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Literatur zur Ukraine - Vorgeschichten seit langer Zeit

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Von: Christian Thomas

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Eines der jährlichen Gedenken in Kiew an den Holodomor, als Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern verhungerten.
Eines der jährlichen Gedenken in Kiew an den Holodomor, als Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern verhungerten. Foto: Genia Savilov/afp © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (2): Serhii Plokhys „Die Frontlinie“

Zur Wahrheit gehört, dass Wladimir Putins Angriffskrieg eine Vorgeschichte hat. Allerdings gehört zur ganzen Wahrheit, dass die Vorgeschichte mit einer seiner Geschichtsfälschungen begann, wonach die Ukraine keine Daseinsberechtigung habe. Hinzu kam die Fehleinschätzung des Kriegsverbrechers, das von ihm überfallene Land habe keine Chance, Russlands Angriff zu überstehen. „Die ukrainische Nation“, schreibt Serhii Plokhy gallig, „die es nach Putins Ansicht niemals gab, machte über sprachliche, ethische und religiöse Trennlinien hinweg mobil, um die russischen Aggressionen zu stoppen.“

Keine Lüge ohne Vorgeschichte – und diese reicht in dem Buch des US-amerikanischen Historikers und Direktors des Ukraine-Forschungsinstituts an der Harvard-Universität zurück in das Jahr 2014, als der „russisch-ukrainische Krieg mit der Annexion der Krim“ begann, jedoch von der „internationalen Gemeinschaft weitgehend ignoriert“ wurde. Oder aber „zu Unrecht“ damit erklärt wurde, die „Aggression sei eine Reaktion auf die Erweiterung der Nato“, womit ideologisch gepolte Putininterpreten dem von einem Verbrecher verbreiteten Narrativ bis heute Gehorsam zollen.

Für Plokhys Korrektur zahlreicher Legenden spricht, dass er den Februar 2022 nicht vollmundig als „Zeitenwende“ bezeichnet, sondern von einer „neuen Realität“ spricht. Seine weitgehend 2021 abgeschlossene Textsammlung verweist darauf, dass die Ukraine seit längerem als „neuester Musterschüler des westlich-demokratischen Projekts in Osteuropa“ angesehen wurde, ohne dass die EU der Ukraine seriös gegenübergetreten wäre. Nicht allein an der Demokratiefähigkeit der Ukraine wurde gezweifelt, mehr noch in Brüssel daran, ob es sich bei der Ukraine überhaupt um einen „europäischen Staat“ handele. Das Kapitel über die Brüsseler Strategie gegenüber der Ukraine ist ein düsteres über eine Hinhaltungstaktik seit den 1990er Jahren, eine „lauwarme Reaktion“, die sich seit 30 Jahren nicht nur durch eklatante Versäumnisse der Ukraine erklären lässt. Dabei handelt es sich um eine krasse Fehlentscheidung der EU, die sich gegenwärtig geopolitisch rächt.

Ein eigener Staat wurde die Ukraine 1917/18 – mit „föderalen Banden“ zur (späteren) Sowjetunion. So war es geplant, so wurde es von den Bolschewiki de jure ratifiziert, aber nicht de facto eingehalten. Plokhy analysiert, wie unter dem ideologisch aufgedonnerten Begriff „Völkerfreundschaft“ die realen Machtverhältnisse in der Sowjetunion verbrämt wurden. Die nichtrussischen Kulturen wurden juristisch geknebelt, willkürlich drangsaliert oder offen terrorisiert. Zum panrussischen Projekt gehörte die brutale Zwangskollektivierung der ukrainischen Bauern. Dem Terror gegen „das ukrainische Dorf“ folgte der durch Stalin gezielt exekutierte Hungertod von viereinhalb Millionen Ukrainern, der Holodomor in den Jahren 1932/33, flankiert durch die Ausschaltung ukrainischer Parteikader, nicht zuletzt die Exekution der kulturellen Elite.

Die unterschiedlichen Essays Plokhys, nicht frei von Überschneidungen und Wiederholungen, die Belegstellen nicht immer hinführend auf deutsche Übersetzungen, eröffnen tiefschürfende Einsichten, abgrundtiefe, darunter in gegenwärtige „Erinnerungskriege“, in denen ein massiver Stalin-Kult gegen die nicht weniger monumentale Verklärung des faschistischen Partisanen Stepan Bandera mobil macht. Frontlinien als vermintes Gelände. Peinlich für Europa, wie sich die Wahrnehmung der Ukraine in nur hundert Jahren verschoben hat, von einem Land in Mitteleuropa zu einem in Osteuropa, obwohl die Ukraine den „geografischen, kulturellen und heute auch geopolitischen Mittelpunkt Europas schlechthin“ darstelle.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Serhii Plokhy: Die Frontlinie. Warum die Ukraine zum Schauplatz eines neuen Ost-West-Konflikts wurde. Aus dem Englischen von Thomas Gebauer, Thorsten Schmidt, Gregor Hens, Ulrike Bischoff und Stephan Kleiner. Rowohlt Verlag 2022. 544 S., 30 Euro.

