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Literatur-Plattform für Geflüchtete: Weiter zu schreiben, heißt weiter zu leben

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Von: Cornelia Geißler

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Gruppenbild zum Jubiläumsfest. Annika Reich im gestreiften Kleid in der Mitte, vorne im Schneidersitz Ahmad Katlesh. Foto: Stefanie Kulisch
Gruppenbild zum Jubiläumsfest. Annika Reich im gestreiften Kleid in der Mitte, vorne im Schneidersitz Ahmad Katlesh. Foto: Stefanie Kulisch © Stefanie Kulisch

Vor fünf Jahren hat die Berliner Schriftstellerin Annika Reich eine internationale Literatur-Plattform gegründet – für Immigranten, die nach der Flucht nicht ständig als Geflüchtete wahrgenommen werden wollen

Annika Reich und Ahmad Katlesh sitzen gleich am Fenster des Cafés, so dass ihr Lachen schon zu sehen ist, bevor wir uns wirklich begegnen. Katlesh hat gerade einen Buchvertrag bei einem großen Verlag unterschrieben, das ist ein Grund zur Freude für den Autor, der meist im Dienste anderer unterwegs ist. Auf seinem Soundcloud-Kanal Tiklam veröffentlicht er gesprochene arabische Literatur, die Zugriffszahlen bringen Leute, die sich im Internet auskennen, ins Stottern: neun Millionen Klicks. Verabredet sind wir allerdings, weil das von der Schriftstellerin Annika Reich erfundene und geleitete Netzwerk „Weiter Schreiben“ fünf Jahre alt wird.

Kurz gesagt: „Weiter Schreiben“ ist eine internationale Literatur-Plattform von Autorinnen und Autoren für Autorinnen und Autoren. Der Ursprung liegt in der 2015 gegründeten Initiative „Wir machen das“ mit mehr als 100 Frauen – damals eine Antwort auf die Unruhe der Gesellschaft durch die Zuwanderung. Das war, als die damalige Kanzlerin vom „Wir schaffen das“ sprach.

Ging es zunächst um Begegnungen allgemein, also darum, mit Zugewanderten gemeinsame Räume zu schaffen, entstand „Weiter Schreiben“ für einen ganz bestimmten Personenkreis. Annika Reich definiert das so: „,Weiter Schreiben‘ ist ein Projekt für Menschen, für die das Schreiben der größte und vielleicht tiefste Teil ihrer Identität ist. Auf diesen Teil fokussieren wir. Sie sind Schriftsteller und werden trotzdem nach der Flucht allzu oft nur mit der Flucht identifiziert und darauf festgenagelt.“

Ahmad Katlesh, Anfang 30, hat das oft erlebt. Vor neun Jahren floh er aus Syrien nach Jordanien, 2017 kam er mit einem Stipendium nach Deutschland, seit einem Jahr lebt er in Berlin. Als 2020 sein erstes Buch in deutscher Übersetzung erscheinen sollte, riet man ihm, „Krieg“ oder „Syrien“ in den Titel zu nehmen. Aber es sind Gedichte, keine Kriegsreportagen. Er hat sich durchgesetzt, die Leute von „Weiter Schreiben“ haben ihn unterstützt. „Das Gedächtnis der Finger“ heißt der Band, erschienen bei der Edition Rugerup.

Von Anfang an sei die Erwartungshaltung an die Autorinnen und Autoren ein großes Problem gewesen, sagt Annika Reich, die schon mehrere Romane veröffentlicht hat. Bei Moderationen von Veranstaltungen, in Redaktionen, die Texte abdrucken wollten, bei Verlagen, immer wieder gebe es „diese Engführung auf die Flucht, auf das Exil – als ob diese Autoren Nachrichtenagenturen wären“. Sitze ein Lyriker aus Dänemark auf einem Podium, werde er nicht zuerst nach dem Rechtsradikalismus in seiner Heimat gefragt. Kommt er aus Syrien, spreche man ihn gleich auf den Krieg an. Doch diese Themen seien für einige traumatisch besetzt.

