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George Sand war ihr Vorbild: Louise Aston auf einem Gemälde von Johann Baptist Reiter, um 1847.

Die emanzipierte Louise Aston

Louise Aston: Baut sich im Busen die eigene Welt!

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Zur Erinnerung an die früh emanzipierte Louise Aston, ihren Mut, ihre Intelligenz und an ihren Größenwahn, der mit vielen anderen unterging in der gescheiterten deutschen Revolution von 1848.

Louise Aston (1814-1871) sollte aus Preußen ausgewiesen werden. Dagegen lief sie Sturm. Im März 1846 kam es zwischen ihr und dem preußischen Innenminister Ernst von Bodelschwingh (1794–1854) in der Wilhelmstraße 63 in Berlin zu folgendem kurzen Wortwechsel: „Minister: Sie haben sich so frivol und außergewöhnlich benommen, Madame Aston, dass ich mich wundern muss, wie Sie es wagen, gegen Ihre Verweisung zu protestieren. Aston: Ich weiß nicht, was Eure Excellenz frivol nennen? Minister: Warum stellen Sie Ihrem Glaubensbekenntnisse voran, dass Sie nicht an Gott glauben? – Aston: Weil ich nicht heuchle, Excellenz! Minister: Man muss Sie an einen kleineren Ort verweisen, wo Sie der Verführung nicht so ausgesetzt sind, um wahrhaft für Ihr Seelenheil zu sorgen. Aston: Aber meiner schriftstellerischen Karriere wegen ist mir der Aufenthalt in Berlin wünschenswert, wo ich stets neue geistige Anregung finde. Minister: In unserem Interesse ist es keineswegs, dass Sie Ihre künftigen Schriften, die gewiss so frei, wie Ihre Ansichten sind, hier verbreiten. Aston: Nun, Excellenz, wenn sich erst der preußische Staat vor einer Frau fürchtet, dann ist es weit genug mit ihm gekommen! Minister: Ich bin beschäftigt – (ab).“

Diesen Dialog veröffentlichte die inzwischen aus Berlin ausgewiesene Louise Aston Ende 1846 in ihrem kleinen Buch „Meine Emancipation. Verweisung und Rechtfertigung“. Als dessen Druckort Brüssel angegeben wurde, weil sie in Preußen keine Genehmigung für den Druck bekommen hätte.

Das Buch ist im Internet kostenlos nachzulesen. In der mit „Köpenick, den 25sten Juni 1846“ datierten Vorbemerkung schreibt sie: „Die polizeilichen Maßreglungen der Männer haben durch ihre Alltäglichkeit den Reiz des Pikanten verloren; so muss es als ein glücklicher Einfall, als ein Witz des Schicksals erscheinen, durch die außergewöhnliche Ausweisung einer Frau eine interessantere Variation zu dem abgeleierten Thema zu liefern. Denn da der Mensch aus Gemeinem gemacht, und die Gewohnheit seine Amme ist, so gewöhnt er sich auch an jede Art der Sklaverei, und sucht sich zuletzt in der Entwürdigung selbst heimisch zu fühlen. Da bedarf es des Ungewöhnlichen, um ihn aus seinem Schlummer emporzureißen, um ihm seine ganze Erniedrigung und Knechtschaft in ihrer ertötenden Wahrheit zu zeigen.“

Louise Aston, Tochter des schriftstellernden Konsistorialrates Johann Gottfried Hoche, wurde mit 17 mit dem 23 Jahre älteren Samuel Aston, einem englischen Fabrikanten in Magdeburg, verheiratet. Sie ließ sich scheiden von ihm, heiratete ihn wieder. Drei Töchter hatten die beiden. 1844 wurde auch die zweite Ehe geschieden.

Sie zog nach Berlin, lernte dort den Lyriker und Rechtsstudenten Rudolf Gottschall (1823-1909) kennen, mit dem sie eine Weile zusammenlebte und der ihr zwei seiner Skandalgedichte zur freien Liebe widmete. „Madonna“ beginnt mit den Zeilen: Wie glänzt im Gold der Abendsonne/ Das Bild der heiligen Madonne./ Ich steh’ im Anblick stumm Verloren:/ Die Jungfrau hat den Gott geboren./ Die freie Liebe kann allein/ Die Welt erlösen und befrein.“

In Berlin pflegte Louise Aston Zigarren rauchend und in Männerkleidung – sie folgte damit ihrem Vorbild George Sand – begleitet von junghegelianischen Revoluzzern spazieren zu gehen. Immer unter den Blicken einer aufmerksamen Polizei. Sie hielt mit ihren Ansichten über die Ehe oder die organisierte Religion nicht hinter dem Berge. Die Behörden hatten sie im Verdacht, einen Klub emanzipierter Frauen gegründet zu haben. Das führte sehr schnell dazu, dass die preußische Polizei verfügte, sie habe „Berlin binnen acht Tagen zu verlassen, weil ich Ideen geäußert, und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und Ordnung gefährlich seien“.

