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Eine Leserin in der Kalbacher Kinderbibliothek.

Literaturbetrieb

Literaturbetrieb: Männer lesen anders

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Von Rehaugen, ironischer Gegenwehr und von der eigentlich doch seltsamen Bitte, das Buch für ein Mädchen einzupacken. Vier Frauen aus der Branche über ihre Wahrnehmung des Betriebs.

Im ehemaligen Verlegerbüro bei Aufbau stehen große Papiertüten mit Gummibärchen, Keksen, Hafermilch und Sekt. Was noch bis zum Herbst haltbar ist, wird eingelagert für die Frankfurter Buchmesse, der Rest muss verbraucht werden. In den Tüten steckt ein Teil der Standration für die abgesagte Leipziger Buchmesse. Ein dreiseitiger Flyer mit dem Lesungsprogramm muss jetzt ins Altpapier. Constanze Neumann ist zwar Verlagsleiterin für Literatur bei Aufbau und Blumenbar, führt zum Gespräch aber in ihr kleineres Büro. „Das andere stammt noch aus der Zeit, als die Position sich in Fläche darstellen sollte“, sagt sie. Diese Bemerkung ist die einzige Kritik, die man an ihren männlichen Vorgängern auf dem Posten an diesem Nachmittag hören kann. Aber sie passt zum Thema. Wir sind verabredet, um über Frauen im Literaturbetrieb zu sprechen.

Nachdem 2018 eine Studie der Universität Rostock ergeben hatte, dass Schriftstellerinnen in den Medien schlechter repräsentiert sind als ihre Kollegen, haben in diesem Jahr Literaturwissenschaftlerinnen die Titel in den Frühjahrsprogrammen der Verlage durchgezählt. Aufbau steht mit einer Frauenquote von mehr als 40 Prozent sehr gut da, beim Verlagsteil Blumenbar gehört zu den sieben Autoren nur ein Mann.

Constanze Neumann, die lange Cheflektorin bei Hoffmann und Campe war, folgte Ende 2017 Gunnar Cynybulk als Aufbau-Verlegerin. Sie schaue nicht nach dem Proporz, wenn sie das Programm zusammenstelle, sagt sie. Aber sie habe ein besonderes Interesse an jungen Autorinnen. „Wir haben, seit ich hier bin, sechs Debüts eingekauft, die waren alle von Frauen.“ Ihrem Eindruck nach ist es ein Zeichen der Zeit. „Die Feminismusdebatte wird heute noch mal ganz neu aufgerollt auf eine ganz andere Art, als es die Generation davor gemacht hat. Häufig auch von Frauen mit einem sogenannten Migrationshintergrund. Manche von ihnen hätten vielleicht vor zehn Jahren keine Stimme gehabt.“ Sie spricht zum Beispiel von Autorinnen wie Lana Lux und Cemile Sahin, deren neuer Roman in Herbst bei Aufbau erscheint.

Der Aufbau-Verlag feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag, er ist bekannt für seine Klassikereditionen von Hans Fallada und Theodor Fontane, es ist auch der Victor-Klemperer-Verlag. Neumann verweist darauf, dass aber auch eine ganze Reihe von Frauen seit Jahren das Programm prägen, etwa Helga Schütz, Barbara Frischmuth und Katrin Gerlof. „Die Kolleginnen und Kollegen im Lektorat haben ein großes Interesse daran.“ Wie die Frau an der Spitze.

„Es gibt eine Ungleichheit schon im Programm“

Die Verlegerbüros werden inzwischen in mehr und mehr Häusern von Verlegerinnen genutzt: bei S. Fischer, Hoffmann und Campe, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch und Ullstein entscheiden Chefinnen über das Programm. Die Autorin Berit Glanz, die wir am Telefon in Greifswald erreichen, sagt, dass es nach der „sehr guten und wichtigen Rostocker Studie“ aus den Feuilletons geheißen habe, man würde sich ja mehr für Frauen interessieren, aber die Verlage machten zu wenige Angebote. „Deshalb kamen Nicole Seifert und ich darauf, die Vorschauen zu untersuchen. Und wir haben gesehen: Es gibt eine Ungleichheit schon im Programm.“ Die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert, die auf der jüngsten Frankfurter Buchmesse mit dem Buchblog-Award ausgezeichnet wurde, und Berit Glanz, die an der Universität Greifswald lehrt, sind auf Twitter gut vernetzt. Mit dem Hashtag #vorschauenzählen stifteten sie andere an, mitzuzählen, wie viele Bücher von Frauen und von Männern erscheinen.

