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Geerdete Globalisierung

Ludger Pries plädiert für Vielfalt der Forschung

Die Welt ist ein globales Dorf - dieser Satz ist zum Allgemeingut geworden, führt aber in die Irre. Genauso wie die Behauptung, "die" Globalisierung ebne

Von HEINER DÜRR

Die Welt ist ein globales Dorf - dieser Satz ist zum Allgemeingut geworden, führt aber in die Irre. Genauso wie die Behauptung, "die" Globalisierung ebne alle lokal, regional und national existierenden Unterschiede ein.

Der Begriff Globalisierung ist für wissenschaftliche Analysen nur noch brauchbar, wenn man sich auf eine der zahllosen Definitionen einigt. Das sind grundlegende Ausgangsthesen für den vehementen Einspruch, den Ludger Pries, Organisationssoziologe an der Bochumer Ruhr-Universität, in seinem Buch "Die Transnationalisierung der sozialen Welt" formuliert.

Er begründet sein Plädoyer so: "Das menschliche Tun ist einerseits immer lokal gebunden, aber in seinen Voraussetzungen, Formen und Folgewirkungen immer stärker in komplexe globale Langzeit- und Fernwirkungen eingebunden." In diesem Sinne transnational - und nicht global - organisiert sind etwa die Lebenswelten mexikanischer Arbeitsmigranten in den USA. Transnational ist auch die Organisationsstruktur der Beratungsfirma McKinsey; sie lässt es zu, Beratungskonzepte flexibel an nationale, regionale, lokale Verhältnisse anzupassen.

Kein Einbahnstraßenverkehr

Auf drei konzeptionelle Pfeiler stützt Pries sein Gedankengebäude: Erstens gelten ihm die Nationalstaaten als im eigentlichen Wortsinn maßgebende Akteure in der Weltentwicklung. Zweitens sei Internationalisierung kein Einbahnstraßenverkehr, sondern ein kaum zu entwirrendes Bündel aufeinander bezogener Handlungen. Drittens: Für Analysen dieser hoch komplexen Verhältnisse bräuchte man eine umfassende Raumtheorie.

Für eine solche Raumtheorie trifft Pries zwei Setzungen: Er unterscheidet zwischen geographischem Flächenraum und relationalem Sozialraum, und er betont deren Beziehungen zueinander. Pries rehabilitiert damit die "monolokale" Vorstellung von so genannten Containerräumen, geographisch weitgehend geschlossenen und im Zeitverlauf relativ stabilen Einheiten. Beispiele dafür sind Nationalstaaten. Gleichzeitig greift er die Vorstellung von Sozial- oder Aktionsräumen auf, die laufend neu hergestellt, konstruiert werden. Die aktuellen Prozesse der Internationalisierung vollziehen sich Pries zufolge immer häufiger in solchen "pluri-lokalen" Sozial-, Verflechtungs- oder Aktionsräumen.

Diesen komplexen Sachverhalt nutzend, unterscheidet Pries sieben distinkte Idealtypen der "Internationalisierung von Vergesellschaftung". Er nennt sie: Inter-Nationalisierung, Supra-Nationalisierung, Re-Nationalisierung, Globalisierung, Glokalisierung, Diaspora-Internationalisierung sowie Transnationalisierung. Der anschließende aufwändige Versuch, diese Konstrukte empirisch zu belegen und gegeneinander abzugrenzen, gelingt dann aber nur teilweise, trotz einer eindrucksvollen Fülle der Belege.

"Laxer Sprachgebrauch"

Die angestrengte Differenzierung von Internationalisierungsprozessen ist für Pries nicht nur Selbstzweck, sondern eine notwendige Bedingung für die interdisziplinäre Organisation der Internationalisierungsforschung.

Deren konkrete Möglichkeiten erkundet er in einer großen theoretischen und forschungssoziologischen Tour d'horizon. Ihr Ergebnis ist ernüchternd. Nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb einzelner Disziplinen herrschen "laxer Sprachgebrauch" und eine oftmals beträchtliche "Sprach- und Konzeptevielfalt".

Schließlich zeigt Pries an einem seiner Spezialgebiete, der Regulierung von Erwerbsbedingungen, beispielhaft die komplexen Prozesse aktueller Internationalisierung auf. Dabei verschwimmt das Konzept der Transnationalisierung mehr und mehr. Bei Erklärungen greift Pries nun immer häufiger auf die Metapher des Netzwerks und Termini wie "Netzwerktextur" zurück - Konzepte, denen er an anderen Stellen zu Recht eine geringe analytische Schärfe bescheinigt.

Aber nicht nur den interdisziplinären Wissenschaftsbetrieb will Pries mit Hilfe seiner Typologie anregen und neu ordnen, sondern auch die politische Praxis und die alltäglichen Diskurse über die Weltentwicklung. Damit richtet er sich an drei unterschiedliche Gruppen mit jeweils spezifischen Wertemustern, Logiken und daraus folgenden Handlungsroutinen: die wissenschaftslogisch urteilenden Vertreter der akademischen Fachwelt, die nach wissenschaftssoziologischem Kalkül geordneten Fachdisziplinen, sowie die Politik der Internationalisierung mit ihren verschiedenen Handlungsebenen. Wissenschaftlich-logisch gesehen, belegt Pries überzeugend, dass und wie der landläufig als Globalisierung bezeichnete Megaprozess in verschiedenen, aufeinander bezogenen Konfigurationen von mehr oder minder fest geerdeten Handlungen abläuft.

Die forcierte These, Transnationalisierung - und damit die Teildisziplin des Transnationalismus - verdiene eine herausgehobene Stellung, macht ihren Sinn im Rahmen wissenschaftssoziologischer Kalküle. Bezogen auf die Politik der Internationalisierung, wird sich Pries' Hoffnung, die dort eingeschliffenen, unklaren Sprach- und Denkroutinen zu beeinflussen, wohl nur sehr teilweise erfüllen.

Mit einer großen Studie hat Ludger Pries ein Referenzwerk geschaffen, das die Forschung über die Internationalisierung der Weltgesellschaft ungemein bereichert, gerade weil es mehr Fragen aufwirft und Herausforderungen formuliert als patente Lösungen bietet.

Ludger Pries:

Die Transnationalisierung der sozialen Welt.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 398 S., 15 Euro.

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