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Der preisgekrönte Text Thomas Stangl biete etliche Anhaltspunkte bei Debatten über Altenpflege und Demenz.

Wortmeldungen-Literaturpreis 

Thomas Stangl mit Literaturpreis geehrt

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Der österreichische Schriftsteller erhält den mit 35.000 Euro dotierten „Wortmeldungen Literaturpreis für kritische Kurztexte“.

Der Schriftsteller Thomas Stangl empfiehlt einen desintegrierenden Perspektivwechsel und führt ihn in seiner Erzählung „Die Toten von Zimmer 105“, jetzt im Band „Die Geschichte des Körpers“ erschienen auch durch. Der Perspektivwechsel besteht aber nicht darin, in klassischer dichterischer Virtuosität in eine andere Rolle zu schlüpfen, sondern darin, die „bequeme Beobachterrolle“ (Stephan Lebert in seiner Laudatio) aufzugeben und sich so vollständig wie möglich auf das Erleben einer anderen Figur einzulassen. Im nur leicht übertragenen Sinne – und weil es in der anschließenden Diskussion auch darum natürlich wieder ging – wird damit mein Schrecken völlig uninteressant, wenn mich meine Mutter nicht mehr erkennt. Interessant ist ausschließlich, was ich für einen Menschen tun kann, der sich plötzlich unter Fremden befindet und darüber logischerweise sehr verstört ist. Nein, nicht verstört, verzweifelt. Ein Mensch, der sich plötzlich unter Fremden befindet und darüber logischerweise verzweifelt ist, „vegetiert“ nicht „vor sich hin“, er ist auch kein „Wrack“. Das macht es nicht weniger katastrophal, sondern katastrophaler. Auch das wird hier bloß erwähnt, weil diese Begriffe zur Anwendung kamen, wenn auch nur punktuell, in der anschließenden, insgesamt differenzierten und perspektivreichen Diskussion.

Der „Wortmeldungen Literaturpreis für kritische Kurztexte“, mit 35.000 Euro dotiert und von der Crespo Foundation in Frankfurt zum zweiten Mal vergeben, machte seinem Namen bei der Preisverleihung in den Kammerspielen des Schauspiels Ehre. Der preisgekrönte Text ist hochliterarisch und bietet zugleich aktuellen Debatten über Altenpflege und den Umgang mit Demenz etliche Anhaltspunkte. Auch Schreiben, sagte der Wiener Schriftsteller Stangl dazu, habe eine Ethik. Diese Ethik habe nichts mit einem Moralisieren zu tun oder mit Meinungen, sondern mit der Haltung zum Gegenstand.

Warum eigentlich, so Mitjuror und Laudator Lebert, habe sich die Gesellschaft dagegen entschieden, alte Menschen als Experten des Lebens zu sehen? Vielleicht, so Lebert, verschlucke das stattdessen bevorzugte Bild vom finsteren (sozusagen indiskutablen) Lebensende den Spiegel, in dem wir uns dann selbst sehen müssten. Die Mortalität betrage hundert Prozent, stellte nachher der Palliativmediziner Ingmar Hornke fest. Lebert erzählte – an einem geschichten-, aber nicht schnurrenreichen Abend – von seiner Mutter auf einer Altenstation im Krankhaus. Eine Bettnachbarin, eine alte Bäuerin, habe den anderen Frauen von ihren acht Kindern erzählt. Vier seien nicht von ihrem Mann, was sie aber niemandem gesagt habe. „Warum um Himmelswillen hätte ich das tun sollen.“ Eine weitere Frau berichtete, dass sie zwei Männer habe. Sie brauchte die Hilfe der anderen (und bekam sie), um bei den zu erwartenden Besuchen der beiden nicht aufzufliegen.

Er wisse nicht, so Lebert, was seine eigene Mutter erzählt habe. Er konnte aber deutlich machen, was er mit „Experten des Lebens“ meint. Auch schön: Nicht der Tod, sondern das Doppelleben begegnete ihm im Krankenzimmer. Was keine Verdrängung ist, sondern, auch dies, eine Perspektiverweiterung.

So ging es weiter im von Cécile Schortmann moderierten Gespräch mit Hornke, der Soziologin Helen Kohlen, dem Journalisten Tilman Jens und der Schauspielerin Anke Sevenich. Es drehte sich – die Mortalität beträgt 100 Prozent – um Vorbereitungen auf den Tod, um Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten (der Konsens: sich um beides kümmern, aber das Thema damit nicht abhaken, sondern im Gespräch bleiben), um die Pflegesituation (leider, so Kohlen, wurden bisher ohne Rücksprache viel zu viele Hilfsroboter entwickelt, die dem Personal nicht nutzen), die besondere Situation von Demenzkranken (Menschen ohne Gedächtnis und mit größten motorischen Schwierigkeiten, aber voller Empfindungen, so Hornke). Auch die seltener thematisierten Schuldgefühle von Angehörigen wurden angesprochen, die den Druck an die Heime weiterreichten. Glasklar der Appell aller Beteiligten, sich mit sich selbst und mit seinen Lieben beizeiten über das Sterben auszutauschen. Hornke empfahl die „Letzte Hilfe Kurse“, wie sie schon seit einigen Jahren angeboten werden.

Die Crespo Foundation und Stangl riefen zum Förderpreis für 2020 auf, Thema: „Im Schreiben tauschen Leben und Tod höflich die Plätze oder: Kann man dem Tod die kalte Schulter zeigen?“ (mehr unter wortmeldungen.org). Und der Schauspieler Michael Quast trug zwei Krankenhausserien-Texte von Rainer Dachselt vor, die unbedingt wieder irgendwo auftauchen müssen, weil sie unheimlich ausgebufft sind. In einem davon muss der Tod sich trollen, weil die Bürokratie ihm über ist. Im anderen werden wir alle blamiert, die wir natürlich auch schon von einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“ geredet haben. Wir wollen das nie wieder tun, nie wieder.

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