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Literatur zur Ukraine – Das Igor-Lied, ein umkämpftes Heldenepos

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Von: Christian Thomas

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Goldene Zeit: die St.-Michaels-Kathedrale, im 12. Jahrhundert Grablege der Kiewer Fürsten, dann mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, zuletzt in den 1990ern.
Goldene Zeit: die St.-Michaels-Kathedrale, im 12. Jahrhundert Grablege der Kiewer Fürsten, dann mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, zuletzt in den 1990ern. © imago images/anmbph

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (1): Das Igor-Lied ist ein Machtwort gegen den „Aufruhr gegeneinander“.

Im Anfang war Kiew, mit seinem Fürsten, mit seinem „goldgetriebenen Thron“, seinen „Riesenheerhaufen“, seinem Ruf zwischen den Meeren, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, weit darüber hinaus. Es ist die Zeit des mittelalterlichen Igor-Lieds, das hier am Anfang steht.

Sicher, älter noch sind einige geistliche Texte, Predigten, Mönchviten, darunter die Nestor-Chronik. Dagegen das weltliche Igor-Lied berichtet von einem Großfürstentum auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und steht somit am Anbeginn der Literatur eines Landes, eines Reiches. Eines Staates, einer Nation? So problematisch diese für das Mittelalter unangemessen modernen Begriffe sind: die Ukraine, von Chronisten schon im 12. Jahrhundert erwähnt, das Kiewer Reich, die Kiewer Rus war ein Territorium, als Moskau gerade mal hölzern umfriedet und somit als Regierungssitz Russlands auch von Russen nicht einmal angedacht war.

Mit seinem Igor-Lied machte ein unbekannter Sänger die Ukraine zum Schauplatz für ein Heldenepos, erzählend von einer „kummervollen“ Geschichte, nachweislich von einem historischen Faktum. Zu seiner Zeit, entstanden um 1185, war es literarisch kühn, mit seinen Elementen der höfischen Dichtung in Verbindung mit solchen der Volkspoesie ein Coup, Avantgarde! Zudem war das Klagelied ein Politikum, berichtete es doch von der Niederlage Kiews, seiner Herrscher gegen Invasoren aus der Steppe. Die war kein Klischee, vielmehr über Jahrhunderte Realität, verantwortlich für ungemütliche Lebensumstände, auch Unglück.

Deshalb ein gewaltig befestigtes Kiew, das mit seinem großen Tor tatsächlich eines zur Welt war, zu Igors Zeiten für die Rus, die Föderation der russländischen Fürstentümer. Zudem ein Tor in die unüberschaubaren Weiten im Osten, ferner Richtung Ostsee oder bis nach Konstantinopel, weiter noch, bis nach Persien.

So sehr das Igor-Lied auch ausgreift, es ist ein kurzes Poem, eines aus nur 218 Versen. Wegen seiner epochalen Bedeutung wurde es dem mittelhochdeutschen Nibelungenlied an die Seite gestellt, dem altenglischen Beowulf, dem altfranzösischen Rolandslied – und wohl nicht nur wegen seiner Dramatik, sondern wegen seiner literarischen Komplexität, seiner Verquickung lyrischer Passagen mit beinahe nachrichtlichen, wegen seiner poetologischen Reflexionen über das Verhältnis von Fiktionen und faktenbasierter Dichtung, reizte es eine literarische Großmacht wie Rainer Maria Rilke 1902 zur Übertragung. Vertraut wie Rilke mit den Raffinessen der Avantgarde war, konnte er die 700 Jahre alten des Anonymus herausstellen.

Denn kein Anfang aus dem Nichts, der Autor des Igor-Liedes schöpfte aus Vorherigem – wie auch Kiew, die Stadt der Wunder. Alle Zeitrechnung aber ging in diesem mittelalterlichen Epos auf Troja zurück, damit jedwede Legitimation, auch für Kiew. Legendäre Städtenamen, legendäre ukrainische Flüsse, der große Dnepr, der kleine Donez. Auch er, vor 800 Jahren Kriegsgebiet, heute Kriegsschauplatz, wird zu einer Stimme, die mahnt.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Das Igor-Lied. Eine Heldendichtung. Der altrussische Text übertragen von Rainer Maria Rilke. Nachwort von Helmut Graßhoff. Insel Verlag, Leipzig, mehrere Auflagen von 1960 bis 1989. Antiquarisch ab etwa 10 Euro.

Das zweite Buch in der Bibliothek wird Serhii Plokhys „Die Frontlinie“ sein.

Im Anfang des Heldenliedes ein Machtwort, ausgesprochen gegen problematische Phantastereien. Nicht singen solle der Erzähler, nein, berichten, wobei der Autor auch das Singen verstand, etwa wenn er Pflanzen sprechen ließ. Oder Tiere, entsetzt über einen schlimmen Verlauf, einen inhumanen, auch aus der Sicht der Natur. Eine Sonnenfinsternis wird nicht als böses Vorzeichen ernst genommen, ein Alptraum ebenfalls nicht. Hybris als der Anfang vom Ende in einem Abgrund.