Allen Kriegen und Krisen zum Trotz sollen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller darin bestärkt werden, was sie ausmacht, auch in einem Land, in dem sie keine eigenen Netzwerke haben. Das sei, so Reich, überlebenswichtig. Sie habe das gerade wieder bei den afghanischen Autorinnen vor und nach der Taliban-Machtübernahme erlebt. Eine Schriftstellerin, die Frauenproteste organisiert hatte und sofort das Land verlassen musste, als die Nato abzog, habe noch im Taxi in Richtung iranische Grenze einen Brief an die deutsche Autorin Marica Bodrožic geschrieben, mit der sie zuvor schon über das Projekt im Briefwechsel stand. „Und später, als sie sich wieder einigermaßen sicher fühlte, hat sie uns gesagt: Das Schreiben war der einzige Teil ihres Lebens, der noch eine Kontinuität hatte. Dass sie weiter schreiben konnte, bedeutete für sie, dass sie weiter leben konnte: als eine Person, die sie gerne sein wollte, und nicht nur als eine, die vor den Taliban fliehen musste.“

An einem anderen Tag bestätigt Dima Albitar Kalaji diesen Eindruck. Wir treffen sie am Hackeschen Markt. 2013 aus Syrien gekommen, ist sie von Anfang an bei dem Projekt, erkundete mit der Schriftstellerin Annett Gröschner Berlin und den „Geruch der Diktatur“, arbeitet als Kuratorin für die arabische Literatur des Projekts. „In den ersten Jahren dachte ich, dass die Stadt mich ablehnt“, sagt sie. Eine Zeit lang habe sie gar nicht schreiben können, weil sie ständig auf bestimmte Themen zurückgeworfen wurde. Inzwischen aber sei Berlin ein Zuhause geworden. „Ich habe Freunde, Arbeit, ein Netzwerk und meine kleine Tochter kommt demnächst in die Schule.“

Wir sitzen in einem kleinen Besprechungsraum mit Glaswänden, hinter denen man Leute in anderen Gesprächen sieht. „Weiter Schreiben“ ist hier nur Untermieter bei der Mercator-Stiftung. Auf dem Tisch liegt eine Auswahl der Bücher, die im Rahmen von „Weiter Schreiben“ entstanden sind. Zwölf Einzelwerke sind es, außerdem neun Anthologien. Rebecca Ellsäßer, Pressesprecherin des Projekts, zeigt auf Fotos und Reproduktionen darin. Der Kontakt zu bildenden Künstlern und Künstlerinnen helfe, nicht die oft gleichen Symbolfotos von Krieg und Flucht zu verwenden. Zwei Bildredakteurinnen kümmern sich um passende Illustrationen.

Vor dem Haus hat ein Restaurant seine Aufsteller, die auch für „Weiter Schreiben“ werben könnten. „Mondial“ heißt es, wie das neueste Projekt aus der Kreativfabrik von Annika Reich und ihren Verbündeten. Mondialität, so erklären sie es, sei etwas anderes als Globalisierung. Autorinnen und Autoren aus Ägypten, Angola, Belarus, Burkina Faso und dem Iran, von Kuratoren vor Ort ausgewählt, werden verknüpft, um Erfahrungen und Muster gemeinsam zu besprechen. Sie kommen über das Berliner Büro zu Kontakten, Übersetzern und Übersetzerinnen, an eine Öffentlichkeit.

Annika Reich weist darauf hin, dass gerade geplant werde, noch vier Teilnehmerinnen oder Teilnehmer aus der Ukraine aufzunehmen. Aber ihr ist es auch wichtig zu sagen: „Es gibt weiter den Krieg im Jemen, den Konflikt im Sudan, die unglaubliche Lage in Eritrea, es geschehen immer noch Gräueltaten in Syrien. Und auch dissidentische und oppositionelle russische Autoren dürfen wir nicht vergessen.“ Für das Mondial-Programm fungiert das Auswärtige Amt als Partner.