Das dritte Buch wird Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ sein.

Traditionslinien als Frontlinien. Von Plokhy etwa aufgespürt bei dem „gebürtigen Halbukrainer“ und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der Russlands Zukunft auf einem Dreisäulenmodell aus dem 19. Jahrhundert gründen wollte: mit Autokratie, Orthodoxie sowie Nationalität. Als wäre eine so begründete Identität der Rus nicht verantwortlich für eine selbstgewählte Isolation, schon in der frühen Neuzeit.

Zurückführen lässt sich diese Isolation auf eine Traditionslinie des Ressentiments, das den Westen als dekadent hinstellt. Ein Stereotyp zur Zarenzeit, eines zur Sowjetzeit, ein von Putin scharf gemachter Ukas – von Extremisten auch im Westen mit viel Feingefühl für den Kremlchef kolportiert.

Plokhys Buch führt durch eine vielschichtige Materie, so komplex wie widersprüchlich auch. So verspielte die Ukraine, seit Beginn der Neuzeit „an vorderster Front für die Europäisierung der russischen Psyche“ verantwortlich, im 19. Jahrhundert ihre „Rolle als Brücke zwischen Europa und Russland“. Zu den verrückten Widersprüchen gehört, dass es im 19. Jahrhundert ausgerechnet die auf Europa orientierten „Westler“ waren, die eine „eigenständige Entwicklung“ der ukrainischen Kultur „unterbinden wollten“.

Plokhys Studien versammeln eine Vielzahl von Vorgeschichten – mit Langzeitwirkungen bis heute. Der Vertrag von Perejaslaw, 1654, mit dem der Zar den Kosakenstaat Ukraine zum Protektorat erklärte, begründete Moskaus Mythos vorgeblich begründeter Vorherrschaft über Kiew. Plokhys Essays bilden so etwas wie eine Archäologie des ukrainischen Sonderwegs, wozu die Rolle der Kosaken ebenso gehört wie die Kleinkriege und offenen Kriege etwa mit Polen. Dass Stalin 1939, nach dem Überfall durch Hitler-Deutschland, den anschließenden Einmarsch durch die Rote Armee unter dem Vorwand der Befreiung russischer Minderheiten in Polen betrieb, ist eine nicht nur historische Abschweifung. Vielmehr ein hochaktueller Hinweis darauf, wie sehr Putins Imperialismus auf den tödlichen Standards des Stalinismus basiert.

Seit Jahrhunderten ist die Mentalitätsgeschichte der Ukraine ausgesetzt einer Gewaltgeschichte, wozu auch der GAU von Tschernobyl gehört. Die Katastrophe steht am Anfang einer Kettenreaktion, einer auch zivilgesellschaftlichen, angefangen mit einer vertuschenden „Geheimhaltungskultur“. Als ginge es um den Nachweis von Dialektik in der Geschichte, setzte Tschernobyl Glasnost und Perestroika frei. Fünf Jahre später, 1991, erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit.

Das Langzeitgedächtnis ebenso wie unmittelbaren Erfahrungen haben der Ukraine die selbstbestimmte Orientierung auf Europa leichtfallen lassen. Nicht abgesunken das Wissen, dass „Russland mit seinem Autoritarismus und seinem mangelnden Respekt für individuelle und kollektive Freiheitsrechte“ sowohl zur Zarenzeit als auch während der Sowjetzeit fundamentale Grundrechte brutal missachtete. Nicht Nato, CIA, nicht Berlin oder Washington, sondern Russland als wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich miserable Alternative löste in der Ukraine den Wunsch nach Westbindung aus. Prophetisch der Satz Boris Nemzows im Oktober 2014, im Jahr der Zeitenwende, ausgelöst durch Putins Krieg: „Die Ukraine sollte einen neuen Status erhalten. Er ist kläglich gescheitert. Er wollte den Respekt der ukrainischen Bevölkerung gewinnen. Er schuf sich einen Langzeitfeind.“

Auch Serhii Plokhys Buch bestätigt, wie überlebenswichtig bereits seit Jahrhunderten für die Ukraine ihr Langzeitgedächtnis gewesen ist.

Lesen Sie hier Teil 1 der Serie: Das Igor-Lied, ein umkämpftes Heldenepos

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