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Olga Tokarczuk und Peter Handke nach ihrer Nobelpreis-Vorlesung.

Handke und Tokarczuk

Literaturnobelpreise: Habe Zeit und nimm Umwege

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Nobelpreise für Literatur: In Stockholm halten Olga Tokarczuk und Peter Handke ihre Vorlesungen.

Die beiden Schriftsteller, die in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden – die Polin Olga Tokarczuk für 2018, der Österreicher Peter Handke für 2019 – hielten am Samstag ihre Vorlesungen in der Schwedischen Akademie in Stockholm. Olga Tokarczuks Text umfasst in der gedruckten Fassung 25 Seiten, der von Peter Handke gerade mal zehn. Jeder der laut und deutlich artikulierten Sätze der polnischen Autorin wird begleitet von den stumm mitlaufenden Sätzen: Hört mir zu, begreift, was ich sage. Es ist zu begreifen! Und die Welt ist es auch. Peter Handke dagegen stand manchmal wie verloren in seinen eigenen Sätzen. Einmal schien er vor Ergriffenheit gegen Tränen zu kämpfen. Ich weiß nicht, was es war. Ich weiß ja nicht einmal, ob es war. Es ist nur ein Eindruck.

Aber nehmen wir sie wörtlich, geht es in der Literatur um Eindrücke. Was draußen passiert, wird uns erst wichtig, wenn es in uns eindringt. Das hatte in ihrer Nobelpreisrede auch Olga Tokarczuk gesagt: „Ereignisse sind Tatsachen. Erfahrung aber ist etwas unaussprechlich anderes.“ An dieser Stelle kamen die beiden Nobelpreisträger sich ganz nahe. Aber eine Minute später hatten sie sich wieder weit voneinander entfernt.

„Literatur“, sagt Olga Tokarczuk, „beginnt mit der Frage nach dem Warum“. Weiter kann man vor Handke nicht davonlaufen. Dabei hatten sie ganz ähnlich begonnen. Beide erinnerten an ihre Mütter, beide zitierten sie. Beide sprechen von der Zeit und ihrem Verschwinden. Aber wie unterschiedlich machen sie das. Olga Tokarczuk hält einen Vortrag über Literatur und darüber wie ein Autor arbeitet, wie er sich umschaut und hineinholt in seinen Text, was ihn reizt.

Peter Handke dagegen erzählt auch von Erlebnissen und wie sie Eingang finden in seine Texte, er erwähnt sogar Autoren, die ihm wichtig sind, aber er tritt nie hinaus aus seiner Erzählung. Da wo er das tut, ist das Teil seiner Erzählung. Vielleicht verhaspelte er sich darum. Er wusste, dass er sich in den Augen derer, die er nicht erreicht, blamiert. Der Künstler riskiert immer, sich lächerlich zu machen mit seiner Kunst.

Lange Passagen seiner Nobelpreisrede waren Zitate aus früheren Büchern. Zwei mehrminütige Abschnitte aus dem dramatischen Gedicht „Über die Dörfer“ aus dem Jahre 2002. Daneben Erzählungen seiner Mutter, die Lauretanische Litanei wie sie in seiner Dorfkirche zu hören war – auf Slowenisch – und zum Schluss ein Gedicht von Thomas Tranströmer auf Schwedisch. Das Unverständliche, das zur Dichtung gehört, Handke hatte es reichlich geliefert. Wir wissen nicht, worum er Maria in seiner slowenischen Litanei Gott zu bitten bat. Bald werden wir Zeit gehabt haben, es herauszufinden. Eine trotzige Verbohrtheit glaubte man ihm anzumerken, als er – gleichsam unter Heimat- und Religionsschutz – uns Ignoranten unverständliches Slawisch in seine Rede einschmuggelte. Bald werden wir auch den deutschen Text des von ihm auf Schwedisch vorgetragenen Gedichtes von Tranströmer kennen.

Olga Tokarczuk sprach davon, dass Erzählung die Erzählung eines einzelnen Ichs sein muss. Handke führte das besessen vor. Olga Tokarczuk erinnerte daran, dass mit den großen Fernsehserien neue Erzählweisen aufgekommen sind, die leben von der Hoffnung auf eine zweite, dritte, vierte, fünfte Staffel, so dass sich die Spannung niemals wirklich auflösen darf.

Olga Tokarczuk glaubt aber auch, dass es noch niemals in der Menschheitsgeschichte so viele Menschen gab, die ihre Geschichten erzählen. Ich bin mir da nicht so sicher. Die Spinnstuben, die Lagerfeuer, die gemeinsame Jagd – wurde da nicht viel mehr miteinander gesprochen als heute jeder vor seinem Computer? Die Einführung der Meetings in den Büros, früher ein Privileg des oberen Managements, diente der Abschaffung jener Geschichten, die die kleinen Angestellten sich früher auf den Gängen erzählten.

Peter Handke zitiert zu Beginn seines Vortrages seine Mutter, die ihm beibrachte: „Sei nicht die Hauptperson… Beobachte nicht, prüfe nicht, bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen… Bück dich nach Nebensachen… Pfeif auf das Schicksalsdrama… Geh über die Dörfer.“

Olga Tokarczuk dagegen ist schon in der ersten Minute beim Kosmos und in einer „süßen Nähe zur Ewigkeit“. Sie spricht vom Rhythmus der Welt. Und sie endet mit den Sätzen: „Darum glaube ich, dass ich Geschichten so erzählen muss, als wäre die Welt ein lebende, einzige Einheit, die sich vor unseren Augen immer wieder neu bildet und als wären wir ein kleiner, aber doch mächtiger Teil von ihr.“ Das scheint mir nicht weit weg von Handkes Mutter, die ihm sagte: „Scheitere ruhig. Vor allem habe Zeit und nimm Umwege. Überhör keinen Baum und kein Wasser.“

Aber Handkes Grundton scheint zunächst völlig anders als der tröstende von Olga Tokarczuk. Er lautet: „Die Hoffnung ist der falsche Flügelschlag… Liebe Leute von hier: Die Schreie des Grauens werden sich ewig fortsetzen.“ Ein paar Zeilen später aber eine Utopie: „Der ewige Friede ist möglich. Hört die Karawanenmusik. Abmessend-wissend, seid himmelwärts. Haltet euch an dieses dramatische Gedicht. Geht ewig entgegen. Geht über die Dörfer.“

Der Dichter als Moses. Das ist wirklich lächerlich. Es sei denn, man sieht es als Erzählung in einer Erzählung. Auch Moses, folgt man den Schriftgelehrten der Neuzeit, war ja kein Gottesgeschöpf, sondern eine Menschenerfindung.

Arno Widmann

Während das Image der Nobelpreise in den vergangenen Jahren mächtige Kratzer abbekommen hat, dürfte das Bankett für die Preisträger auch 2019 pompös ausfallen. FR-Autor Thomas Borchert gehörte einmal zu den Gästen. Das reichte ihm.

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