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Peter Handke gewinnt den Literaturnobelpreis für 2019. 

Literaturnobelpreis

Peter Handke - Verwöhnt von der Öffentlichkeit, hofiert von den Medien

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Der Literaturnobelpreis 2019 für Peter Handke, den Virtuosen auf der Klaviatur unserer Redewendungen.

Peter Handke wurde 1942 in Griffen in Kärnten geboren. Ich 1946 in Frankfurt am Main. Er ist der Autor meiner Generation. Als 1966 seine „Publikumsbeschimpfung“ im Theater am Turm in Frankfurt am Main uraufgeführt wurde (siehe Times mager), saß ich in der zweiten oder dritten Vorführung im Publikum. Er war damals schon ein berühmter Mann.

Allerdings nicht dank seines im Jahr zuvor erschienenen Romans „Die Hornissen“. Sondern durch seinen Auftritt bei der Tagung der Gruppe 47 im amerikanischen Princeton. Er war damals aufgestanden und hatte dem versammelten literarischen Establishment „Beschreibungsimpotenz“ vorgeworfen.

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Ausgerechnet er! Dabei zeichnete gerade er sich dadurch aus. Nichts lag der „Publikumsbeschimpfung“ und seinen anschließenden Texten ferner als „Beschreibung“. Es war, als beschimpfte er seine Eltern, dass sie ihm die falschen Gene geliefert hatten. Mir ging dieser eklatante Mangel an Reflexion sehr auf den Wecker. Das änderte nichts an meiner Begeisterung für seine Stücke. Ich liebte ihre „Beschreibungsimpotenz“. Ich liebte, dass es kein Außen gab, dass die Sprache selbst sich in ihnen auszutoben schien.

Peter Handke war ein Wörterartist, ein Virtuose

Das war meine Liebe zu Peter Handke. Ich wusste damals noch nicht, dass Liebe das Verlangen ist nach etwas, das einem fehlt. Handke war ein Sprachspieler, ein Wörterartist, ein Virtuose auf der Klaviatur unserer Redewendungen. Aber er liebte die Beschreibung. Sie begehrte er. Ich weiß nicht, ob er sich ärgerte über den Erfolg der von ihm so leicht gelieferten Kunststücke. In der Öffentlichkeit genoss er sie mit jener unflätigen Lässigkeit, die wir an ihm liebten. Er war Popliterat und er sah aus wie einer. Pilzkopf und Schlaghosen. Mädchenhaft schlank und immer eine sehr gut aussehende Frau an seiner Seite. Verwöhnt von der Öffentlichkeit, hofiert von den Medien. Von Anfang an ein Star. Nicht nur des Literaturbetriebes. Bewundert und beneidet.

Man hat Handke immer wieder seinen Narzissmus vorgeworfen. Ich kenne ihn nicht. Ich habe nie ein Wort mit ihm gewechselt. Vielleicht stimmt der Vorwurf. Aber er ist ganz sicher falsch, wenn man damit ein sattes Selbstbewusstsein meint, jemanden also, der völlig begeistert ist von dem, was er macht. So einer war Handke nie. Er war ein Arbeiter, einer, der sich abrackerte, ein anderer zu werden.

Peter Handke - Man will immer mehr von dem, das man liebt

Ich schrieb, dass ich ihn liebte. Aber ich liebte den, der er war. Nicht den, der er sich anstrengte zu sein. Auch das liebende Herz ist ein gleichtaktiger Muskel. Veränderungen führen zu Herzrhythmusstörungen und müssen behandelt werden. Man will immer mehr von dem, das man liebt. Man will gerade nichts anderes. Bis man sich überfressen hat. Nun sucht man Neues.

Für den Autor und sein Publikum ist das ein Problem. Wie können sie im Takt bleiben? Wie können sie es, wenn der Autor sich gerade nicht treu bleiben möchte, sondern nach Neuem sucht. Womöglich nach dem, das er gerade nicht geliefert hatte. Aber auch das Publikum geht seine eigenen Wege. Zunächst will es immer mehr vom selben. Mit einem Male aber langweilt es sich. Verfolgt neue Ziele. Das müssen nicht dieselben sein wie die des Autors.

Wo stand Peter Handke eigentlich politisch?