Das Igor-Lied ist ein Machtwort gegen den „Aufruhr gegeneinander“, denn in der „Zwietracht der Fürsten“ wird der schäbige Grund für die schmähliche Niederlage gegen die Feinde des Reichs ausgemacht. Leichtfertig, so heißt es, wurde „gewürfelt um die Gewalt“ in „russischem Land“ – in der ungenannt bleibenden Ukraine, mit der Metropole Kiew.

Historisch war es eine „ungute Zeit“, es war eine des Verfalls der Zentralmacht. Schwer wiegt, dass sich die Kiewer Herrscher in ein militärisches Abenteuer stürzten, erwiesenermaßen aus Eigennutz und Egoismus. So sehr Igor auch gerühmt wird in dem ihm gewidmeten Lied, alles andere als ein Ruhmesblatt ist seine Verantwortungslosigkeit. In einer anderen Übersetzung als der von Rilke heißt es: „Es ist schwierig für den Kopf / Ohne Schulter zu sein / Aber es ist genauso ein Unglück / Für den Körper ohne Kopf zu sein“.

Die Geschichtsschreibung hat sich mit dem Igor-Lied beschäftigt, die Philologie nicht weniger intensiv. Denn die Authentizität ist häufiger in Zweifel gezogen worden. 1795 in einer Klosterbibliothek im Nordosten Russlands entdeckt, beschränkte man sich auf nur eine Abschrift der Handschrift. Die aber verbrannte 1812 in Moskau, wegen Napoleon zusammen mit der Stadt. Das geschichtsversessene 19. Jahrhundert kümmerte sich dann um die eine Kopie, ein Alexander Borodin bearbeitete den Igor-Stoff 1890 als Oper. Aus DDR-Zeiten die Eindeutschung von Harald Raab; als Reclambändchen ist die Übersetzung verschollen, aber abrufbar unter einer russischen Adresse: http://nevmenandr.net/cgi-bin/trans.py?it=le

Weitere Spuren lassen sich ausfindig machen. Von Sarah Kirsch gibt es eine scharf gestochene Prosaminiatur in ihrer „Tartarenhochzeit“; Juri Andruchowytsch schrieb einen Zeitungsartikel unter dem Eindruck von Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine, 2014. Es war der Anfang der Zeitenwende, als die Figur des Igor im Osten der Ukraine blutig umkämpft war. Im Schatten eines bronzebeschlagenen Igor-Denkmals, 2003 im Donbass errichtet, die militärische „Kontaktlinie“. Zudem eine geschichtspolitische Verwerfungslinie, im Namen Igors oder gegen Igor, absurd umkämpft, „mit einem starken Schuss Archaik“.

Über das Igor-Lied war noch nie das letzte Wort gesprochen. Denn schon sein erstes Wort war nicht nur so dahingesagt, galt es doch der Absage an die Mythologisierung von Geschichte durch Geschichten. Allerdings auch der Autor des Igor hing Mythen an, wenn er die unverantwortliche Heerfahrt seines Helden in einer vernichtenden Niederlage am Fluss Kajala enden lässt – den es auf keiner Landkarte gibt. Anders als die Ukraine, die seit dem 17. Jahrhundert auf den Landkarten Europas eingetragen ist. Zur selben Zeit wurde sie durch Moskau eine Unbekannte – wie auch in der Übertragung Rilkes, erst recht im DDR-Nachwort. Denn zu Zeiten der Sowjetunion hätte eine selbstständige Ukraine die Integrität der UdSSR herausgefordert.

Es gab bis zur Zeitenwende 1989 14 Igor-Lied-Übersetzungen ins Deutsche. Am besten zugänglich bis heute ist die große Rilke-Übertragung aus der Leipziger Insel-Bücherei, mit dem allerdings moskautreuen DDR-Nachwort, das dem Putin-Narrativ gegenüber der Ukraine heute entspricht. Obwohl russisch-ukrainischer Schulstoff und hier wie dort zum Literaturkanon gehörend, ist das Igor-Lied umkämpftes Terrain. Ständig wurde es in Russland, liest man bei Slawisten, anders verstanden als in der Ukraine. Kein gemeinsamer Gedächtniskonsens. Haben doch imperiale großrussische Ambitionen seit dem 17. Jahrhundert die Eigenständigkeit der Ukraine unablässig in Abrede gestellt, deren Identität und Integrität als Nation, gründend in der Kiewer Rus des 12. Jahrhunderts.

Und heute? Nie ist ein Anfang nur so gemacht, aus dem Nichts.

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