und hemmen ließen, aus Rücksicht, Opportunismus, Bequemlichkeit. Menasses Werk zeigte „eine große Unerschrockenheit“, die es nur geben könne, wenn man die Angst kenne. Die Autorin benenne sie und nehme ihr damit etwas von ihrer bannenden, lähmenden Wirkung.

Anhand ihres ersten Buches, „Der Holocaust vor Gericht“, entstanden aus Reportagen über den Londoner Prozess gegen den Holocaustleugner David Irving, demonstrierte Illies die ruhige Wucht ihrer Herangehensweise. „Ihre Unvoreingenommenheit ist fast erschreckend“, tief sitze ebenso ihr präzise benanntes Unbehagen gegenüber geschmeidigen Erklärungen. Die aktuelle Frage, wie mit Rechtsextremen zu reden und umzugehen sei, habe Menasse schon vor zwanzig Jahren beantwortet.

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