Berliner Debütroman

Lorenz Just „Am Rand der Dächer“: Wiederauferstehung des Kaputten

  • vonUlrich Seidler
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Damals am Tacheles: Das Viertel um die Oranienburger Straße spielt die Hauptrolle im Debütroman des Berliner Schriftstellers Lorenz Just.

Dieses Buch beginnt mit einer Landung und endet mit einem Start. Auf der ersten Seite lässt sich Andrejs Freund Simon mit Schwung und einer halben Drehung aus der Schweinebammel in den Sandkasten auf die Füße fallen, um Andrej seine Boa im Terrarium zu zeigen, eine Freundschaft beginnt. Und auf der letzten Seite sitzt Andrej in einem Flugzeug, das ihn für ein Austauschjahr nach Amerika bringen wird. Die beiden werden in dem Debütroman von dem 1983 in Halle geborenen und seit 1988 in Berlin Mitte aufgewachsenen Lorenz Just durch das Viertel um die Oranienburger Straße ziehen, spielend, kletternd, später auch einbrechend und stehlend.

Wir schreiben die 1990er Jahre, einen Zeitraum des Übergangs, in dem so viel gleichzeitig zu passieren schien, dass er in der Erinnerung zu einem Bruch zwischen gestern und heute zusammenschrumpft. Als Moment der Freiheit und der Möglichkeiten ist von diesen Jahren schon so oft die Rede gewesen, dass man nicht mehr genau herausfinden wird, wo die Legenden begannen und wo die Utopien in sich zusammenfielen.

Das Besondere an „Am Rand der Dächer“ ist nun, dass Just diese Jahre zerdehnt, indem er von ihnen aus der Perspektive eines Kindes erzählt, das er ungefähr gewesen sein mag. Kinder haben eine anderes Zeitempfinden und wissen nichts von interessanten Übergangsphasen, weil sie in der Ewigkeit leben oder gerade erst begonnen haben, ganz langsam aus ihr heraus- und in die Ahnung von Sterblichkeit hineinzuwachsen. Er tritt erzählend auf die Bremse, schaut auf seine inneren Bilder, forscht seinen Empfindungen nach, reflektiert die Lückenhaftigkeit, Flüchtigkeit und die Konstruiertheit seiner Erinnerungen und stößt doch immer wieder, vielleicht sogar unbewusst auf Details, die für so etwas wie die Wahrheit seiner Erinnerungen zeugen mögen.

Das macht seinen Ich-Erzähler nun nicht gerade zu einer mitreißenden Figur, sondern lässt sie ziemlich altklug, wortverliebt und irgendwie unangebracht resigniert erscheinen. Es ist eben doch kein Kind, das da erzählt, sondern eine Chimäre, der ein Absolvent des Leipziger Literaturinstituts ins Ohr flüstert und sie einmal sogar verzweifelt ausrufen lässt: „Wie komme ich zu diesen Erinnerungen?“

Die eigentliche Hauptrolle spielt der Ort des Geschehens, der mit all seiner historischen Aufladung, mit seiner Symbolkraft für Kaputtheit, Verwahrlosung, Misswirtschaft, aber auch für Freiheit, Nischen und soziale Schutzräume steht. An der Textoberfläche bleiben die Straßen und Gebäude erst einmal Kulisse, die scheinbar zufällig und hausnummernkonkret ins Bild kommt, indem Andrej und Simon sich in ihnen bewegen. Die Sandstrände hinterm Tacheles, die Huren auf der Oranienburger, das besetzte Haus in der Kleinen Hamburger 5, der Mombi, ein Spielplatz namens Pissburg. Lange rennen sie achtlos an den Einschusslöchern in den Fassaden vorbei und popeln dann später darin herum, in der Hoffnung, vielleicht noch ein Projektil zu finden, das einen Soldatenkörper durchschlagen und getötet hat, bevor es im Mauerwerk stecken blieb.

Hier riecht es nach Urin, da kann man über niedrige Mauern, Schuttberge oder offene Kellergänge Wege abkürzen. Und natürlich sind die Landschaften zwischen Straße und Himmel – die Dächer mit ihren Schornstein- und Antennenwäldern – überall zugänglich, über Dachböden mit Wäscheleinen und Sperrmüll, die heute ausgebaut sind, und über Gerüste, hinter denen immer mehr graue Häuser verschwanden, um wenig später peinlich verjüngt und seifenfarben wieder herausgeschält zu werden.

Natürlich entspinnt sich die Erzählung in den Beziehungen zwischen den Figuren, wobei die Gleichaltrigen und sogar Haustiere deutlich mehr Raum in der Wahrnehmung einnehmen als zum Beispiel Eltern und Lehrer, die in jenen Jahren ohnehin vor allem mit sich selbst beschäftigt und überfordert, also für ihre Kinder ziemlich uninteressant waren. Es gibt Vertrauensbrüche, Freundschaftsprüfungen, Liebesglimmen und Kümmernisse. Und alles scheint immer beladener, enger, komplizierter und verriegelter zu werden.

Aber auch das bildet sich in besagter Kulisse ab. Wenn Simon und Andrej irgendwann durch die Oberlichter von Dachgeschosswohnungen oder durch billige Gipssteinwände einbrechen, dann tun sie eigentlich nichts, als auf ihren alten Wegen zu bestehen. Und indem sie in die aufgeräumten Wohnungen plumpsen, fallen sie aus ihrer Welt. So richtig viel anzufangen wissen sie dann auch nicht mit der Beute.

So verlieren sie – auch dies, ohne dass ihnen das jemand erklären oder vorleben würde – ihre Unschuld und ihre Freundschaft.

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