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Die Logik der Messerstecherei

Verfassungsrechtler Ulrich K. Preuß und Politik-Berater Edward Luttwak versuchen sich grundsätzlich an den Themen Strategie und Moral, Krieg und Terror

Von Dagmar Pöpping

Das Bedürfnis, sich philosophisch mit dem Krieg anzufreunden, hat nach dem 11. September spürbar zugenommen und dabei Autoren auf den Plan gerufen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Während ein deutscher Verfassungsrechtler wie Ulrich K. Preuß nur mit großen Skrupeln und viel Geschichtstheorie um ein positives Verhältnis zum Einsatz bewaffneter Gewalt ringt, spricht der US-amerikanische Wirtschafts- und Politikexperte Edward Luttwak über Kriege mit der sachlichen Leidenschaft eines Fußballkenners, der über mehr oder weniger gelungene Spielstrategien diskutiert.

Preuß' Essay ist eine Neuauflage seiner erst vor wenigen Monaten erschienenen Reflexionen über den 11. September, die um ein 18-seitiges Nachwort über den Irak-Krieg erweitert wurden. Der ganze Rest des Buches handelt, wie es der Untertitel der ersten Auflage ankündigte, vom "Wandel bewaffneter Gewalt" und beschreibt den Terrorismus als Erscheinungsform der "Neuen Kriege", das heißt als eine Folge des wachsenden Machtverlustes der souveränen Nationalstaaten durch die Internationalisierung von Politik und Wirtschaft: War ein Krieg seit der Frühen Neuzeit ein geregelter Rechtszustand zwischen Staaten, gehe die Entwicklung heute hin zum ewigen Bürgerkrieg ziviler Gruppen. Die Grenzen zwischen Verbrechen und Krieg verschwinden.

Preuß' Position ist dabei geprägt von einem starken und unkritischen Etatismus. So übernimmt er Carl Schmitts Begriff des Politischen als eine dem Staat entgegengesetzte Kraft ziviler Gruppen und erklärt, dass diese seit der Erfindung der Volkssouveränität bis hin zum Zweiten Weltkrieg den Staat geschwächt hätten. Sein wichtigster Gewährsmann aber ist Thomas Hobbes, der als Antwort auf eine Epoche religiöser Bürgerkriege im 17. Jahrhundert mit seinem Leviathan den absoluten Staat verkündete. Dieser sollte die Sicherheit des Individuums vor dem Übergriff des feindlichen Nachbarn garantieren, eine Sicherheit, die der einzelne Staat heute vielfach nicht mehr bieten kann. Preuß fordert deshalb, die polizeilichen Vollmachten eines starken Staates müssten auf die UN übertragen werden.

Der Terrorismus ist für Preuß ein Verbrechen und kann nicht mit einem Krieg, wie ihn die USA propagieren, bekämpft werden. In einer überraschenden Wendung legitimiert er trotzdem den Antiterrorkrieg der USA; anfänglich mit vielen Skrupeln, aber im Urteil entschieden stellt sich Preuß auf die Seite des "amtierenden Hegemons". Er zweifelt nämlich an der Fähigkeit der Europäer, die Menschenrechte weltweit mit rechtlichen Mitteln durchsetzen zu können: Diesen "sensiblen Demokratien" fehle der Machtwillen, um moralische Kriege zu führen. Leider glaubt Preuß nicht einmal selbst an die Moral in der Politik, sondern wohl eher an das Recht des Starken. Im Krieg der USA gegen Afghanistan sei nicht Moral das Motiv gewesen, sondern das "nackte Interesse". Die Moral sei nur ein "Kollateralnutzen" eines aus egoistischen Motiven geführten Krieges. Die USA - so legt Preuß nahe - verhelfen unbewusst durch eine "List der Vernunft" dem Guten zum Sieg.

Die Attentate vom 11. September sucht Preuß mit theologischen Begriffen zu klären und ordnet sie der Kategorie des Bösen zu. Zur Erläuterung gibt er zunächst allgemeine Hinweise auf den Islam, dann will er die Terroristen mit ihrer eigenen Religion widerlegen und sie der Blasphemie überführen. Die Attentäter - so spekuliert Preuß über Dinge, die niemand wissen kann - hätten nur auf die Heilsgüter nach ihrem Tod geschielt, statt sich von echtem Opferwillen leiten zu lassen. Schließlich fixiert Preuß - wie Huntington - den islamischen Kulturkreis auf historisch-kulturelle Wesenszüge, die seiner Eingliederung in eine demokratische Weltordnung entgegenstünden. Bestehende Vorurteile werden so eher befestigt statt aus dem Weg geräumt.

