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Lize Spit „Ich bin nicht da“: Die Panik aus amerikanischen Filmen

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Von: Stefan Michalzik

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Lize Spit. Foto: Daniil Lavorsky
Lize Spit. Foto: Daniil Lavorsky © Daniil Lavorsky

Was ist mit Simon plötzlich los? Lize Spit erzählt in ihrem Roman „Ich bin nicht da“ von einem katastrophal zerbrechenden Glück zu zweit

Zwei, die einander alles recht machen wollten, ein symbiotisches Paar. Kennengelernt haben sie sich an einer Filmhochschule. Leo hat auf das Schreiben von Drehbüchern studiert, sie ist jedoch hängengeblieben als Verkäuferin in einem Geschäft für hochpreisige Umstandsmoden. Simon ist Grafikdesigner in einem kleinen Büro, seine künstlerische Ambition indes gilt dem Animationsfilm. Gemeinsamer Hausstand, Katze, allabendliches Kochen, mäßig Außenkontakte. Mit einem Mal ist alles anders.

Die Unmittelbarkeit der Erzählweise in „Ich bin nicht da“, dem zweiten Roman der 1988 geborenen flämisch-belgischen literarischen Senkrechtstarterin Lize Spit, der nun in einer umsichtigen Übersetzung von Helga von Beuningen vorliegt, suggeriert, dass es sich um einen autobiografisch motivierten Dokumentarroman handelt. Es ist für die Autorin zu hoffen, dass das nicht zutrifft. Die Ich-Erzählerin schildert das Erleben des Phänomens der bipolaren Erkrankung des geliebten Partners, gekennzeichnet durch einen Wechsel von depressiven und manischen Phasen. Die Protagonistin ist jedenfalls im gleichen Jahr geboren wie Spit, sie stammt gleichfalls aus einem kleinen Ort und lebt heute in Brüssel. Spits Debütroman „Und es schmilzt“ (2015) – eine ansehnliche Theaterfassung wurde vor zwei Jahren an den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels uraufgeführt – ist tatsächlich autobiografisch motiviert.

Da ist dieser Anruf auf der Mailbox, gleich auf der ersten Seite. Die panische Stimme der besten Freundin Leos, einer Kollegin im Laden. Irgendetwas Schreckliches muss passiert sein, was genau, bleibt lange unklar, erst recht, wie es ausgegangen ist. Das schafft Spannung, bis zur letzten Seite. Interessant der Satz: „... es ist die Panik aus amerikanischen Filmen“, die Leos Freundin in dem Anruf „mangels eigener Erfahrung imitiert“, in einer Rede, die mit den ihr sonst fremden Worten „shit“ und „fuck“ durchsetzt ist. Mehrfach entwickelt die Ich-Erzählerin – wie gesagt eine studierte Drehbuchautorin – die Fantasie, wie die sich gerade abspielende Szene in einem Film aussehen würde.

Mit Zeitsprüngen immer wieder wird die Sache von vorn aufgerollt. Die Abschnitte sind mit Daten und teils auch Ortsangaben überschrieben, was den Eindruck eines retrospektiven Tagebuchs wie eben auch der filmischen Technik verstärkt. Keiner in diesem Buch, der nicht mit Gespenstern seiner Vergangenheit zu tun hätte. Leo wie Simon stammen aus zerrütteten Familien; beider Mütter sind verstorben, dieser Umstand hat das einverständige Gefühl eines gemeinsamen Schicksals gestiftet. Hyperdetailliert, inklusive Einzelheiten der im Illustriertenideal ausgestatteten Küche oder auch der Beschreibung des Golfspiels auf Simons Bauch mit dem Fussel aus seinem Bauchnabel, wird die Intimität, die Zweisamkeit ausgemalt. Und ebenso detailliert und schmerzlich anschaulich wird Simons späteres besinnungsloses Tun geschildert.

Das Buch:

Lize Spit::Ich bin nicht da. Roman. A. d. Fläm. v. Helga von Beuningen. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2022. 576 S., 26 Euro.

Er wirkt verändert, nachdem er eines Nachts unerwartet spät nach Hause gekommen ist und voller Stolz ein Tattoo auf der Rückseite eines seiner Ohren präsentiert, das er sich auf eine Kneipenbegegnung mit einem Studiobetreiber hin aus dem Stand heraus hat stechen lassen.

Simon ist getrieben von paranoiden Gedanken; zum Entsetzen Leos schmeißt er die Stelle im Grafikbüro, er will eine eigene Firma gründen und individuell zugeschnittene Tattoo-Motive nach in der Psyche schürfenden Gesprächen mit der Kundschaft entwerfen. Das endet alles nicht gut, schließlich wird Simon in die Psychiatrie eingeliefert. So rettend wie verheerend die Wirkung der Medikamentencocktails. Bei einer Neujustierung der Mischung kehren sie immer wieder einen neuen Simon hervor. Nicht jedoch den, mit dem Leo zehn hochgestimmte Jahre hatte.

Zudem fühlt sich Leo des Verrats schuldig, weil sie das Leben mit dem Erkrankten zum Stoff einer unter falschem Namen veröffentlichten Kolumne in einer Zeitschrift gemacht hat. Nicht allein des Geldes wegen, das regelmäßige Schreiben hat ihr Halt gegeben in der schwer aushaltbaren Situation von Angst und Entfremdung und dem Gefühl von Machtlosigkeit. Es ist nicht allein das Drama des Erkrankten, um das es hier geht, es ist vor allem auch das der liebenden Partnerin, selbst psychisch nicht die Robusteste.

Mögen auch die in der flämischen Presse getroffenen Vergleiche mit Tolstoi und John Irving sehr hoch gegriffen sein, so sind da doch ein beachtliches erzählerisches Vermögen und eine Dringlichkeit in der Sprache von Lize Spit, und zugleich auch wieder eine Nüchternheit. Eine Verbindung, die – mit ein paar Abstrichen – auch über die beinahe sechshundert Seiten trägt.

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