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Seine wiederholte Frage lautet in dem Text: „Wer war der erste Aggressor?“ Handke liefert darauf keine Antwort.

Debatte

Literaturnobelpreis: Peter Handke und die Jugoslawienkriege - Fragen stellen, um Fakten zu beugen

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Mit dem, was Peter Handke zu den Kriegen und Massakern in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und im Kosovo schrieb, hat der soeben mit dem Literaturnobelpreis geehrte Schriftsteller bis heute die Propaganda des Miloševic-Regimes übernommen.

Im Diskurs von Verschwörungstheoretikern werden oft rhetorische Fragen aneinander gereiht, aber nicht beantwortet. Diese Fragen dienen dazu, angebliche Manipulationen aufzudecken. Genauso machte es Peter Handke in seinem im Jahr 1996 erschienenen Text „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“.

Seine wiederholte Frage lautet in dem Text: „Wer war der erste Aggressor?“ Handke liefert darauf keine Antwort, obwohl die Ursachen für die Kriege und die Schuldigen für die Kriegsverbrechen durch die wissenschaftliche Forschung und die Arbeit der Gerichte ausreichend geklärt sind. In zahlreichen Büchern hätte er eine Antwort auf seine Fragen bekommen können.

Von Zerstörungen in Vukovar will Peter Handke nichts wissen

Handke will nicht wissen, dass die Jugoslawische Volksarmee gemeinsam mit serbischen Einheiten im Jahr 1991 Vukovar zerstörten. Er will lieber glauben, etwa glauben, dass der ursprüngliche Aggressor Kroatien gewesen sei. Ähnlich verhält es sich im Fall von Bosnien-Herzegowina. Zuerst bedauert er noch den Beschuss von Sarajevo und die Opfer in der Stadt und kritisiert die Politik des damaligen Präsidenten der Republika Srpska, Radovan Karadžic.

Einen Absatz später aber dreht Handke die Argumentation um: „Und trotzdem, fast zugleich mit solchen ohnmächtigen Gewaltimpulsionen eines fernen Sehbeteiligten, wollte ein anderer Teil in mir (der freilich nie für mein Ganzes stand) diesem Krieg und diesen Kriegsberichterstattungen nicht trauen. Wollte nicht? Nein, konnte nicht“, schreibt er über seine inneren Vorgänge. Für Handke gibt es keine Fakten jenseits von seinen eigenen Eingebungen, auch wenn andere Menschen in der realen Welt gerade von Snipern erschossen werden.

Peter Handke: Verschwörungstheorien und Propaganda

Neben dem „Gerechtigkeit für Serbien“-Text waren es der „Sommerliche Nachtrag zu einer winterlichen Reise“, das Kriegsreporter-Schauspiel „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“, seine Beschreibung zweier Fahrten durch Serbien im Jahr 1999, „Unter Tränen fragend“, und der Text „Rund um das Große Tribunal“ über das Kriegsverbrechergericht in Den Haag, in denen er offensichtlich ahnungslos über die Geschehnisse in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens schwadronierte.

Auffällig ist, dass Handkes Verschwörungstheorien der Propaganda des Miloševic-Regimes und der Argumentation des Kriegsverbrechers Radovan Karadžic gleichen, den er 1996 in Pale traf und mit ihm Bücher austauschte, obwohl Karadžic da längst wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt war. Diese nationalistischen Politiker verbreiteten damals die Propaganda, bei den Serben handelte es sich um Opfer eines Völkermords, während sie selbst gerade die Vernichtung und Vertreibung von Nicht-Serben vorbereiteten. Auch sie pflegten den Opfermythos als Teil eines extremen Nationalismus, der die Menschen gegeneinander aufbrachte und sie zu Mitgliedern einer sogenannten Volksgruppe degradierte. Und auch sie fütterten ihre Ressentiments gegen Menschen mit muslimischen Namen, was im Völkermord endete.

Peter Handke folgt dem völkischen Narrativ des damaligen Regimes

Handke behauptet etwa – ganz dem völkischen Narrativ des damaligen Regimes in Banja Luka folgend –, dass die bosnischen Muslime „wieder so eine eigenmächtige Staatserhebung“ gemacht hätten – und schreibt weiter: „Wenn die serbokroatisch sprechenden, serbischstämmigen Muselmanen Bosniens denn nun ein Volk sein sollten“. Zu behaupten, dass Menschen mit muslimischen Namen „serbischstämmig“ seien, ist angesichts dessen, dass die gesamte Bevölkerung in der Region durch zahlreiche Migrationsbewegungen geprägt ist, unsinnig.

Das Narrativ der angeblichen „Serbischstämmigkeit“ ist aber Teil der völkisch-rassistischen Propaganda, die bereits in den 1980ern aufkam. Tatsächlich leben in Südosteuropa keine Stämme, es handelt sich nicht um eine Stammesgesellschaft. Und das altväterliche Wort „Muselmanen“ hat einen schwer negativen Beigeschmack, was Handke wissen müsste. Immer wieder dringt durch seine Zeilen Muslimenfeindlichkeit durch.