Ihr kleines Buch war schon darum, weil sie diesen Vorgang öffentlich machte, eine weitere Provokation. Die Lektüre lohnt sich bis heute. Louise Aston analysierte sehr genau und mit der ihr eigenen Ironie, was da mit ihr geschah: „Während die Polizei als Motiv meine Ideen anführte, die der bürgerlichen Ordnung gefährlich seien; und mich verwies, damit ich nicht Andere verführe, und in Berlin Proselyten für meine Unsittlichkeit mache; schien der Minister aus einem ganz entgegengesetzten Beweggrunde zu handeln: Aus unbedingtem Wohlwollen gegen mich, aus Fürsorge für mein persönliches Wohl, für das Heil meiner Seele; kurz, aus jener väterlichen Gesinnung, durch welche die preußische Regierung ihre echte Christlichkeit bezeugt, und sich die kindliche Liebe und Ergebung ihrer Untertanen zu erwerben weiß. So sehr mich diese Freundlichkeit, diese Sorge für mein zeitliches und ewiges Heil rührte: So war ich doch zu bestürzt und verwirrt, um gleich in passenden Worten meinen Dank äußern zu können.“

In demselben Buch bemerkte die 32-jährige Louise Aston auch süffisant: „So wurde mir von der Polizei eine Wichtigkeit beigelegt, die ich selbst mir beizulegen nie gewagt hätte, denn wie kühn müssten die Träume einer Frau sein, welche sich für eine staatsgefährliche Person hielte.“

1849 veröffentlichte sie einen Roman, der zeigte, wie kühn ihre Träume wirklich waren. Er erschien in zwei Bänden mit mehr als 530 Seiten in dem Mannheimer Verlag J. P. Grohe, in dem schon 1842 der Junghegelianer Arnold Ruge veröffentlicht hatte, in dem 1849 auch eine Robert-Blum-Biografie erschien. Der Titel von Louise Astons großem Roman war „Revolution und Contrerevolution“. Ein Buch über die Jahre 1848/1849 in Wien, Berlin und Schleswig-Holstein. Ein Stück verschwörungstheoretischer Geschichtsschreibung, bei der die deutschen Revolutionen jener Jahre zu einem Gutteil zurückzuführen sind auf die Aktionen der Heldin des Romans: Alice von Rosen, das keine Sekunde verborgene alter Ego der Autorin.

Das Buch ist eines der hervorragendsten Beispiele für eine geradezu durchdrehende Allmachtsfantasie. Sie ist freilich gleichzeitig von Anfang an gebrochen. Denn Louise Aston schreibt diesen Roman ja, als schon klar ist, dass die Revolutionen in Wien und Berlin gescheitert sind, dass die Alternative, wie sie sie zu Beginn des Romans im März 1848 in Wien sieht – Aristokratie oder Proletariat – längst entschieden ist. Noch gibt es einen Aufstand in Baden, aber in den Zentren, um die es schließlich geht, sind die Würfel längst gefallen: zugunsten der Aristokratie.

Der Roman ist ein großes Vergnügen. Unter zwei Voraussetzungen: 1. Man kennt ein wenig die reale Entwicklung von Revolution und Konterrevolution 1848 in Deutschland; 2. man stört sich nicht an Passagen wie diesen: „Seine Augen sprühten ein vulkanisches Feuer und seine Hand fuhr krampfhaft nach seinem Herzen.“ Schafft man das, dann kann man den Roman als einen Urahn von „Homeland“ lesen, in dem auch Privates und Politisches sich untrennbar und unentwirrbar verbinden. Weltgeschichte erscheint als Resultat von Erotik und Intrige. Ein Gespinst, in dem der Leser darauf angewiesen ist, dass die Autorin ihm den roten Faden immer wieder aus dem Knäuel zieht. Sie verfügt damit nicht nur über den Roman, sondern auch über die Geschichte.

Man neigt dazu, sich darüber lustig zu machen, aber eine Rezension im Ergänzungsblatt zur Bayerischen Presse vom 22. Dezember 1849 zeigt, wie selbstverständlich dieser Roman als Geschichtsschreibung gelesen wurde: „Ihr Vaterland ist wieder um ein verruchtes Buch reicher; die bekannte Emancipierte, Louise Aston, hat ein Buch geschrieben unter dem Titel ‚Revolution und Gegenrevolution‘... Die Hauptabsicht dieses Buches verbirgt sich keineswegs, obschon sie keine edlere ist als einem der schrecklichsten Verbrechen erlegenen edlen Toten im Grab noch mit Schmach und Schande zu überdecken, ja denselben geradezu des Vaterlandsverrates zu zeihen. So weit kann Parteiwut führen!“

Es geht dem Rezensenten um den Fürsten Felix von Lichnowsky (im Roman Lizinsky), der am 19. September 1848 in Frankfurt am Main von einer Gruppe aufgebrachter Republikaner gelyncht wurde. Er hatte bereits in einem satirischen Roman des Marxfreundes Georg Weerth die Hauptrolle innegehabt. Der Rezensent der Bayerischen Presse „räumt gerne ein, dass die Tagesgeschichte auf sehr geschickte und spannende Weise in den Roman, ein republikanisch-propagandistisches Buch, verflochten ist.“

Das Ende der Revolution war auch das Ende der Autorin Louise Aston. Ihre letzten veröffentlichten Verse erschienen 1850 in den Freischärler-Reminiscenzen unter der Überschrift „Hinaus!“: „Drum denn hinaus in’s Freie! in’s Weite!/ Nichts nenn’ ich mein, drum gehört mir das All;/ Jubelnd begrüßen mich, die Befreite,/ Wandernde Stürme mit Donnerschall./ Hoch von der Felsen gigantische Spitzen/ Seh’ ich das Dunkel des Lebens erhellt;/ Wenn mich die ew’gen Gedanken durchblitzen,/ Baut sich im Busen die eigene Welt!“

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