„Dies ist der Augenblick“ – so beginnt das Gedicht „The Night Migrations“ von Louise Glück.
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„Dies ist der Augenblick“ – so beginnt das Gedicht „The Night Migrations“ von Louise Glück.

Nobelpreis für Literatur

Literaturnobelpreis für eine Poetin

„Mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell“ gemacht: Die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück wird mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Ein Stocken, ein kurzes Rätseln. Die Vergabe des Literaturnobelpreises an die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück mag manchen überrascht haben – und vielleicht ein wenig an die Auszeichnung Tomas Tranströmers 2011 erinnern, der ebenso wie sie mit seiner Lyrik bekannt wurde. Erneut setzt das Stockholmer Komitee somit ein Zeichen, indem es die gewiss am meisten marginalisierte und unterschätzte Gattung der Spätmoderne adelt. Die Überraschung ist dabei übrigens doppelter Natur. Wer überhaupt mit einer Entscheidung für eine Lyrikerin rechnete, erwartete am ehesten die Ehrung einer langjährigen Favoritin, nämlich der Kanadierin Ann Carson.

Nun also Außenseiter-Format und Außenseiter-Name. Die Botschaft ist klar. Nach den Skandalen um Peter Handke – mit der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk zusammen im vergangenen Jahr geehrt – sollte der Preis nun an eine politisch unangreifbare Ästhetin gehen.

Wer dann noch etwas genauer auf deren Werk blickt, dürfte überdies der Aktualität ihrer Texte gewahr werden. Schon seit längerer Zeit zeichnet sich ab, dass sich allen voran die Dichtung am intensivsten den Fragen um Klima- und Umweltkrise widmet. Nicht die Prosa, nicht die Dramatik, nein, die Poesie hat das Anthropozän, das neue Erdzeitalter im Zeichen des menschlichen Einflusses auf die Erde, für sich entdeckt. Zu den Vordenkerinnen dieser thematischen Ausrichtung gehört zweifelsohne Louise Glück. 1943 in New York geboren, greift sie in ihren Gedichten immer wieder den Zusammenhang von menschlicher Existenz und Natur auf. Letztere erscheint bei ihr als Akteurin, als autonome Kraft, frei von humaner Unterdrückung.

Glück auf Deutsch

Die auf Deutsch erschienenen Bücher der frischgekürten Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück sind beim Luchterhand Literaturverlag vergriffen. „Wir sind gerade dabei, die Rechte neu zu verhandeln“, sagte Sprecher Karsten Rösel am Donnerstag. Bei Luchterhand erschienen zwei Bände auf Deutsch: 2007 „Averno“ und 2008 „Wilde Iris“.

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner hat die Bände übersetzt. Sie sagt: „Ich freue mich sehr, dass eine Lyrikerin geehrt wird. Glücks Lyrik zeichnet aus, dass sie Erkundungsgänge in den Körper unternimmt. Früh hat sie sich der Pflanzenwelt zugewandt und Pflanzen aus sich heraus sprechen lassen. Antike Mythen deutet sie auf eigene Weise unter dem Aspekt weiblicher und männlicher Körperlichkeit um. Aus Louise Glücks Dichtung spricht eine originäre Stimme, anhand derer sich erleben lässt, wie die Kunst Themen, die heute relevant sind, früh aufgegriffen hat.“

Allerdings muten Flora und Fauna nicht unbedingt kämpferisch an. In einer klaren, konzentrierten Sprache versucht sich Glück eher daran, die Natur in ihrer Schönheit hervorzuheben. So zum Beispiel in einem Text an das Venus-Gestirn: „Heute Abend, zum ersten Mal nach vielen Jahren, / zeigte sich mir wieder / eine Vision irdischer Pracht: // am Abendhimmel / schien das Leuchten / des ersten Sterns zuzunehmen, / während die Erde dunkel wurde, (…) Venus, / Stern des frühen Abends, // dir widme ich / meine Vision, da du auf diese leere Fläche // hinreichend Licht geworfen hast, / meine Gedanken erneut / sichtbar zu machen.“ Auch finden sich „Liste(n) von Dingen, die man lieben sollte: Dreck, Essen, Muscheln, Menschenhaar“. Was Glücks Poetik auszeichnet, ist die Macht der Bewahrung, die Verewigung all dessen, was durch äußere Intervention bedroht erscheint, in der Manifestation des Wortes.

Louise Glück erhält im September 2016 die National Humanities Medal und wird vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama umarmt.

In der Schriftstellerin jedoch eine bloße Natur- oder Ökopoetin zu sehen, griffe viel zu kurz. Seit ihrem Debüt „Firstborn“ (1968) beschäftigt sich die (zumindest mit bislang zwei Bänden von Ulrike Draesner ins Deutsche übertragene) Poetin auch mit den großen Themen der Gattung – Liebe, Tod, Familie, Einsamkeit – und zeigt sich mithin als Virtuosin mit humanistischem und metaphysischem Anspruch. Immer wieder zeugen ihre Texten von ihrer reichen akademischen Ausbildung, die sich seit 1984 in ihrer Tätigkeit als Professorin, zunächst am Williams College, später an der Yale University, widerspiegelt.

Deutlich wird dies an ihrem Spiel mit antiken Figuren und Mythen, und besonders an ihrer melancholischen Befragung des Schicksals der Persephone. Entführt in die Unterwelt, dient die Tochter des Zeus Glück als Reflexionsfigur für patriarchales Machtgehabe: „Persephone hat Sex in der Hölle (…) // Sie weiß durchaus, dass die Erde / von Müttern betrieben wird, so viel / steht fest. Sie weiß auch, / dass sie nicht länger ist, was man / ein Mädchen nennt. Was Einkerkerung / angeht, glaubt sie, // dass sie, als Tochter, von Anfang an eine Gefangene war.“

Glück zieht stets den großen Bogen, über alle Zeiten hinweg, sie ringt in ihren Texten um das Elementare des Daseins. Ihre Lyrik lässt die ganze Spannweite poetischer Ausdruckskraft erkennen. Dass es wie bei jeder Vergabe des Nobelpreises Kritik geben wird, ist zu erwarten. Zweifelsohne dürfte man die Auszeichnungen eines afrikanischen Autors – man denke an Ngugi wa Thiong’o – oder des asiatischen Dauerkandidaten Haruki Murakami als überfällig bezeichnen, auch in der damit verbundenen politischen Signalwirkung. Und ja, auch die Überrepräsentanz nördlicher und europäischer Autoren kann man nicht leugnen.

Aber beklagen wir nicht alle auch immer wieder dieses Proporzdenken? Wenn man aus der Vergabe des Nobelpreises 2020 eine wichtige Botschaft herauslesen sollte, dann diese: diesmal wurde einzig und allein die Literatur gewürdigt.

von Björn Hayer

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