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In Londons Straßen, in U-Bahn-Stationen verdient Liza Codys Mädchen mit dem absoluten Gehör zunächst ihr Geld.

Krimi

Liza Cody: „Ballade einer vergessenen Toten“ – Sie tut ihnen leid

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Die Engländerin Liza Cody erzählt in ihrem neuen Kriminalroman von einem Mädchen mit unglaublichem musikalischen Talent, aber dann doch keiner Chance.

Sie ist häufig der verwischte Fleck, der gerade ins Bild kommt oder rausgeht.“ Und ausgerechnet über die Person hinter dem verwischten Fleck möchte Amy, eine alles andere als erfolgreiche, zudem gerade von ihrem Freund verlassene Schriftstellerin, eine Biografie schreiben. Und das nur, weil sie der 25 Jahre alte Song „See Jesse Tomorrow“ zum Weinen bringt, als sie in einem Café sitzt und ihn hört. Sie möchte unbedingt wissen, wer die Songschreiberin war. Sie möchte zunächst eigentlich nicht wissen – sie ist doch keine Detektivin! –, wer Elly Astoria umgebracht hat. Dann möchte Amy es vielleicht doch wissen.

Die Engländerin Liza Cody, eigentlich Liza Nassim, geboren 1944 in London, hat bildende Kunst studiert, als Fotografin und Malerin gearbeitet, ehe sie anfing, bestechend originelle Kriminalromane zu schreiben. Im Nebenberuf Wrestlerin ist zum Beispiel ihre Detektivin Eva Wylie, die außerdem auf einem Schrottplatz haust. Cody machte eine Bag Lady, eine Obdachlose, zur Hauptfigur. Und sie erzählt in „Ballade einer vergessenen Toten“ („Ballad Of a Dead Nobody“, 2011) von einem unterprivilegierten Mädchen, das ohne Vater aufwächst, seine drogenabhängige Mutter versorgt, das aber außerdem ein musikalisches Genie ist.

Als Straßenmusikerin verdient Elly Astoria in London, etwa in U-Bahn-Stationen, das Geld für ein bisschen Essen und für den Dealer – ihre Mutter sei „krank“, erzählt sie allen, die sich zu fragen trauen –, bis sie von einer Frauenband entdeckt wird. Die vier Mitglieder von SisterHood kümmern sich um die ziemlich verwahrloste, ein wenig auch gestörte junge Frau, sie wissen aber auch zu profitieren von ihrem atemberaubenden Talent. Elly mag auf den alten Fotografien von SisterHood der verwischte Fleck, das Kind im zwei Nummern zu großen Parka sein, Amy sieht doch auch, „wie scharf alle anderen Bandmitglieder abgelichtet sind“.

Mit ihrer fiktiven Biografin Amy umkreist Liza Cody das Mädchen, über das keiner so richtig was weiß – aber aus den Puzzlestücken entsteht eben doch ein Bild. Da gibt es die Polizisten, die damals ermittelten im Fall dieser jungen Frau, die noch vor ihrer Volljährigkeit „berühmt war, und tot“. Da gibt es Lehrer und Nachbarn. Sogar mit dem Friseur, der Elly bühnentauglich machen soll, spricht Amy. Und mit ehemaligen Fans, vor 25 Jahren selbst Teenager, die mehr gesehen haben als die meisten anderen: „Diesem Kind ist irgendetwas zugestoßen, als es klein war, und seitdem mochte sie die, der das zugestoßen war, nicht mehr anschauen.“

Liza Cody stellt diese Figur nicht scharf, sie lässt Unsicherheiten und Leerstellen – das macht diesen Roman nur umso faszinierender. Nie blickt man als Leserin ins Innere Ellys, immer sieht man sie durch die Augen der anderen. Die Mitleid mit ihr haben oder sie ausbeuten – oder auch beides –, die lange Zeit denken, die Mutter gebe es gar nicht, die das Mädchen mit einem Hund trösten wollen, als die Mutter stirbt, und im Grunde nichts verstehen. Außer, dass Ellys unglaubliches Talent ganz herrlich zu ihrer aller Vorteil ist. Denn damals, als die 15-Jährige (tatsächlich 15, findet Amy heraus, und kaum älter, als sie starb) berühmt wurde, sangen diverse Stars „Ellys Songs und fuhren gar nicht schlecht damit.“ Die Stars kommen dann nochmal zur Trauerfeier. Dann wird Elly Astoria flugs vergessen.

Es interessiert Liza Cody nicht sehr, eine Krimihandlung in ihr detailliertes, manchmal ironisches, manchmal böses Porträt eines alternativen Musikerinnenmilieus einzuflechten. Sie bietet zwar am Ende eine Art Auflösung an, aber kann man Amys Schlussfolgerungen trauen? Schließlich ist sie ja, wie sie immer wieder betont, „keine Detektivin“. Und hatte sie nicht gerade noch eine Liste von zehn Verdächtigen?

„Ballade einer vergessenen Toten“ ist das, was gern als „literarischer“ Krimi bezeichnet wird, ein auch sprachlich starkes, einfallsreiches Buch. Und so sehr beschäftigt einen Elly Astoria, dass man zu gern die Lieder hören würde, die Liza Cody so plastisch und so anrührend beschreibt, als hätte sie sie noch im Ohr.

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