Allgemein ist das Verhältnis männlich zu weiblich 60 zu 40, was zwar nicht paritätisch ist, aber nicht dramatisch klingt. Doch bei einem großen Literaturverlag wie Klett-Cotta kommen sieben männliche Autoren auf eine Autorin (das ist Ulla Lenze), das sind 12,5 Prozent, bei Hanser sind es 22 Prozent, bei Diogenes 25 Prozent, während Luchterhand und Piper ein Verhältnis 50 zu 50 vorweisen können. „Es ändert sich nichts, wenn wir es nicht aktiv und systematisch angehen“, sagt Berit Glanz. Das Echo auf die Zählaktion sei überwiegend positiv gewesen. Manche hätten auch gesagt, das sei eine Debatte aus den achtziger Jahren.

„Frauen schreiben unter viel schwierigeren Bedingungen“

Berit Glanz’ Roman „Pixeltänzer“ ist im vergangenen Jahr bei Schöffling & Co. erschienen. Benachteiligt habe sie sich damit nicht gefühlt, doch sei sie auf Verwunderung darüber gestoßen, dass sie als Frau über Technik und Computerthemen schreibe. Und auf noch etwas macht Berit Glanz, Jahrgang 1982, aufmerksam: Als Frau und Mutter sei sie von den meisten Aufenthaltsstipendien ausgeschlossen, weil sie die Kinder nicht mitnehmen könne. „Das betrifft alle Sorgeverpflichteten. Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt, aber auch gern Unterstützung beim Schreiben eines Buches hätte, braucht sich für ein Stipendium gar nicht erst zu bewerben.“ Und wenn Auszeichnungen für literarische Debüts eine willkürlich festgesetzte Altersgrenze bei 35 Jahren haben, seien eben auch die nicht dabei, die erst einmal Kinder großziehen.

Dieses Argument kann Kerstin Hensel nur bedingt verstehen. Sie ist zwanzig Jahre älter als Berit Glanz. Als ihr erster Gedichtband erschien, war sie 25. „Wenn ich wirklich schreiben will, ist es egal, ob ich ein Kind habe oder drei Hunde. Ich habe auch mein Kind allein großgezogen und Bücher veröffentlicht“, sagt sie. Hensels neuestes Buch, die Novelle „Regenbeins Farben“, ist gerade erschienen.

Kerstin Hensel, Autorin, sieht eine positive Entwicklung.

Wir treffen uns in der Akademie der Künste, wo sie stellvertretende Direktorin der Sektion Literatur ist – die in den vergangenen Jahren mehr Frauen als Männer hinzugewählt hat. Außerdem unterrichtet sie seit Jahrzehnten als Professorin für Deutsche Verssprache und Versgeschichte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Dieser „Brotberuf“ macht sie unabhängig von der Suche nach Stipendien, doch die Ungerechtigkeit in diesem Punkt erkennt sie durchaus.

Unser Gespräch über das Thema „Frauen zählen“ verläuft etwas zäh, denn ihr ist diese Diskussion eher fremd. „Meine Arbeit des Schreibens, des Lehrens, meine gesellschaftliche Arbeit ganz allgemein betrifft das nicht. Bei allen ungelösten Fragen, die ich nicht anzweifeln will, sehe ich doch, dass sich diese Männer-Frauen-Problematik in den letzten Jahren auf eine rasante Weise zum Positiven entwickelt hat.“ Auch in ihrem Freundeskreis, der zu einem großen Teil aus Schriftstellerinnen und Künstlerinnen bestehe, werde kaum wahrgenommen, dass Frauen zu wenig beachtet würden. „Und wenn doch, dann stellen wir uns ironisch dagegen.“

Für Kerstin Hensel ist es weniger eine Frage der Wahrnehmung als eine des Selbstbewusstseins. Und da liege das Problem tiefer. „Das Frauenbild wird doch von Kindheit an durch diese dümmliche Aufteilung in hellblau und rosa festgelegt. Ich habe eine kleine Enkelin, ich weiß, wovon ich rede. Womit werden Mädchen von klein an gefüttert?“, fragt sie. „Mit Prinzessinnentum, Supermodels, diesem ganzen Quatsch.“ Eltern könnten kaum dagegenhalten. Und so passiere es, dass sich Mädchen und später junge Frauen so zurechtmachen, um diesem Bild zu entsprechen. „In meiner Kindheit gab es keine Mädchen- oder Jungsbücher.“

