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LiteraTurm-Festival-Debatte zum Ukraine-Krieg: Freiheit versus Stabilität

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Von: Andrea Pollmeier

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Der ukrainische Schriftsteller und PEN-Präsident Andrej Kurkow bei LiteraTurm.
Der ukrainische Schriftsteller und PEN-Präsident Andrej Kurkow bei LiteraTurm. Foto: Alexander Paul Englert © Alexander Paul Englert

Spurensuche zum Ukraine-Krieg und zu gesellschaftlichen Rissen am Abschlusswochenende des Frankfurter LiteraTurm-Festivals.

Aus den Ukrainern kann man keine Kommunisten machen“, antwortet der ukrainischer Autor und PEN-Präsident Andrej Kurkow, wenn man ihn fragt, warum Putin den Krieg gegen die Ukraine entfacht habe. Sie seien Individualisten: „Ihnen ist die Freiheit wichtiger als Stabilität“. Im vom Zar geprägten Russland gebe es hingegen eine andere Mentalität. Dort sei die kollektive Mehrheit entscheidend.

Ohne Strom, Medizin, Polizei

Zum Ausklang des Frankfurter LiteraTurm-Festivals spricht der vielfach übersetzte Autor mit dem Moderator und FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube über sein Buch „Graue Bienen“ (Diogenes, 2019). Der Roman beschreibt das Leben in der „Grauen Zone“, die 2014 entlang der Frontlinie in der Ostukraine entstanden ist. Hier überdauern bis heute Menschen, die ihre Häuser nicht verlassen wollten. Es gibt keinen Strom, keine Medizin und auch keinen polizeilichen Schutz. Das Gespräch entwickelt sich zu einem der zahlreichen Höhepunkte dieses Festivals, das historische Zusammenhänge und kulturelle Besonderheiten in Osteuropa vielfältig und über die aktuelle Tagespolitik hinaus thematisiert hat.

„Können sie verstehen, warum ukrainische Gäste ein Konzert verlassen, in dem das Werk eines russischen Komponisten erklingt?“, fragt Kaube. Kurkow antwortet umsichtig, spricht von der Enttäuschung, die man als Ukrainer empfinde, wenn niemand die hohe Kultur der eigenen Heimat zu kennen scheine. Schon in der Sowjetunion habe man Geld ausschließlich für die Förderung russischer Künstler eingesetzt, die Begabungen der „Peripherie“ seien ausgeblendet geblieben. Bis heute ist die Welt diesem Sog ausgeliefert. Auch an diesem letzten der Ukraine gewidmeten Abend kann sich der Fragende dem Sog nicht entziehen und bleibt immer wieder am Unerklärlichen in Russland hängen.

Blockiertes Verständnis

Wie stark einseitige Narrative das Verständnis blockieren, ist auch Thema in Veranstaltungen, in denen es nicht um den Krieg geht, sondern um das breite Spektrum gesellschaftlicher Risse. So erzählt der in Jaffna (Sri Lanka) geborene Autor Senthuran Varatharajah im Austausch mit seinem Lektor Albert Henrichs von Liebenden, die sich am Ende ihrer Flucht in Deutschland begegnet sind. Kannibalische Redewendungen der Liebe seien, so Varatharajah, Ausdruck der Erfahrung, dass Menschen, die sich lieben, trotz räumlicher Nähe immer zu weit voneinander entfernt bleiben. In einer zwischen Poesie und Prosa balancierenden Sprache hat er diesen existentiell empfundenen Spalt in seinem im Fischer Verlag erschienenen Buch „Rot (Hunger)“ beschrieben.

Immer wieder wird bei diesem Festival spürbar, wie eng Sachbuch und literarisches Werk, Realität und Fiktion, miteinander verbunden sind. Im Gespräch über „Die Wut der erschöpften Frauen“ gelingt es, diese Wechselwirkung unmittelbar transparent zu machen. Hier begegneten sich die Autorin Mareike Fallwickl, die in ihrem Roman „Die Wut, die bleibt“ (Rowohlt, 2022) die Falle weiblicher Care-Arbeit beschreibt, und die zu Geschlechterfragen forschende Soziologin Franziska Schutzbach. Nahtlos korrespondierten die Forschungsergebnisse der Wissenschaftlerin mit den im Roman beschriebenen, tragischen Entwicklungen.

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