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Los Angeles, Stadt der erfüllten und unerfüllten Träume, glamourös, aber gleichzeitig brutal und ungerecht.

Jan Brandt „Stadt ohne Engel“

Living the L.A.-Life

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In seinem neuen Buch „Stadt ohne Engel“ taucht Jan Brandt in die Millionenmetropole Los Angeles ein.

Sunset Boulevard, Malibu Beach oder Beverly Hills, die meisten Touristen sehen das Gleiche von Los Angeles, wenn sie denn überhaupt stoppen auf ihrer Kalifornien-Rundreise. Zu gefährlich, zu groß, zu viel Verkehr. Tatsächlich walzen sich zehnspurige Freeways durch die City, die nur selten leer sind. Aber sie führen auch Richtung Meer, zu waldigen Hügeln, hippen Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten, die Konsumenten an den Rande der völligen Erschöpfung bringen können.

Los Angeles erschließt sich sowieso nicht durch Kurztrips oder Reiseführer, sondern erst, wenn man eine Weile dort lebt, findet Einwohner Justin Jampol. „Man absorbiert sie und gibt gleichzeitig etwas davon ab. Das ist wie eine Form von Osmose.“ Jampol hat in der Millionenmetropole das „Wende-Museum“ aufgebaut. Eine umfangreiche Sammlung aus Relikten der DDR. Jampol ist einer von vielen, die Autor Jan Brandt in seinem neuen Buch „Stadt ohne Engel“ trifft.

Drei Monate wohnt Brandt 2014 als Stipendiat in der Villa Aurora, die Heimat des Schriftstellers Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta während ihres Exils. In der Künstlerresidenz können heute Schriftsteller, Journalisten, bildende Künstler und Komponisten ihre Zeit verbringen. Wo schon Thomas Mann und Bertolt Brecht ein und aus gingen, residiert nun Brandt, Jahrgang 1974. Wohnen dürfen dort nur Schreiber, die bereits ein Buch veröffentlicht haben. Brandt kann sogar zwei vorweisen. Mit seinem Debüt „Gegen die Welt“ (DuMont) gelang ihm ein Überraschungserfolg, der ihn sogleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises katapultierte. In L.A. hat er vor, einen Auswanderroman zu schreiben. Dass daraus literarische Reportagen entstehen werden, das weiß er vor seinem Aufenthalt noch nicht.

Die Villa hat zwar einen schönen Blick auf den Pazifik, liegt aber abseits, dabei will Brandt ja eintauchen. So kauft er sich ein Auto und erkundet die Stadt. Auf seinen Streifzügen lernt er ihre Menschen kennen. Brandt hält genauestens fest, was er beobachtet. Das fesselt nicht immer gleich stark. Am meisten, wenn Brandt tatsächlich nah an den Menschen ist. Er nimmt sich viel Zeit, verabredet sich mehrmals mit ihnen, begleitet sie bei der Arbeit. Da ist etwa Maia, die 14-jährige Dichterin, die Brandt auf einem Flohmarkt trifft. Sie verkauft „custom poems at a custom price“, selbstgeschriebene Gedichte, die sie auf einer alten Schreibmaschine tippt.

Oder Lauren Birdsong. Sie ist aus Kansas nach L.A. gezogen, kellnert und führt Hunde aus. Dabei möchte sie ihr Geld mit Schauspielern verdienen, „allein das wäre schon ein Traum“. Berühmt werden will sie nicht unbedingt. Kai Löbach aus Wuppertal hat es schon geschafft. Er begann als Küchenhilfe und brachte es mit seinem Catering-Business zu einem Haus in den Hollywood Hills. Er bewirtete Stars wie Jennifer Lopez oder Mick Jagger und betreibt nun auch noch einen Currywurstimbiss.

Los Angeles ist nicht nur eine Stadt der erfüllten und unerfüllten Sehnsüchte. Sie ist zugleich brutal, ungerecht und rassistisch. Glamour und Reichtum stehen Verbrechen und Armut gegenüber. Das unterschlägt auch Brandt nicht. Der Autor wird um ein Haar Zeuge eines Mordes. Ein 22-Jähriger wird während eines Musikfestivals umgebracht. Die Täter werden nicht geschnappt, eine Gang-Sache, ein Raub nur wegen des neuen Skateboards? Jan Brandt begibt sich auf Spurensuche.

Irgendwann fällt dem Autor auf, dass er noch mit keinem Afroamerikaner richtig gesprochen hat und auch in den berüchtigten Vierteln wie Compton und Watts ist er noch nie gewesen. Also trifft er sich mit dem Rapper Lil Drawz (was soviel heißt, wie kleine Unterhose), der dort aufgewachsen ist und lässt sich von ihm sein Viertel zeigt, das lange Zeit zu einem der gefährlichsten Orte der USA zählte.

Brandt widmet auch aktuellen oder nicht mehr ganz neuen Phänomen, wie die Macht von Amazon oder Google einige Kapitel. Gespickt sind seine Geschichten mit Auszügen aus Facebook-Nachrichten, Twitter-Meldungen und selbstgeschossenen Fotos. Er will herausfinden, wie alles zusammenhängt: „Hollywood und Google, Silicon und Venice Beach, die Freaks, die Nerds und die Hippies, Technikhörigkeit und Spiritualität, die Macht und Ohnmacht der Imagination, Digitalisierung aller Lebensbereiche, steigende Mieten und sinkende Absicherung, Erfolgsdruck, Depression und die Sehnsucht nach einem alternativen Dasein.“

Manchmal passiert es, dass man einige Zeilen überfliegt. Brandt nimmt seine Aufgabe als gewissenhafter Chronist ernst, er beschreibt sehr genau und detailliert. Das zieht in den Text, ist aber zeitweise etwas mühsam. Müssen tatsächlich alle Teilnehmer einer Zeremonie der Full Circle Church und die Gründe ihres Erscheinens aufgezählt werden?

Kleine unterhaltsame Gedichte, meist über Tote, die Brandt aus Zeitungsmeldungen zusammengetragen hat, unterbrechen die Geschichten. Jack Jordan etwa flog von L.A. nach Albuquerque, als sein Herz versagt, niemand kann ihm helfen, nicht mal der Defibrillator – seine Brust ist zu behaart.

Nebenbei erfährt der Leser Gedanken und Erinnerungen des Autors, was das Buch noch ein Stück weit persönlicher werden lässt. Dass er immer nur hatte schreiben wollen – „keine Rockstarträume, keine Skaterfantasien“ in seiner Jugend. Dass sein Bruder ihm zum 16. Geburtstag seine Charles-Bukowski-Sammlung ausleiht und Brandt von da an wie dessen Alter Ego Henry Chinasky aus „Das Liebesleben einer Hyäne“ sein wollte. Was ihn beim Schreiben seines ersten Romans inspiriert hat: „Das Leben, der Wahnsinn in einer Familie aufzuwachsen. Dieses unausweichliche Spannungsverhältnis zwischen Nähe und Distanz, dieses permanente Fremdheitsgefühl.“ Fremd ist Brandt nach drei Monaten L.A. nicht mehr, richtig angekommen aber auch nicht. So bleiben es eben Beobachtungen...

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