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Literaturliteratur

Antonia S. Byatts "Geschichten von Feuer und Eis"

Von Ulrich Sonnenschein

Die kürzeste dieser Geschichten ist auch die nachhaltigste. "Die Pennerin" umfasst nur 6 Seiten, und doch wird hier ein ganzes Leben aus den Angeln gehoben. Eine Figur wird all dessen beraubt, was ihr die karge Biographie zuerkannte und trotz des geringen Umfangs ist es ein wahrhaftiges Schicksal, das sich hier entfaltet. Eine wohlhabende englische Dame begleitet ihren Mann widerwillig auf eine Geschäftsreise nach Südostasien. Widerwillig deshalb, weil sie sich anders fühlt als die anderen Ehefrauen. Sie ist älter, bodenständiger und eher an Pflanzen und Tieren und nicht an dem billigen Konsum und der exotischen Warenwelt interessiert. Dennoch geht sie mit in eine überdimensionale Shopping-Mall, die sich als Welt in der Welt erweist und nach ganz eigenen Gesetzen funktioniert. Was nun passiert geht ganz schnell und hat dramatische Folgen: Zuerst bricht ihr ein Absatz ab, sie findet den Weg zum Ausgang nicht, läuft mit löcherigen Strümpfen auf und ab, bemerkt, dass ihr Papiere, Geld und Kreditkarten gestohlen wurden und findet sich unversehens zu Füßen eines Polizisten wieder, der nur knapp und streng in gebrochenem Englisch sagt: "Leute wie Sie, hier nicht erlaubt." Die Kreise, zu denen Zugang zu haben sie nicht als Privileg betrachtete, haben sich vor ihren Augen geschlossen. Was folgt, bleibt ungewiss.

Antonia S. Byatts Geschichten beschreiben immer wieder diese fatale Notwendigkeit des Aus-sich-heraus-Tretens. Ihre Figuren sind niemals so einheitliche Subjekte, so umfangreiche und ungebrochenen Charaktere, dass es reichen würde, Erlebnisstudien zu verfassen. Diese Menschen handeln nicht, sie werden behandelt, von der Geschichte, der Literatur, der Kunst und nicht zuletzt vom Leben. Doch in den Lebensbeschreibungen von Antonia S. Byatt werden Kunst und Wirklichkeit ihres notwendigen Unterschiedes beraubt. Beide durchdringen einander in fast märchenhafter Intensität. Aber es findet sich auch ein kühler, analytischer Blick darin. Denn die Symbiose von Erzähltem und Erlebtem ist keine harmonische. Seit ihrem großen Erfolgsroman Besessen hat sich Antonia S. Byatt diesen feinen Grenzen verschrieben, die nur in der Übertretung sichtbar werden. Dazu lässt sie hier mal Velázquez auftreten oder in einem anderen Erzählungsband Matisse. Ihre Bücher sind durchdrungen von diesem beispielhaften Erzählen, von erkenntnistheoretischen Überlegungen und wissenschaftlichen Diskursen, die den Figuren ganzleicht zu fallen scheinen. Immer wieder spielt sie mit der Selbstreferentialität des postmodernen Romans, indem sie ihren akademischen Standpunkt mit einbezieht und so der gelesenen Wirklichkeit eine weitere Perspektive eröffnet. Ihre Bücher sind Erzählung und Deutung in einem, sie geben vor, sich organisch zu entwickeln, belassen den Leser in der trügerischen Sicherheit des Narrativen, bis er ohne Vorwarnung in den Keller der Analyse stürzt, jedoch ohne sich dabei etwas zu brechen.

Antonia S. Byatt meint es nicht böse, sie will es dem Leser nur nicht zu einfach machen. Das ist die große Qualität ihres Werkes, die sich in jedem Roman und eben auch in diesen sechs kleinen Geschichten von Feuer und Eis wiederfindet. Mit einem spannenden Ton, wunderbar klaren Bildern und einer in sich stimmigen Geschichte verführt sie den Leser dazu, über die Gesetze der Kunst nachzudenken. Sie bleibt in der Form absichtsvoll hinter all jenen Experimenten zurück, die dem Roman zuviel zugemutet haben, und selbst den Leseprozess noch steuern wollten. Byatt erzählt lieber, wie man es im 19. Jahrhundert noch tat, und schreibt ein Märchen von einer Eisfrau, die sich aus Liebe in die Wüste entführen lässt und dort einzugehen droht. Doch sie wird, anders als die wohlhabende Dame in ihrem asiatischen Einkaufsparadies, gerettet und kann sich ihr Leben in einem Eispalast neu einrichten. Ob nun erlöst oder gefangen, der Übergang zwischen den verschiedenen Lebenswelten, ist auch für diese Erzählung wichtig. Elementals hat Byatt ihre Geschichten im Original genannt, weil sie sich auf die Basis dessen bezieht, was das Leben ausmacht. Indem sie ganz leicht von Liebe und Tod erzählt, Wunsch und Wirklichkeit vermischt und sich den Hoffnungen wie den Ängsten ihrer Figuren nicht verschließt, gibt sie der reflektierenden Prosa nicht unbedingt ein neues, aber in unserem Jahrhundert selten gewordenes Gesicht. Selbst der aufgeklärte Leser, stets auf der Suche nach den Fallstricken der erzählenden Literatur, wird sich dem Sog nicht entziehen können, den diese Geschichten entfalten. Man ist bitter enttäuscht, wenn man auf der letzten Seite feststellt, das es nicht mehr weitergeht.

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