Insgesamt sind sechzig Autorinnen und Autoren mit „Weiter Schreiben“ verbunden. Es könnten viel mehr sein. Erst sollte es eine Starthilfe bis zum ersten Buch in Deutschland sein. Dann wurde klar, dass das Vernetzen mit der hiesigen Literaturszene ein längerer Prozess ist.

Der Erfolg der Plattform hat sich herumgesprochen, der Kontakt per Briefwechsel, in der direkten Partnerschaft als Tandem, das Zusammentreffen bei Lesungen wird geschätzt. Schwierig aber ist es, immer wieder neu finanzielle Unterstützung zu organisieren. Noch bis Jahresende fördern der Deutsche Literaturfonds, die Allianz-Kulturstiftung und die Fondation Jan Michalski „Weiter Schreiben“. Frühere Partner sind der Hauptstadtkulturfonds, die Schering-, die Heinrich-Böll-Stiftung, das Goethe-Institut. Und dann? „Wir überlegen, es mit einem Förderkreis privat auf die Beine zu stellen. Oder es wird internationaler, in der Schweiz gibt es schon ein eigenes Projekt“, sagt Annika Reich.

2003 veröffentlichte sie ihre erste Erzählung bei Suhrkamp, 2010 folgte der erste Roman bei Hanser, „Durch den Wind“, 2012 kam der nächste raus, drei Jahre später schließlich „Die Nächte auf ihrer Seite“. Mit Weiter Schreiben war die Ruhe für die eigene literarische Arbeit erst einmal weg. Es habe ihr die Sprache verschlagen, sagt sie sogar, obwohl sie immerhin zwei Kinderbücher um das aufmüpfige Mädchen Lotto herausgebracht hat. „Ich habe mir zum Glück nicht vorstellen können, was es bedeutet, so etwas aufzubauen.“

Inzwischen kennt sie sich mit Förderstrukturen, dem deutschen Stiftungsrecht und der Verwaltung öffentlicher Gelder aus. Sobald etwas übrig ist, werde es für Übersetzungen von Texten verwendet. Reich leitet ein Team von zwölf Leuten, sechs davon fest angestellt. Anfangs fanden die Meetings bei ihr am Küchentisch oder im Garten statt. Dann spendete eine Frau so großzügig, dass Schreibtische, Stühle und ein Drucker gekauft werden, Büros gemietet und eine Geschäftsführung angestellt werden konnten. Danach war es endlich möglich, Projektförderung zu beantragen. „Diese Frau ist das Wunder, das wir brauchten. Sie hilft uns weiter und vertraut uns komplett.“

Wie ist Annika Reichs persönliche Bilanz nach fünf Jahren? „Was mich am frohesten macht, ist, dass wirkliche Verbindungen entstanden sind, die auch tragen. ,Weiter Schreiben‘ wirkt. Wenn Ahmad nun seinen neuen Buchvertrag unterzeichnet hat, gehört das dazu.“ Katlesh ergänzt: „Das ist eine Community. ,Weiter Schreiben‘ funktioniert auf vielen Ebenen, sie helfen mit Behördengängen, erklären Gesetze, knüpfen Kontakte, aber ich habe in erster Linie das Gefühl, es geht um Literatur. Und das hilft am meisten.“ Annika Reich weist noch darauf hin, unbedingt das Video zu schauen, das ihn mit Ulrike Almut Sandig bei einem Auftritt im Literaturhaus Berlin zeigt. Die beiden bringen Gedichte in Bewegung.

Auch Annika Reich hat die literarische Sprache wiedergefunden, steht kurz vor der Abgabe eines Romans. Sie hat gemerkt, dass sich ihr eigenes Schreiben verändert hat. „Ich kann es anders schätzen, dass ich frei schreiben kann. Das kommt durch die Begegnungen mit so vielen, die Zensur erleben mussten. Ich weiß jetzt, dass diese Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, sie ist mir kostbarer geworden.“

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