Ich habe keine Erinnerung daran, wo Handke politisch stand in jenen Jahren. Er war habituell einer von uns. Aber er war das schon nicht mehr in den sich anschließenden Jahren der Studentenrevolution. Sprachrevolten waren auf einmal aus der Mode. Aufrufe waren gefragt, Plakate, Manifeste. Eindeutiges.Handke hätte das liefern können. Aber allenfalls spielerisch. Aber sehr schnell wurden aus Pudding-Attentaten echte. Das war nicht Handkes Weg. So gekonnt er Sprache zerlegt hatte, so weit war er doch davon entfernt, mit der Welt das gleiche zu tun. 1972 erschien sein trotziges Bekenntnis „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“. Über Jahre trennten sich unsere Wege. Ich gehörte nicht mehr zu seinem Publikum. Er gewann ganz offensichtlich ein neues.

Ich ging wenig ins Theater. Ich entdeckte ihn erst viele, viele Jahre später wieder. Erst 1992 erschienen der Versuch über die Müdigkeit, der über die Jukebox und der über den geglückten Tag. Da kamen wir wieder zusammen. Nach sehr unterschiedlichen Wegen. Man würde die deutschsprachige Welt und vielleicht nicht nur diese besser verstehen, wenn man diese Verzweigungen besser begreifen würde. Die Seiten-, die Nebenstraßen, die sich plötzlich treffen, beide weit weg von der Hauptstraße. Wir trafen uns gerade nicht in der Mitte. Zwei Jahre später das gewaltige Werk „Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten“ fraß mich auf. Ich las es, wie man lesen muss. Innehaltend, nachdenkend. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm. Aber aufgeben konnte ich nicht. Handke war in den Jahren, da ich ihn verlassen hatte, ein Meister der Beschreibung geworden, einer, der Orte einem vor Augen stellen konnte wie keiner sonst.

Was man von Peter Handke lernen kannn

Unfassbar gut war er, wenn es „Nicht-Orte“ waren, anonyme Orte, Orte, die man durcheilt, weil einen nichts an ihnen hält. Handke lehrte mich, sie zu sehen. Im „Versuch über die Jukebox“ heißt es: „In dem Asphalt des Bahnsteigs war ein großer Rußfleck; der Auspuff eines inzwischen verschwundenen Busses musste da lange hingeblasen haben, so dick war die schwarze Schicht.“ So schreibt ein Maler. Aber einer, der weiß, dass alles eine Geschichte hat. Der Rußfleck erzählt eine über den Bus, der längst nicht mehr zu sehen ist. Die Geschichte macht aus einem Maler einen Erzähler.

Peter Handke ist der Autor, der sich immer wieder neu erfindet. Der Potenteste der Beschreibungsimpotenten ist heute der, der das Beschreiben besser beherrscht als die meisten anderen. Er hat das gelernt. Ich weiß nicht, wie er das getan hat. Ich weiß nur: Er ist ein poeta doctus, einer, der nicht nur Spinoza und die Mystiker gelesen hat.

Über Peter Handke schreiben, ohne Slobodan Miloševic zu erwähnen

Jetzt habe ich doch über Peter Handke geschrieben, ohne Slobodan Miloševic zu erwähnen. Das war wohl der Irrtum im Leben des Peter Handke. Wer 1996 seinen Aufsatz „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ las, der konnte den Verdacht haben, Peter Handke habe sich in eine Landschaft verguckt, sei möglicherweise seiner eigenen in langen Arbeitsjahren erworbenen Beschreibungskunst auf den Leim gegangen.

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Eine Literatur-Auswahl

Mit dem Roman „Die Hornissen“ debütierte der 23-Jährige 1966. Im selben Jahr machte die Premiere

seines Stückes „Die Publikumsbeschimpfung“ am Frankfurter Theater am Turm Furore.

Die Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970), wurde, abgesehen von der sprichwörtlichen Sentenz, auch durch die Verfilmung von Wim Wenders bekannt. Es folgten Werke mit weiterhin einprägsamen Titeln wie „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (1972), „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ (1972) oder „Die Stunde der wahren Empfindung“ (1975).

Viel beachtet sind seine Versuche, darunter „über die Müdigkeit“ (1989), die Jukebox (1990), „den geglückten Tag“ (1991) oder „den stillen Ort“ (2012).

Politisch umstritten sind seine Essais über den Jugoslawienkrieg.

Zu den viel gespielten Stücken zählen „Kaspar“ (1968), „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land“ (1989) oder „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ (1992).

Seine Prosawerke, darunter „Langsame Heimkehr“ (1979), „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994), „Die Morawische Nacht“ (2008), „Die Obstdiebin“ (2017), erschienen ebenfalls in Einzelausgaben sowie einer 14-bändigen Werkausgabe bei Suhrkamp.

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