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Clemens J. Setz in Klagenfurt.

Eröffnungsrede

Literaturtage Klagenfurt: Clemens J. Setz über Wrestler und Dichter

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Über das Verschwimmen von Fiktion und Realität und die „bevorstehende Selbstauflösung“ der Rechtspopulisten: Clemens J. Setz hält eine ermunternde Klagenfurter Rede zur Literatur.

Wer sich vor und nach Darren Aronofskys Film „The Wrestler“ nicht für Wrestling interessiert hat – während der Film läuft, interessiert sich jeder Anwesende brennend dafür –, konnte sich nun von Clemens J. Setz ins Bild setzen lassen. Der von ihm in den Mittelpunkt seiner Klagenfurter Rede zur Literatur gestellte Begriff Kayfabe dürfte sich künftig in der Literaturkritik festsetzen, zu Recht. 

Bei Kayfabe, erklärte Setz – beim Literaturwettbewerb hier vor elf Jahre selbst der Gewinner des Ernst-Willner-Preises –, gehe es um eine Art „Wahrung der Vierten Wand“. Der Wrestler dürfe nämlich auch jenseits der Schaukämpfe nicht aus der fiktiven biografischen Situation fallen, die ihm die Autoren des Unternehmens WWE (World Wrestling Entertainment Inc.) auf den Leib geschrieben haben. Eine eigenartige Situation, aus dem Geist des Kapitalismus geboren, aber denkbar vielfältig. „Hat man sein Auge einmal dafür sensibilisiert, sieht man blühende Kayfabe plötzlich überall.“

Heinz-Christian Strache spielt in einem Clip eine Art Weihnachtsmann

Clemens J. Setz konnte also zur Eröffnung der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur nicht nur fabelhafte Geschichten aus der Wrestlerszene erzählen. Auch in der Literatur – Don Quixote / Alonso Quijano – und im Leben – Frank Underwood / Kevin Spacey – werden Rolle und Realität synchronisiert, beziehungsreich verflochten oder schlicht verwechselt. Was so schlicht natürlich auch wieder nicht ist – Setz berichtete, wie der kenianische Diktator Daniel arap Moi die Romanfigur Matigari festnehmen lassen wollte und schließlich mangels Erfolgs den Autor des Romans, Ngugi wa Thiong’o, ins Gefängnis stecken ließ. Dass der Dichter dort seinen nächsten Roman schrieb (auf Toilettenpapier), ist kein Trost.

Viele, die meisten der Geschichten aus dem Leben handelten von einer tiefen Unsicherheit im Umgang mit Rollenspielen und Realität, ganz im Gegensatz zum souveränen Umgang der Literatur damit (vermutlich deshalb ein oft unterschätztes Plus, weil es in der Literatur vermeintlich „einfacher“ ist). Das Paar Don Quijote / Alonso Quijano ist meisterhaft, das Paar Frank Underwood / Kevin Spacey ein Albtraum. Was Setz zum „extremsten Beispiel zeitgenössischer Selbstverwechslung“ brachte. Heinz-Christian Strache, damals noch österreichischer Vizekanzler, spielte in einem Werbeclip seiner Partei eine Art Weihnachtsmann, der dem Ehepaar Huber nächtliche Ruhe schenkt, da „die FPÖ alle Fremden aus dem Land geworfen habe“.

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So kürzte Setz das Machwerk nun sinnvoll ab. „Diese Verschmelzung von spielerisch augenzwinkernder Brutalität mit realer Macht ist die bizarrste Ausformung der Kayfabe“, jedoch auch ein Anzeichen „einer bevorstehenden Selbstauflösung …. Den Rechtsradikalen und Rechtspopulisten in Europa kann man getrost die Mitteilung machen: Natürlich werdet ihr verschwinden. … Euer System ist ein geschlossenes, und wie alle geschlossenen Systeme erstickt es irgendwann an sich selbst.“ Es verirre sich, so Setz, in den „,strange loops‘ der Kayfabe und der Selbstverwechslung. Ihr wisst gar nicht mehr, wer euch schreibt“.

Auch Autorinnen und Autoren – der 1982 geborene Setz selbst in seinen „jungen Jahren“ – befolgten „die lächerliche Kayfabe der Dichteridentität“ und endeten als „Dichter, wie aus dem Schullesebuch“. Unter anderem bedeute das: „Sie ziehen nach Berlin.“ Schwer zu sagen, wer da noch mehr lachte, die aus Berlin angereiste Hälfte des professionellen Wettbewerbspublikums oder die andere.

Die Rede ist auf bachmannpreis.orf.at im Internet nachzulesen. Der Wettbewerb geht bis Samstag, am Sonntag werden die Auszeichnungen, darunter der Ingeborg-Bachmann-Preis, vergeben.

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