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LiteraTurm-Festival eröffnet: Wahrhaftig mehr als ein Riss

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Von: Andrea Pollmeier

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Auch der Opernturm (UBS) in Frankfurt gehört zu den LiteraTurm-Festival-Schauplätzen.
Auch der Opernturm (UBS) in Frankfurt gehört zu den LiteraTurm-Festival-Schauplätzen. © peter-juelich.com

Eröffnung des LiteraTurm-Festivals im Zeichen des Ukraine-Kriegs.

Selten beginnt ein Literaturfestival mit einem offenen Konflikt. Doch schon das erste Podium, das das unter dem Motto „Riss“ stehende 11. LiteraTurm-Festival in Frankfurt eröffnete, war von Spannungen geprägt. Im Gespräch mit dem Putin-kritischen russischen Autor Viktor Jerofejew distanzierte sich die ukrainische Moderatorin von seinen Positionen. Ausgelöst wurde dieser Konflikt durch die erste Frage, in welchem Russland der Autor bisher gelebt und welches er mit seiner teilweise ukrainischen Familie verlassen habe?

Jerofejew antwortet mit dem Hinweis auf Sergej Prokofjew. Gerade erst war eine vom Ensemble Modern vorgetragene Musik seines Enkels Gabriel auf der festlich geschmückten Volksbühne im Großen Hirschgraben verklungen. Am Beispiel des in Europa verehrten russischen Musikers beschreibt der Autor eine in zwei Kulturen gespaltene Heimat. Prokofjew starb – wie Stalin – am 5. März 1953. Während zum Begräbnis Stalins aus dem ganzen Land Blumen geschickt wurden, habe es – so erzählt Jerofejew – zum Begräbnis des russischen Musikers keine einzige Blume gegegeben. Das zeige, wie gespalten die russische Gesellschaft schon damals gewesen sei.

Moderatorin Kteryna Stetsevych distanziert sich jedoch von dieser Analyse und lehnt es ab, eine werteorientierte „Hochkultur“ von einer gewaltgeprägten „Straßenkultur“ zu trennen. „Warum besteht dieser tiefe Graben zwischen den beiden Russlands,“ fragt sie nach. Irgendwie müssten sie doch zueinander gehören?

„Diese Frage zeigt, dass Sie Russland nicht richtig verstehen,“ antwortet Jerofejew, der zeitweilig aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen worden war und seinen 1980 verfassten Roman „Leben mit einem Idioten“ erst nach seiner Rehabilitierung in der Phase der Perestroika 1991 hatte veröffentlichen können. Der Autor blickt nun weit in die Geschichte zurück, erinnert an die gewaltsame Unterdrückung durch mongolische Herrscher, die sogenannte „Goldenen Horde“, und an all die grausamen Machthaber, die ihnen folgten. Diese Seite Russlands werde im Westen oft vergessen und führe zu Missverständnissen. Man habe geglaubt, man müsse Russland nur vom Kommunismus befreien, dann sei es ganz europäisch.

Auch im zweiten Podium, das von Katharina Raabe, der im Suhrkamp Verlag tätigen Expertin für russischsprachige Literatur, moderiert wurde, fand die Zwei-Kulturen-Theorie Jerofejews wenig Anklang. Der Historiker Gerd Koenen, der 2017 im Beck-Verlag das Buch „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ publiziert hat und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, spricht von den „Bolschewiki“ als hochzivilisierten Personen, die, an die Macht gelangt, ein totalitäres System errichtet hätten. Der „Schein der Ultrastabilität“ solcher Machtsysteme könne nur ins Wanken geraten, wenn sie mit einer völligen Niederlage konfrontiert würden, das gelte für Russland auch im Kontext des jetzigen Krieges.

Wie stark der Zusammenbruch des Kommunismus und Gewalterfahrungen das persönliche Leben destabilisieren, zeigten die parallelen Fluchtgeschichten der ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk und der albanischen Politikwissenschaftlerin Lea Ypi, die heute an der London School of Economics Politische Theorie lehrt. Sie sind Teil der 50 Autoren und Autorinnen, die bis zum 3. Juli an Orten wie dem Opern- und Taunusturm über ihre Werke und Fragen gesellschaftlicher Brüche diskutieren werden. Mit einer grandiosen Improvisation über ukrainische Volksmusik des Pianisten Vitalii Kyianytsia klang der Eröffnungsabend aus.

LiteraTurm , 11. Literaturfestival FrankfurtRheinMain: bis 3. Juli. Literaturm.de

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