Immer wieder relativiert Peter Handke die Gräuel der Jugoslawienkriege

An einer Stelle behauptet er etwa, dass die „Serben von Sarajevo“ durch den Dayton-Vertrag „unter die Macht des Moslemstaats gekommen“ seien. Tatsächlich gibt es weder einen „Moslemstaat“ – Bosnien-Herzegowina ist eine säkulare Demokratie -, noch wurden Serben unter irgendeine Macht gebracht. Im Gegenteil: Die Schaffung des Landesteils Republika Srspka in Bosnien-Herzegowina garantiert so weitreichende Autonomie, dass der Gesamtstaat deswegen durchwegs bedroht ist. Aber Fakten spielen keine Rolle für Handke.

Immer wieder tut er so, als wären die Kriegsgeschehnisse von Journalisten inszeniert worden. „Und weiter dachte ich (oder dachte es) dort, und ich denke es hier ausdrücklich, förmlich, wörtlich, daß mir allzu viele der Berichterstatter zu dem Bosnien und dem Krieg dort als vergleichbare Leute erscheinen, und nicht bloß hochmütige Chronisten sind, sondern falsche.“

Journalisten wertet Peter Handke systematisch ab

Durch den Text zieht sich eine systematische Abwertung von Medienvertretern. Einen Journalisten der FAZ nennt Handke einen „Hassleitartikler“. Er behauptet zudem, dass Journalisten „einen unverwüstlichen und geradezu beneidenswert selbstbewußten Haß gegen alles Serbische“ hätten. Er beschreibt sie als „Fernfuchtler“, welche ihren Schreiberberuf mit dem eines Richters oder gar mit der Rolle eines Demagogen verwechselten.

An anderer Stelle spricht er von einer Zeitung als einer „stockfinsteren Sekte, einer Sekte der Macht, und noch dazu einer deutschen. Und diese äußert jenes Gift ab, das nie und nimmer heilsam ist: das Wörtergift“. Offensichtlich wollte Handke mit diesen herabsetzender Angriffen auf die liberale Presse, ihre Glaubwürdigkeit untergraben. Seine Aggression gegen Journalisten führte sogar zu Gewaltphantasien. So wünscht er einem Journalisten „zwar nicht gerade ein Stück glühender Kohle, wie bei dem Propheten Jesaja, auf die Lippen“, aber doch „einen kleinen Brennesselwickel um seine Schreibhand“.

Peter Handke wirft den Opfern Selbstinszenierung vor 

Wirklich verhöhnend und grausam wird der Autor, wenn er die Massaker relativiert und den muslimischen Opfern Selbstinszenierung vorwirft. So unterstellt er etwa einer Frau in einem Lager, sich für eine Kamera in Szene geworfen zu haben. „Wer sagt mir, daß ich mich irre oder gar böswillig bin, wenn ich so zu der Aufnahme des lauthals weinenden Gesichts einer Frau, Close Up hinter den Gittern eines Gefangenenlagers, das gehorsame Befolgen der Anweisung des Photographen der Internationalen Presseagentur außerhalb des Lagerzaunes förmlich mitsehe, und selbst an der Art, wie die Frau sich an den Draht klammert, etwas von dem Bilderkaufmann ihr Vorgezeigtes?“, fragt Handke.

Zu dem Massenmord in Srebrenica stellt er die rhetorische Frage: „Warum solch ein Tausendfachschlachten? Was war der Beweggrund? Wozu? Und warum statt einer Ursachen-Ausforschung („Psychopathen“ genügt nicht) wieder nichts als der nackte, geile, marktbestimmte Fakten- und Scheinfakten-Verkauf?" Er insinuiert, dass die Massengewalt nur ein „Schein“ gewesen sei und zum Verkauf für Medien gemacht worden sei. Abgesehen davon tut er so, als ob die Opfer irgendwie doch selbst schuld gewesen seien, wenn er von der „Ursachen-Forschung“ schreibt. Als habe es irgendeinen Grund gegeben, Tausende Unschuldige zu ermorden.

Die Grausamkeiten des Bosnien-Kriegs sind dokumentiert

Tatsächlich wurden im Bosnien-Krieg Massenvergewaltigungen von muslimischen Frauen als Kriegsmittel eingesetzt. Insgesamt starben 100 000 Menschen in dem Konflikt. Die nationalistische politische Führung in Banja Luka führte eine Politik der „ethnischen Säuberung“ durch. Menschen mit katholischen oder muslimischen Namen wurden vertrieben und ermordet, um ein Gebiet zu schaffen, in dem nur mehr Menschen mit orthodoxen Namen leben sollten, um später dieses Gebiet an Serbien anzuschließen.

Die furchtbarsten „ethnischen Säuberungen“ fanden im Drina-Tal an der serbischen Grenze statt. Dort wurden laut dem Bosnischen Totenbuch aus dem Jahr 2012, in dem alle Daten zusammengefasst wurden, 28 135 Menschen getötet, das entspricht 29,3 Prozent aller Toten des Bosnien-Kriegs. Von diesen Toten waren 80 Prozent Bosniaken, also Menschen mit muslimischen Namen, nämlich 22 472 Personen. Und davon waren wiederum 15 400 Zivilisten, also 68,5 Prozent. Die absolute Mehrheit der Bewohner in der Region war vor dem Krieg Bosniaken, jetzt ist das nicht mehr so.

