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Major a.D. von Neufville, Joseph Goebbels und Kronprinz Wilhelm von Preußen beim Polizeisportfest 1933 in Berlin.
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Major a.D. von Neufville, Joseph Goebbels und Kronprinz Wilhelm von Preußen beim Polizeisportfest 1933 in Berlin.

1930-33

Lothar Machtan „Der Kronprinz und die Nazis“: Ein Kabinettstückchen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Lothar Machtan konzentriert in „Der Kronprinz und die Nazis“ den Blick zu sehr auf die Intrigantenbühne.

Wer keine Krimis mag, bei denen er von vornherein weiß, wer der Mörder ist, den wird Lothar Machtans „Der Kronprinz und die Nazis“ womöglich nicht interessieren. Wer sich für die psychologische Frage interessiert, wie Mörder zu Mördern werden, dem bringt das Buch auch nichts. Auch wen die gerade ja viel diskutierte Frage nach der Unterstützung Hitlers durch die Hohenzollern umtreibt, findet hier – das sagt schon der Titel – fast nur den Kronprinzen betreffende Informationen.

Wer den Blick etwas weiten möchte, der wird bis zum 27. September warten müssen. Da erscheint im Propyläen-Verlag Stephan Malinowskis Buch „Die Hohenzollern und die Nazis: Geschichte einer Kollaboration“.

In Lothar Machtans Buch geht es in erster Linie nur um den Kronprinzen und nur um die Jahre 1930 bis 1933. Friedrich Wilhelm Victor August Ernst von Preußen (1882 – 1951), kurz Wilhelm, der älteste Sohn des letzten Kaisers, war bis zum Sturz der Monarchie im Jahre 1918 „Kronprinz“. Er liebäugelte nicht nur mit den Nazis, er unterstützte sie auch. Sein jüngerer Bruder August Wilhelm (1887 – 1949) war am 1. April 1930 Mitglied der NSDAP geworden. Die Ex-Kaisers im holländischen Exil hielten Kontakt mit Hitler, empfingen und machten Reklame für ihn. Immer wieder konkurrierten diese drei Hohenzollern um Hitlers Gunst. Die Hohenzollern, daran besteht kein Zweifel, betrieben Werbung für Hitler.

Wer Spaß an der Intrige, gar an den ständig wechselnden Konstellationen hat, die entstehen, wenn verschiedene Verschwörungen aufeinanderstoßen oder auch es gerade nicht tun, der wird Machtans Buch mit Vergnügen lesen. Das Kapitel über die Wahl des Reichspräsidenten im Jahre 1932 ist ein Kabinettstückchen.

Der 84-jährige Hindenburg hatte noch einmal kandidiert. Die ihn bis dahin unterstützenden rechten Parteien hatten sich distanziert. Hindenburg gewann die Sozialdemokratie, die in einem Wahlaufruf sich für ihn als die einzige Alternative zu Adolf Hitler anpries. Bei den Wahlen am 13. März 1932 erhielten Paul von Hindenburg 49,5 Prozent, Adolf Hitler 30,1, der kommunistische Kandidat Ernst Thälmann 13,2, Theodor Duesterberg von der Deutschnationalen Volkspartei 6,8 und der wegen Betrugs in Bautzen inhaftierte Gustav A. Winter, der für die Inflationsgeschädigten kandidierte, erhielt 0,3 Prozent der Stimmen.

Angesichts dieses Wahlergebnisses war ein zweiter Wahlgang nötig. Der „Kronprinz“ witterte seine Chance. Er ließ bei Hitler und Hindenburg intervenieren und bot sich als Kandidat an, auf den sich Hindenburg und Hitler einigen konnten, um so der Rechten zu einem massiven Durchbruch zu verhelfen. Hitler, dem der Kronprinz mit der Kanzlerschaft winkte, gab ein Zeichen der Bereitschaft, aber noch bevor Hindenburg ablehnen konnte, pfiff der Ex-Kaiser seinen Sohn zurück: Die Wiedereinführung der Monarchie dürfe nicht auf republikanischem Wege – also über die Reichspräsidentschaft – ablaufen. Der Machtan-Leser weiß, dass der Kaiser von Hitler eine Erklärung hatte, dass der Nazi bereit wäre, nach ein paar Jahren seiner Diktatur der Monarchie wieder den Weg zu bahnen.