In seinem Nachwort über den Irak-Krieg relativiert Preuß erneut seine Position. Plötzlich spricht er ganz aus der Perspektive des "Alten Europa", was schon mit dem neuen Untertitel angedeutet wird. Auch hier führt er geschichtliche Gründe an, um klarzumachen, dass amerikanisches Denken mit europäischem nicht vereinbar sei. Während Europa seit der Frühen Neuzeit ein Prinzip der relativen Sicherheit vertrete, sei es Amerika immer nur um seine absolute Sicherheit gegangen. Das kollektive Sicherheitssystem der UNO wird kurzerhand zum geistigen Eigentum Europas erklärt. Amerika hingegen tendiere seit dem 11. September zum Imperium, das eine neue Weltordnung - eine Pax Americana - anstrebe. Der Irak-Krieg wäre der erste Schritt dahin. Am Ende schwächt Preuß das Machtdenken von Hobbes, dem er zuvor so viel abgewinnen konnte, doch ein wenig ab: Er rät den Amerikanern, sich zu mäßigen und ihre Macht in Recht zu verwandeln, sonst könne auch der Stärkste auf Dauer "nicht Herr" bleiben.

Edward Luttwak, der Politikberater aus Washington D.C., braucht keine Philosophie, um an das Recht des Stärkeren zu glauben. Für den "Realisten" Luttwak ist der Krieg ein allgemeingültiges Prinzip, der Frieden nur die Vorbereitung auf den nächsten Krieg. Seine jüngst erschienene deutsche Übersetzung von Strategy. The Logic of War and Peace ist eine Neuauflage von 1987, die um einige aktualisierende Kommentare erweitert wurde. Die "Neuen Kriege" spielen hier noch keine große Rolle. Luttwak entwickelt ein Strategiemodell am Vorbild der alten Staatenkriege, vor allem des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges. Auf den 11. September geht er nur mit der Bemerkung ein, der Terrorismus sei unfähig, strategische Siege zu erringen, und prophezeit ihm Niederlage und Demütigung.

Luttwak beschreibt die Logik des Krieges als Paradoxie. Sie beruht auf der alten Erkenntnis von Clausewitz, dass die voraussichtlichen Reaktionen des Gegners im Kampf mit einbezogen werden müssen, was oft einen Umweg erfolgreicher mache als den direkten Weg zum Ziel. In jedem Sieg - so lautet ein weiteres dialektisches Paradox bei Luttwak - ist schon die Niederlage, der Kulminations- und Wendepunkt angelegt. Aus Sieg wird Niederlage, wenn die Sieger beginnen, sich zu überschätzen, während die Verlierer dazugelernt haben.

An die Stelle des Völkerrechts setzt Luttwak den Darwinismus des Krieges. Unbekümmert verkündet er: "Die Logik der Messerstecherei unterscheidet sich also nicht von der Logik der internationalen Politik." Er plädiert für einen ungehemmten Naturzustand, in dem der Versuch, Kriege zu lindern oder zu unterbrechen, als kontraproduktiv entlarvt wird: Wer Kriege unterbreche, bevor ihre Energien auf natürliche Art "ausbrennen" können, der ziehe sie bloß in die Länge, weil er den Kriegsparteien erlaube, sich zu regenerieren. Bestenfalls können die UN das "friedensstiftende Potenzial des Krieges" verstärken, indem sie dem Starken helfen, den Schwachen schneller und eindeutiger zu unterwerfen. Luttwak entwickelt ein Strategiemodell, in dem sich Technik, Taktik, Operation und Gefechtsfeldstrategie zu einer Gesamtstrategie, die er die "vertikale Ebene" nennt, verbinden. Diese müsse in größtmöglicher Harmonie zur "horizontalen" Ebene stehen, unter der er die Interaktion mit dem Feind versteht. Am Leitfaden seines Modells spielt Luttwak historische Schlachten nach und kommt schließlich zu dem lapidaren Ergebnis, dass die Kriegskunst sich nicht berechnen lasse und allenfalls mit einem Kartenspiel zu vergleichen sei.

Für aktuelle Kriegsanalysen taugt Luttwaks Strategiemodell nicht. Erst zwei Generationen später - meint Luttwak selbst - lasse sich ein Krieg beurteilen, weil man vorher nie über alle strategischen Faktoren Bescheid wissen wird. Dennoch analysiert er bereits heute den Golf-Krieg von 1991, dessen großes Defizit er darin sieht, dass nicht die moralische Energie aufgebracht wurde, Opfer für die Entmachtung Saddam Husseins zu bringen. Und wie Preuß beklagt auch Luttwak die mangelnde Bereitschaft westlicher Gesellschaften, Blutopfer für Kriege zu bringen. Diktaturen und Söldnerheere nach dem Vorbild der Fremdenlegion böten deshalb die besseren Voraussetzungen für strategisch optimale Kriege.

Luttwak hat ein Modell entwickelt, mit dem er alles und nichts erklären kann. Am Ende hat er immer Recht, jedoch gilt dies - wie bei allen zirkulär angelegten Erklärungsmodellen - nur, solange man ihre Prämisse akzeptiert. Die aber lautet frei nach Hölderlin: Krieg ist Leben und Leben ist auch ein Krieg.

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