Peter Handke verleiht Rechtsextremen in Südeuropa Glaubwürdigkeit

Ähnlich sieht es rund um Prijedor aus, wo die „ethnischen Säuberungen“ 1992 stattfanden. Von den getöteten Zivilisten dort waren über 85 Prozent Bosniaken. Insgesamt waren 81 Prozent aller zivilen Opfer (38 239) im gesamten Gebiet von Bosnien-Herzegowina Bosniaken, nämlich 31 107 Personen, 4178 waren Serben (elf Prozent) und 2484 Kroaten (sieben Prozent). Doch auch im Fall von Bosnien-Herzegowina stellt Handke am Ende die Frage in den Raum: „Wer nun war der Angreifer?“

Abgesehen von der Verhöhnung der Opfer, bedenkt Peter Handke offenbar nicht, dass es in Südosteuropa nach wie vor sehr starke politische Kräfte gibt, die Geschichtsklitterung betreiben und weiterhin einer rechtsextremen Ideologie folgen. Mit solchen Texten unterstützt Handke solche Extremisten und ihre Ideologie und verlieh oder verleiht ihnen Glaubwürdigkeit. Das Gefährliche dabei ist: Wenn seine Texte von Menschen gelesen werden, die keine Ahnung von den Vorgängen in den 1990er Jahren im ehemaligen Jugoslawien haben, könnten sie denken, dass Handkes Darstellung stimmen könnte.

Peter Handke stellt das Jugoslawien-Tribunal infrage

Die Leugnung der Verbrechen, die Demütigung der Opfer und die Massenmanipulation von Bürgern zählen auch heute zu den größten Problemen in Bosnien-Herzegowina. Deswegen wird überlegt, analog zum Verbotsgesetz, rechtliche Regelungen zu schaffen, die die Glorifizierung von Kriegsverbrechen und Kriegsverbrechern, sowie die Leugnung der Massengewalt unter Strafe zu stellen.

Doch so wie dies auch die völkischen Nationalisten in Südosteuropa tun, stellte Handke sogar das Jugoslawien-Tribunal infrage. Er bekrittelte, dass 1996 47 Serben, acht Kroaten und ein Moslem verdächtigt wurden, so als wäre es nur gerecht, wenn von jeder Gruppe gleich viele Leute vor Gericht gestellt würden. Handke denkt in ethnischen Kategorien und versteht nicht, dass Gerichte sich nicht für Volksgruppenzugehörigkeit interessieren, sondern für die Aufklärung von Verbrechen.

Peter Handke glaubt an die Homogenität des serbischen Volkes

Immer wieder unternimmt er in dem Text „Gerechtigkeit für Serbien“, Versuche, das „Serbenvolk“ wie er Bürger in Serbien nennt, zu erkunden, indem er wahllos Leute beobachtet. „Dagegen erschien die Bevölkerung, zumindest so auf den ersten Blick, eigentümlich belebt (ganz anders als damals im Theater, vor dreißig Jahren), und zugleich, ja, gesittet. Aus allgemeinem Schuldbewußtsein? Nein, aus etwas wie einer großen Nachdenklichkeit, einer übergroßen Bewußtheit, und — fühlte ich dort, denke ich jetzt hier — einer geradezu würdevollen kollektiven Vereinzelung; und vielleicht auch aus Stolz, eines freilich, welcher nicht auftrumpfte“, so Handke.

Auf welche Seite stellen sich Autoren im Syrien-Krieg? Peter Handkes Verklärungen werfen neue Frage auf

An anderer Stelle schreibt er über „ein sich offensichtlich europaweit geächtet wissendes ganzes, großes Volk, welches das als unsinnig ungerecht erlebt und jetzt der Welt zeigen will, auch wenn diese so gar nichts davon wahrnehmen will, dass es, nicht nur auf den Straßen, sondern ebenso abseits, ziemlich anders ist“. Dabei führt er keine Interviews mit realen Menschen an, sondern notiert offenbar seine eigenen Gefühle und Gedanken, die er in das „Serbenvolk“ hineinprojiziert. Auffällig ist, dass Handke offenbar glaubt, dass es so etwas wie ein homogenes „serbisches Volk“ gibt und dass dieses genauso denkt, wie er selbst offenbar fühlt.

Als er bei seiner Reise schließlich auf einen Serben trifft, der die Menschenrechtsverletzungen des Regimes anprangert, schreibt Handke: „Doch seltsam: obwohl ich vor diesem Menschen endlich nichts Offizielles oder Vorgeplantes mehr an der Situation spürte — statt Statements abzugeben, litt er, zornig und klar —, wollte ich seine Verdammung der Oberherren nicht hören.“ Die Aussage aus der Wirklichkeit passte offenbar nicht zu seinen Gefühlen.

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