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Autorin: Mareike Fallwickl

Mareike Fallwickl

Get over yourself

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Die Autorin Mareike Fallwickl fragt in „Das Licht ist hier viel heller“ nach den Grenzen von Macht. Eine Familiengeschichte zwischen Tinder und #MeToo – schlagfertig, rau und empathisch.

„Es ist 11.23 Uhr, und Wenger versucht, sich zu ‚Sturm der Liebe’ einen runterzuholen. Er schaut zu der blonden Schauspielerin, sein Schwanz rührt sich nicht.” Die Beschreibung einer misslungenen Erektion vor dem Fernseher, in dem eine Seifenoper läuft, zieht einen von der ersten Zeile an in den Bann: Es ist der Versuch einer Machtdemonstration des gescheiterten Schriftstellers Maximilian Wenger, die ihm nicht mehr gelingen will.

Der Literaturbetrieb ist ein trostloses Pflaster. Die Salzburger Autorin Mareike Fallwickl macht diesen Umstand in ihrem zweiten Roman an Maximilian Wenger deutlich: Weder mit den Bestsellern, noch den Frauen, die ihn früher umgarnten, klappt es noch. Geschieden und einsam vergammelt der ehemals berühmt-berüchtigte Schriftsteller in seiner neuen Wohnung. Dort wird er von seiner Schwester bekocht und träumt gelegentlich vom großen Erfolg.

Print ist tot – und der große Schriftsteller, der er mal war, auch, könnte man denken. Und während Wenger mit seinem Scheitern zu tun hat, hadert seine achtzehnjährige Tochter Zoey mit dem Erwachsenwerden und seinen Enttäuschungen. Wären da nicht die Briefe einer Unbekannten, die Vater und Tochter lesen – doch wie sie sie verstehen, könnte nicht unterschiedlicher sein.

Die Zunge abschneiden?! – der sarkastische Ton passt

Mareike Fallwickl erfrischt mit ihrer Pointiertheit und einer Sprache, die emphatisch ist und trotzdem nichts schönt. Es steckt eine befriedigende Wucht in ihren Sätzen: „Ich möchte mir die Zunge abschneiden und sie ausdrücken über dir, damit alles auf dich tropft, was ich nicht sagen kann.“ Der raue, sarkastische Ton passt zum verbitterten, ergrauten Wenger – ob er zu einer Achtzehnjährigen passt, darüber lässt sich streiten.

Dennoch ist es der Perspektivwechsel von Tochter zu Vater, von Frau zu Mann, von jung zu alt, der die Dynamik dieses Romans ausmacht. Eindimensionalität ist out, so hört es auch Wenger von seinem Verleger: „Was alte weiße Männer über alte weiße Männer schreiben, will einfach niemand mehr lesen. Get over yourself.“

Wir brauchen einander und machen uns gleichzeitig kaputt – damit trifft Fallwickl den Puls der Zeit. Zwischen Tinder, #bodypositivity, der digitalen Welt und unseren Lebensträumen. Und den hochaktuellen Fragen über Macht und ihren Missbrauch: Was sind hier die Regeln? Wo fängt Missbrauch an? Fängt er schon an, wenn man etwas liest, das nicht für einen bestimmt ist?

Zwei Jahre nach #MeToo und die Fronten sind verhärtet

Fallwickl hält die Spannung, und das nicht zuletzt durch die Beschreibung des verkorksten und widersprüchlichen Innenlebens ihrer Protagonist*innen. Ein Schriftsteller, der eigentlich ein einfach gestrickter Mann ist, gleichzeitig jedoch voller Taktik und Kalkül. Und nach hoffnungsvollen Momenten wieder in seine alten Gewohnheiten verfällt. So wie wir alle.

Mit dieser Erkenntnis lässt Fallwickl den Leser zurück: Zwei Jahre nach #MeToo hat die Diskussion nicht nur Annäherungen geschaffen, sondern auch Fronten verhärtet. Unversehrtheit ist immer noch das höchste Gut in einem System, in dem die Männer am liebsten so bleiben, wie sie sind. Und die Frauen? Ja, die sind stärker als je zuvor. Aber das wird in Zukunft nicht reichen. Denn eine weibliche Ermächtigung, die Frau und Mann näher bringt, kommt auch bei Fallwickl zu kurz. Und so bleibt nur eins zu sagen: Männer und Frauen – get over yourself.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

Mareike Fallwickl

„Das Licht ist hier viel heller"

Frankfurter Verlagsanstalt

2019

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