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Loslassen nach Anleitung

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Christoph Links gibt seinen Verlag an die Aufbau-Verlagsgruppe.

Am Sonntag bekamen die Autoren einen Brief, am Montag ging Christoph Links an die Öffentlichkeit: Der Ch. Links Verlag, eine der ersten Neugründungen direkt nach dem Mauerfall und fraglos die erfolgreichste aus jener Zeit, wird Teil des Aufbau Verlags. Der Verleger nennt dies im Gespräch eine gute Nachricht, was zunächst verwundert, weil er ja seine Unabhängigkeit aufgibt. Allerdings kann er stolz von sich sagen, seine Nachfolge damit geregelt zu haben und den Verlag nicht ins Ungewisse zu entlassen.

Zum 20-jährigen Bestehen schon habe er seinen Mitarbeitern und den Autoren erklärt, dass er die Firma zu seinem 65. Geburtstag in jüngere Hände geben wolle. Links ist soeben 64 geworden. Er habe, so schreibt er es auch an seine Autoren, mögliche Nachfolger sogar zeitweise im Verlag arbeiten lassen, doch die scheuten vor der Aufgabe zurück.

Das kann man mit zwei Aspekten erklären. Erstens handelt es sich bei Links keineswegs um einen Kleinverlag, sondern um ein mittelständisches Unternehmen mit zehn Angestellten und einer Produktion von etwa fünfzig neuen Büchern zu aktuellen gesellschaftlichen, politischen und historischen Themen. So muss für zwei Titel aus dem Herbstprogramm gerade nachgedruckt werden, sowohl der Bild-Text-Band zu Gerhard Gundermann „Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse…“, als auch die „Streitschrift für den Osten“ der sächsischen Ministerin Petra Köpping unter dem Titel „Integriert doch erst mal uns!“ haben in wenigen Wochen die dritte Auflage erreicht. Wenn man solche Bücher hat oder die von Andreas Speit herausgegebene Auseinandersetzung mit den Reichsbürgern und seinen Folgeband über „Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“, muss man auch die juristische Verantwortung in Auseinandersetzungen übernehmen können.

Zweitens ist die Lage auf dem Buchmarkt sehr angespannt. Der Stroemfeld-Verlag in Frankfurt hat Insolvenz angemeldet, Klöpfer & Meyer in Tübingen verzichtet auf sein nächstes Frühjahrsprogramm, der Münchener A1-Verlag hat im vergangenen Jahr seine Liquidation beschlossen. Die Berliner Verlage Argon und Nicolai bröckelten nach dem Verkauf an S. Fischer in den 90er Jahren auseinander. Argon ist heute ein Hörbuchlabel, Nicolai will mit neuer Besitzerin in diesem Jahr nach der Buchmesse wiederauferstehen.

Einige Leser werden sich noch erinnern, wie der Schweizer Ammann Verlag 2010 aufgeben musste, obwohl er hoch angesehen war und auch erfolgreiche Bücher im Programm hatte. Andere Verlage gingen in Konzernen auf, so der Luchterhand Literaturverlag bei Random House, der Berlin Verlag bei Piper/Bonnier.

Links wollte nicht zu einem Konzern, möchte aber den Verlag unabhängig von sich als Eigentümer machen. Er behält die Funktion des Geschäftsführers noch zwei Jahre, in denen auch weiter aus den eigenen Büros gearbeitet werden soll, um das Zusammenwachsen mit Aufbau mitzugestalten. Links berichtet, dass das Interesse sogar von Aufbau selbst kam, genauer von der langjährigen Sachbuch-Cheflektorin Franziska Günther, dass er dann drei Monate mit den Eigentümern Matthias und Ingrid Koch und Anwälten die Details verhandelt habe. „In Rekordzeit“, sagt er, was er auch belegen kann. Er habe nämlich extra ein Seminar über Betriebsübergänge an der Industrie- und Handelskammer belegt, und dort hätte man ihn auf komplizierte einjährige Verhandlungen vorbereitet.

Denkt man an Aufbau, hat man zuerst literarische Titel im Kopf, doch hat der Verlag gerade in jüngster Zeit mit Sachbüchern viel Aufmerksamkeit erreicht, der Autobiografie Gregor Gysis und dem Gesprächsbuch von Jana Hensel und Wolfgang Engler „Wer wir sind“. Denkt Christoph Links an Aufbau, dann nicht nur an den gerade verkündeten Deal, sondern auch an seine Tochter Johanna, die dort als Lektorin für Literatur aus romanischen Sprachen arbeitet, und an seine eigene Vergangenheit. Als er nämlich im Jahr 1986 die „Berliner Zeitung“ verließ, wo er politischer Redakteur war und sich mehr und mehr gegängelt sah, ging er zum Aufbau Verlag, lernte dort als Assistent von Elmar Faber das Verlagshandwerk. Deshalb hatte er schon Erfahrung in der Branche, als er am 1. Dezember 1989 das eigene Unternehmen gründete, zunächst unter dem Namen LinksDruck.

Dem Ch. Links Verlag geht es wirtschaftlich gut, er hat insgesamt 1000 Titel veröffentlicht und davon eine ganze Menge Longseller im Programm, „Die Chronik des Mauerfalls“ und „Die Chronik der Wende“ sind beide schon in der 12. Auflage, der Bild-Text-Band über den Berliner Untergrund „Dunkle Welten“ hat die 10. Auflage erreicht. Christoph Links hat Philosophie und Lateinamerikanistik studiert, ist aber auch Verlagshistoriker, 2008 promovierte er mit seiner Untersuchung zum Schicksal der DDR-Verlage nach der Wende. Man kann gerade ihm also nicht vorhalten, dass er voreilig handelt. Das Nachfolge-Problem muss allerdings bei Aufbau auch langfristig gelöst werden. Geschäftsführer Matthias Koch ist 75 Jahre alt.

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