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Ljuba Arnautovic. Foto: Leonhard Hilsenauer/Zsolnay
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Ljuba Arnautovic.

Roman

Ljuba Arnautovic „Junischnee“: Auf der Rückseite des Mondes

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Wie Ljuba Arnautovic in ihrem Roman „Junischnee“ eine unbeschreibliche Geschichte beschreiblich macht.

Einen Roman nennt die Wiener Autorin Ljuba Arnautovic auch den zweiten Teil ihrer ergreifenden Familiengeschichte. Dabei ist vieles darin dokumentarisch, das meiste den Erzählungen aus der Verwandtschaft abgelauscht, etliches sogar selbst erlebt. Ihre eigenen Reflexionen über die Eltern, die Groß- und Urgroßeltern gibt sie in einfachen, gut nachvollziehbaren Szenen wieder. So oder so ähnlich werden sie gesprochen haben, so dachte man, war die Stimmung.

Wer auf diese Weise erzählt, braucht sowohl Distanz als auch Empathie. Arnautovic richtet nicht über ihre Figuren, obwohl sie – als deren Tochter und unter den Verhältnissen ihrer Kindheit – doch allen Grund dazu hätte. Stattdessen stellt sie die Eltern zurück in den irrsinnigen zeithistorischen Zusammenhang, in dem sie lebten, und kommt ihnen aus der so gewonnenen Distanz doch wieder nahe. Eine reifere Familienerzählung lässt sich kaum denken.

Die Geschichte raubt einem den Atem. Karl Arnautovic, der Vater der Autorin, ist neun Jahre alt, als seine kommunistische Mutter ihn mit dem 13-jährigen Halbbruder aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Wien in die sichere, friedliche Sowjetunion schickt. Im „Kinderheim Nr. 6“ für Genossenkinder in Moskau lernen die Jungen den Sozialismus von seiner hellen Seite kennen. Erzogen wird nach Erkenntnissen der Reformpädagogik, Bildung steht hoch im Kurs, für alles Leibliche ist gesorgt.

„Bleib stur wie ein Bock“

Aber nachdem die ferne Heimat zur „Ostmark“ des Deutschen Reiches geworden ist und Stalin mit Hitler seinen berüchtigten Pakt geschlossen hat, ist auf einmal alles anders. Karls bewunderter großer Bruder ist 18 und muss in die Produktion. Karl kommt in ein schäbiges, lieblos verwaltetes Heim und lernt die dunkle Seite des Sozialismus gründlich kennen. Er flüchtet, landet auf der Straße und lernt noch als Kind die Techniken des Überlebens. In seinem Nachlass findet die Tochter später die Regeln, wie der Vater sie im Lager aufgeschrieben hatte. Gebot vier: Zeige niemals eine Unterlegenheit. Gebot acht: Wenn du etwas beschlossen hast, bleib stur wie ein Bock – bis zum Sieg oder bitteren Ende. Gebot zehn: Vertraue niemandem.

Das Buch:

Ljuba Arnautovic: Junischnee. Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2021. 189 Seiten, 22 Euro.

Die nächste Station ist die „Besserungsanstalt“, die übernächste die Lubjanka, die berüchtigte NKWD-Zentrale, die vorerst letzte der Gulag. Die Dokumente aus sowjetischen Archiven, die der Vater sich später, 1991, besorgen konnte, lassen das Blut in den Adern gefrieren. Die Tochter nimmt sie in ihren Roman auf – die Verhörprotokolle mit dem 17-Jährigen, das lapidare Urteil wegen herbeifantasierter „antisowjetischer Agitation“. Volle zehn Jahre verbringt Karl im Lager in Sibirien. „Die ersten Wochen sind die lebensgefährlichsten“, resümiert in ihrem sachlichen und gerade darum so erschütternden Ton die Tochter, „gestorben wird auch später – an Auszehrung, Erschöpfung, Krankheiten. Aber die vielen Selbsttötungen passieren in der allerersten Zeit, wenn einen die Erkenntnis trifft wie ein harter Schlag auf den Kopf: Hier endet das Menschlichsein, und damit das Menschsein.“

Im Lager lernt Karl Nina kennen, die wegen „Diebstahls an sozialistischem Eigentum“, einem Stofffetzen, zwei Jahre verbüßt. Als Karl exakt an Stalins Todestag entlassen wird, schlägt er sich zu Nina nach Kursk durch. Die beiden heiraten, bekommen eine Tochter – Ljuba Arnautovic. Karl schafft es über Umwege, mit der Mutter in Briefkontakt zu treten. Nachdem Österreich 1955 souverän und neutral geworden ist, plant er seine Rückkehr. Tatsächlich darf Karl mit Nina und dem Kleinkind ausreisen. Nach 22 Jahren kehrt er heim nach Wien.

Die Regeln aus dem Lager sind für ein gelungenes Familienleben untauglich. „Bleib stur wie ein Bock – bis zum Sieg oder bitteren Ende“: Am „vierten Gebot“ aus dem Gulag scheitert das Verhältnis zur Mutter, dann das zu Nina. Die junge Russin fühlt sich abgestellt, will zurück nach Kursk. Aber die Wiener Jugendbehörde will nicht, dass sie das Kind mitnimmt ins Reich des Bösen.

Das Lügengebäude des Vaters

Der „Überstellungsbescheid“, mit dem die „Mj.“, die minderjährige Ljuba, „dem KV“, dem Kindsvater, „ausgefolgt“ wird, liest sich nicht besser als die Bescheide der sibirischen Lagerleitung. Das Mädchen kommt zunächst ins Kinderheim, dann darf es doch ausreisen. Mit der Zähigkeit des Lagerhäftlings betreibt der Vater aber schon bald die Rückkehr Ninas und der Töchter nach Wien. Dass Karl inzwischen eine andere hat, verschweigt er Nina; kaltblütig täuscht er beide Frauen. Die Tochter gibt die Briefe wieder, die der Vater an beide schickt, am gleichen Tag, beide voller sorgfältig ausgedachter Lügen. Scham war die letzte Tugend, die man in Sibirien gebrauchen konnte.

Ljuba Arnautovics Buch liest sich in seiner radikalen Ehrlichkeit wie die Rückseite des väterlichen Lügengebäudes. Manchmal, so scheint es, geht die Geschichte verschlungene Wege, und manchmal geht sie irgendwie doch gut aus.

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