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Ljudmila Ulitzkaja.
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Ljudmila Ulitzkaja.

Epidemie und Totalitarismus

Quarantäne auf Russisch

  • vonCornelia Geißler
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Wie reagiert ein autoritäres System auf den Ausbruch einer tückischen Krankheit? „Eine Seuche in der Stadt“, ein „Szenario“ von Ljudmila Ulitzkaja.

Auf Seite 33 ist zum ersten Mal von Quarantäne die Rede. Die Maßnahmen scheinen drastisch und zugleich vertraut. Möglichst alle, die mit dem Kranken in Kontakt waren, sollen auf Symptome geprüft werden. Wer denkt da nicht an Covid-19, an das Virus, das heute Krankenhäuser, Stadtverwaltungen, Regierungen in die Knie zwingt? „Eine Seuche in der Stadt“ heißt das Buch, die Leser sind sofort im Bilde. Nur geschieht das Aufspüren der Kontaktpersonen erheblich effizienter als heute, ohne Handy-App und Bewegungsdaten, jedoch mit der erfolgreichsten Firma der Sowjetunion, dem NKWD – dem berüchtigten Geheimdienst.

Das Wort unter dem Titel des von Ganna-Maria Braungardt übersetzten Buches, „Szenario“, kann man in zweierlei Hinsicht verstehen. Als Bewerbung für einen Drehbuchkurs hatte Ljudmila Ulitzkaja den Text bereits 1978 geschrieben und eingereicht. Sie wurde nicht angenommen, obwohl man ihr bescheinigte, wie professionell die Arbeit sei. Ein Szenario bezeichnet aber auch eine Modellvorstellung für eine bestimmte Entwicklung, ein Schreckensszenario etwa.

Es werden politische Bedenken gewesen sein, mit denen man Ulitzkaja den Kurs verwehrte. Die verlegte sich auf die Prosa. Mit ihren vielschichtigen, Geschichte und Gegenwart erhellenden Romanen wie „Medea und ihre Kinder“, „Die Lügen der Frauen“ und „Daniel Stein“ gehört die Russin längst zum Kreis der Anwärterinnen auf den Literaturnobelpreis. Das alte Manuskript, schreibt sie, sei ihr beim Aufräumen in die Hände gefallen, als sie durch die Corona-Pandemie ans Haus gefesselt war.

Die russische Ausgabe erschien Ende Mai 2020 als „Tschuma“, also: „Die Pest“. Zu der Zeit druckte man hierzulande gerade den gleichnamigen Roman von Albert Camus in 90. Auflage. Also wurde es auf Deutsch „Eine Seuche in der Stadt“: Rudolf Iwanowitsch Mayer arbeitet in einem Labor in Saratow an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Pest und wird zum Rapport ins 800 Kilometer entfernte Moskau bestellt. Im Volkskommissariat für Gesundheit nimmt er Glückwünsche entgegen: „Die Entwicklung dieses Impfstoffs ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum endgültigen Sieg des Kommunismus auf der ganzen Welt, ein weiterer Beweis für den Triumph der weisen stalinschen Politik.“ Dann muss er erschöpft ins Hotel, er fühlt sich krank. Er hat sich infiziert!

Kurz darauf werden alle Teilnehmer dieser Sitzung, außerdem Mayers Mitreisende aus dem Zug sowie die Diensthabenden seines Moskauer Hotels eingesammelt. Stalin hat als „der Mächtige Mann“ einen kurzen Auftritt, bietet Hilfe an, „bei den Listen und bei der Liquidierung“.

Das Buch:

Ljudmila Ulitzkaja: Eine Seuche in der Stadt. A. d. Russ. v. Ganna-Maria Braungardt. Hanser, München 2021. 112 S., 16 Euro.

Ein kleines Missverständnis, von der Autorin als Schlaglicht eingesetzt, ums Töten geht es diesmal nicht. Doch die Durchsetzung der Hygieneverordnung geschieht im Rahmen eines erprobten Systems. Jeder für sich erlebt einen großen Schreckensmoment, denn die NKWD-Leute kommen mit Häftlingstransportern und zum sofortigen Mitkommen auffordern. „Du wirst abgeholt“, sagt die Frau eines Gesundheitsfunktionärs. „Von wem?“ Eine unsinnige Frage, denn die Antwort ist klar. „Da sind zwei Männer.“ Manch einer versucht zu fliehen.

Es ist das Jahr 1939, die weltpolitische Situation ist angespannt, in der Sowjetunion sind die stalinistischen „Säuberungen“ im vollen Gange. Fast jeder hat schon erlebt, wie Menschen, die gerade noch eine wichtige Funktion hatten, in Ungnade fielen. Ein falsch interpretierter Satz kann die Verbannung zur Folge haben.

Ulitzkaja lässt Mayers Freundin, die in Moskau nach ihm sucht, auf eine andere Frau treffen, die jubelt, als sie erfährt, in welchem Gefängnis ihr Mann steckt: Er ist (noch) nicht im Lager, er ist nicht tot. Die staatliche Informationspolitik will verhindern, dass wegen der seltenen hochinfektiösen Krankheit Panik ausbricht. Angst aber sind die Menschen gewohnt.

Von der „Pest zu Zeiten der politischen ,Pest‘“ schreibt die Autorin in ihrem Nachwort für die deutsche Ausgabe. Ulitzkaja, 1943 geboren, hat Biologie studiert und dann im Akademie-Institut in Moskau als Genetikerin gearbeitet, bis sie dort als „politisch unzuverlässig“ entlassen wurde. Doch Naturwissenschaften, speziell Genetik, haben sie weiterhin interessiert. Als sie das Szenario entwarf, griff sie den realen Fall eines Pest-infizierten Wissenschaftlers auf.

Zwar ist der Text aus einzelnen Szenen aufgebaut, die chronologisch geordnet, zuweilen zeitgleich an mehreren Schauplätzen spielen, doch wirkt er nicht wie ein Film-Drehbuch, sondern wie eine Erzählung oder ein Roman. Ulitzkaja hat jede Episode ausformuliert, mit Dialogen und Situationsbeschreibung. Lernt man zunächst verschiedene Figuren und Milieus kennen, die zuweilen mit liebevollem Humor, zuweilen mit Sarkasmus geschildert sind, nimmt die Handlung bald an Dramatik zu. Der Schrecken des Systems zieht ein. Die Interpretation, was die Pest im Vergleich zum Stalinismus und anderen verbrecherischen Regimen bedeutet, liefert Ulitzkaja selbst: „Terror-Epidemien, die von Zeit zu Zeit in menschlichen Gesellschaften ausbrechen, sind selbstgemacht, sie sind ein Unheil, für das die Natur nichts kann.“ Gut, dass sie diesen Text jetzt publiziert hat, es ist ein grausig-gutes Buch.

Im vergangenen Juni wurde Ljudmila Ulitzkaja der Siegfried-Lenz-Preis zugesprochen, wegen der Pandemie wurde die in Hamburg geplante Verleihung vorsorglich schon auf den 19. März dieses Jahres gelegt. Nun sieht es so aus, als würde die Seuche unserer Zeit noch eine weitere Verschiebung der Zeremonie nötig machen.

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