Gehen wir also in eine Buchhandlung. Maria-Christina Piwowarski leitet „Ocelot“ in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte, ein großes, helles Ladengeschäft mit Café und vielen speziell sortierten Regalen. Hier gibt es keine Mädchen- oder Jungsecke. Aber das Angebot der Verlage lasse sich leider noch oft in diese Schubladen stecken, sagt die Buchhändlerin: „Rosa Ballettmädchenbücher und blaue Ritterjungsbücher.“ Dazwischen gebe es „verflixt wenig“. Und sie berichtet von einem Erlebnis, das sie vor Kurzem hatte: „Da steht eine sehr moderne, intelligente Frau an der Kasse, kauft ein Kinderbuch und fragt, ob ich es als Geschenk einpacken kann, für ein Mädchen. Was soll ich darumbinden? Ein Kleid, oder was? Wir haben genderneutrales Geschenkpapier und eine genderneutrale Toilette.“

Berit Glanz, Autorin, hat in Verlagsvorschauen gezählt.

Maria-Christina Piwowarski gehörte in diesem Jahr der Jury für den Deutschen Buchpreis an. Sie ist übrigens eine von fünf Frauen in dieser siebenköpfigen Runde. Also kann man sie gut fragen, ob es nicht egal sei, ob ein Buch von einer Frau oder einem Mann geschrieben ist. Etwa im Sinne von Kerstin Hensel, die sagt: „Für mich wäre immer eine literarische, qualitative und ästhetische Argumentation entscheidend, aber nicht die des Geschlechts.“

Das habe sie selbst lange Zeit gedacht, so Piwowarski. „Ich habe meine Ausbildung 2010 abgeschlossen, da war das noch gar kein Thema“, erzählt sie. Heute sei es bei ihr so: „Ich führe Leselisten und gucke, wie viele Bücher sind von Frauen geschrieben. Ich nenne Lieblingsbücher und prüfe, wie ist das Verhältnis. Ich habe im letzten Jahr 107 Bücher zu Ende gelesen, davon waren 80 von Frauen. Ich bin mir sicher, als ich anfing, darüber nachzudenken, waren es bestimmt noch drei Viertel von Männern. Ich finde, das ist etwas, wo man als Buchhändlerin aktiv gegensteuern muss.“ Mittlerweile falle es ihr sogar schwer, ein Buch von einem Mann zu empfehlen, „weil mir Autorinnen oft zuerst einfallen.“

Allen gängigen Untersuchungen zufolge lesen und kaufen mehr Frauen als Männer Bücher. Für die von mehreren Autorenvereinigungen unterstützte Studie „Zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien und Literaturbetrieb“ der Universität Rostock wurden in einem Monat 2036 Rezensionen und Literaturkritiken in 69 Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Sendungen ausgewertet. Die Kritiken wurden überwiegend (im Verhältnis von vier zu drei) von Männern verfasst. Und während Frauen sich etwa ausgewogen Büchern von Autorinnen und Autoren zuwandten, bezogen sich drei Viertel der Beiträge von Männern auf Bücher von Männern und waren noch dazu oft länger.

Maria-Christina Piwowarski glaubt, dass es Frauen schwerer haben, als ernsthafte Schriftstellerin wahrgenommen zu werden. Von ihnen erwarte man Unterhaltung, von Männern Literatur. „Frauen werden gefragt, wie sie schreiben können, wenn ihnen die Kinder am Rockzipfel hängen. Und wenn sie keine haben, wird gefragt, wie sie sich die Zukunft mit Kindern vorstellen. Anke Stelling hat sich groß hervorgetan mit ihrem Buch ,Schäfchen im Trockenen.‘ Frauen schreiben tatsächlich unter viel schwierigeren Bedingungen.“

Die Ocelot-Buchhändlerin sagt auch noch, dass Social Media wie Facebook und Twitter ihren Blick für die Ungleichheiten geschärft hätten. Zum Beispiel auch dafür, wie Männer über Frauen schrieben, wenn sie zum Beispiel gleich das Foto der Autorin mitrezensierten, den angeblichen Schmollmund, die Rehaugen. Das passiere bei Büchern von Männern nicht.

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