Das Buch:

Lothar Machtan: Der Kronprinz und die Nazis. Duncker und Humblot, Berlin 2021. 300 Seiten, 29,90 Euro.

Der Kronprinz gehorchte seinem Vater und so kam es beim zweiten Wahlgang zu folgendem Ergebnis: Hindenburg 53,1 Prozent, Hitler 36,8 Prozent, Thälmann 10,2. Die Detailfreude, mit der Machtan die verwickelten Entscheidungsprozesse seines „Helden“ und der Hauptakteure darstellt, wirkt ansteckend. Man ist dabei, wenn die graue Eminenz des Geschehens, wenn Kurt von Schleicher, sich daranmacht, die Regierung Brüning zu stürzen, die SA und SS verboten hatte. Ein Verbot, gegen das der Kronprinz Sturm lief.

So wie Marx kein Marxist war, so waren auch die Monarchen keine Monarchisten. August Wilhelm hatte keinen Thronanspruch. Er hasste die Republik, wollte eine Diktatur und Adolf Hitler war sein Führer. Der „Kronprinz“ sah keine Chance für eine Wiedereinführung der Monarchie. Es sei denn auf dem Weg über eine Diktatur.

Die wollten alle. Jedenfalls alle, die auf Machtans Intrigantenbühne auftreten. Die Rechte wollte die Republik loswerden. Nur die wenigsten sahen auch nur den Hauch einer Chance für eine Monarchie. Das Problem, das sie ebenfalls einte: Jeder wollte die Macht für sich. Aber keiner fühlte sich imstande, sie zu ergreifen. Hitler sprach von der „Machtergreifung“. Die fand niemals statt. Die gesamte Rechte wollte die Diktatur. Aber – das zeigen zahlreiche von Machtan zitierte Äußerungen – sie fürchtete den Bürgerkrieg. Auch Hitler tat das. Der parlamentarische Weg zur Macht – das war sein Weg. Begleitet von Gewalt auf den Straßen, aber niemals von der Straße aus an die Regierung. Das war auch ihm zu riskant.

Machtans Buch konzentriert sich so auf die Vorzimmer der Macht, dass wir ganz aus den Augen verlieren, was in Deutschland passiert. Die Wahlergebnisse zum Beispiel werden nicht betrachtet als Ergebnis sozialer Entwicklungen der deutschen Gesellschaft, sondern als die Währungen, auf die bei den Kämpfen in den Vorzimmerspielen rekurriert werden muss.

Machtans Konzentration auf seinen Blickwinkel reproduziert das Verständnis von Politik, wie der Kronprinz es hatte: ein paar Männer klären untereinander, wo es langgeht. Kabinettspolitik. Das verfehlt die Politik von Weimar und auch den Nationalsozialismus. Der war eine Massenbewegung. Das war auch jedem der Protagonisten Machtans klar.

Den meisten von ihnen war auch klar – das macht Machtan deutlich –, dass sie ohne „Volk“ Weimar nicht würden kippen können. Darum waren sie angewiesen auf die Nazis. Die bestärkten sie immer wieder in ihrem Glauben, sie stünden auf der Seite der alten Eliten.

Der Antisemitismus spielt in dem Buch keine Rolle. Der Kronprinz sei wegen seiner Judenfreundlichkeit in der rechten Presse immer wieder in die Kritik geraten, heißt es. Aber man erfährt nichts über ihn. Es gibt keine Erörterung der Frage. In all den Auseinandersetzungen, ob man Hitler in eine Koalition hineinnimmt oder nicht, spielt Hitlers Haltung gegenüber den Juden keine Rolle.

Aber das gilt für alles Programmatische. Das Wort Deflation, das bei Brünings Politik eine so große Rolle spielt, kommt nicht vor. Wer nur Lothar Machtan liest, hat den Eindruck, die Republik von Weimar sei in nichts als einem Kabinettstückchen untergegangen.

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