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Nora Bossong. 

„Literatur im Römer“

„Literatur im Römer“: Mündliche Überlieferung

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Hochrangiges und Spannendes, Sprunghaftes und Verschmitztes bei der „Literatur im Römer“.

Literatur im Römer“ setzt zweimal je acht Autorinnen und Autoren einem stürmischen Viertelstundentakt und großen Publikum aus. Mit Nora Bossong („Schutzzone“, Suhrkamp), Alexander Osang („Die Leben der Elena Silber“, S. Fischer) und Jan Peter Bremer („Der junge Doktorand“, Berlin Verlag) beehrten den zweiten Römerhallen-Abend gleich drei, die zuvor auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis standen. Cécile Schortmann und Martin Maria Schwarz moderierten (für HR2-Kultur).

Den hochrangigen Einstieg mit ihrem UN-Roman „Schutzzone“ umgab Bossong mit diplomatischer Eleganz. Sind Machtzentren und Teilgewalten seit Robert Menasses „Die Hauptstadt“ und Petra Morsbachs „Justizpalast“ literarisch en vogue, so beackert ihr erzähltechnisch anspruchsvoller Blues einer desorientierten Friedensstifterin zwischen Ideal und Zynismus, Liebe und Vergeblichkeit das Feld auf neue Weise. Ob Mira, die Ich-Erzählerin, beim Aufklären eines Genozids in Burundi ihre politische Unschuld verlor, faszinierte im Römer umso mehr, da sie sie als verletzliche Gestalt ohne eigenes „Schutzgefühl“ glaubhaft machte.

Kriegerisch ging es auch weiter, als Steffen Kopetzky das Publikum in „Propaganda“ (Rowohlt Berlin) in den Hürtgenwald bei Aachen und Vietnams Dschungel lockte: zum, so der Autor, „ersten Waldkrieg der US-Geschichte“ mit gewaltigem Materialverschleiß. Amerikas Teutoburger-Wald-Erlebnis im „Römer“ also? John Glueck von der „Sykewar“-Propagandastelle jedenfalls glich einem Forrest Gump: hat alles erlebt, säuft mit allen von „Hem“ bis Salinger – und erfährt als Whistleblower eine Apotheose zum Figurentyp für unsere Tage. Spannend!

Mit dem Trauerbewältigungs-Roman „Laufen“ (Kiepenheuer & Witsch) wechselt Isabel Bogdan in seriösere Gefilde als zuvor. Bogdans Heldin trauert um ihren Freund, der sich umbrachte, und leidet obendrein unter seinen Eltern, die ihr die Schuld geben. Eine Abrechnung im Laufschritt, die beim Lauschen allemal Mitgefühl erzeugte.

Viel lockerer dann Burkhard Spinnens „Rückwind“ (Schöffling und Co.). Er stellte den Protagonisten als Öko-Helden aus der Windenergiebranche und modernen Hiob vor. Seit das früher vergnügliche Schimpfen auf politische Korrektheit zum real abstoßenden AfD-Ding geworden ist, ist Spott über den quasireligiösen Anteil am Öko-Denken nun aber schwer verdaubar geworden. Vielleicht trug dies „Rückwind“ ungnädige Kritiken ein: neben der Langatmigkeit. Spinnen mit seinem agnostischen Hiob und offener Rede („scheißschwierig“) lavierte sich „live“ halbwegs um solche Reserven herum.

Als Wolfskind aus DDR-Kinderheimen ist Peter Wawerzineks Art eigentümlich gesanglich, was 2010 („Rabenliebe“) seinem Ingeborg-Bachmann-Preis zugutekam, der nun mal das Mündliche belohnt. Dass dieser Autodidakt zu „peinlichem“ Pathos und Stilsprüngen neigt, kostet ihn andererseits kritische Sympathien. Im Römer, mit „Liebestölpel“, wurde es trotzdem zu einer Erfahrung.

Von Alexander Osangs Familien-Jahrhundertgeschichte und Jan Peter Bremers Ehe- und Kunstsatire ging es noch zu Karin Kalisas Roman „Radio Activity“ (C.H. Beck). Mit der Erklärung für ihre Radioarbeit („Ich bin stark kurzsichtig“) brachte Kalisa eine Verschmitztheit ein, die zu den „The Fog“-Allüren der norddeutschen Geschichte passte, die sie erzählt. Das Buch handelt vom Radio-Feldzug einer Radiomacherin gegen den Vergewaltiger ihrer verstorbenen Mutter. Darf Selbstjustiz Spaß machen? Literarisch – vielleicht.

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