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Die Schriftstellerin Miku Sophie Kühmel.

Roman „Kintsugi“

Der Roman von Miku Sophie Kühmel: ungewöhnliche Patchwork-Familie

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Miku Sophie Kühmels Roman „Kintsugi“ erzählt planvoll von einer Art Familie.

Die japanische Technik, zerbrochene Keramik zu reparieren – aus europäischer Sicht ein jammervoller Behelf –, verschönt den betreffenden Gegenstand durch goldene Nähte. Dass das Missgeschick ein noch dekorativeres Resultat hervorbringen soll, wirkt angesichts des fragilen Materials imposant. Andererseits ist das kunstvolle Unterfangen, das „Kintsugi“ heißt, mit dem im Westen gelegentlich wieder modischen Patchwork vergleichbar. Auch hier wird der Mangel zu klein gewordener Kinderhemden durch offensiven Umgang mit Stoffeinsätzen in einen individuellen (und dann schon bald beim C & A vom Stapel zu kaufenden) Chic transformiert.

Schönheit erwächst daraus, dass die Unzulänglichkeit des Objekts eben nicht verborgen, sondern ausgestellt wird. Was man so deutlich zeigt, damit scheint man auch zufrieden zu sein, und wenn alles gut geht, wollen die anderen es dann ebenfalls so haben: Diese Ästhetik des Zufalls, des nur in Teilen Kalkulierbaren.

Miku Sophie Kühmels Debütroman „Kintsugi“ beschreibt tatsächlich eine besonders ungewöhnliche Patchwork-Familie. Tonio hat seine Tochter Pega allein aufgezogen, flankiert aber von Reik und Max als Onkel- und Zusatzväterpaar. Tonio ist ein begabter Musiker, der sich ein bescheidenes und gut gelauntes Leben als Barpianist eingerichtet hat. Pega studiert. Der erschütternd gut aussehende Max ist von Haus aus Archäologe, aber vorwiegend mit Reik unterwegs. Reik ist ein genialischer, zudem international erfolgreicher Künstler – der Kunstmarkt tritt hier einmal wieder als ein staunenswertes, unberechenbares, aber für die, die drin sind, höchst lukratives Wunder auf. Kühmel nutzt das geglückt, um auch einen Blick auf unsere liberale Welt zu werfen, in dem ein homosexuelles Paar ostentativ willkommen ist. „Bei den Stadtführungen gingen wir einige Mal schlendernd nebeneinander her, ich als sein Galerist in meinem steifen Hemd, doch bald wies man uns darauf hin, wir könnten ruhig die Hände halten. Wir taten es folgsam, obwohl wir es vorher nie getan hatten.“ Ostentativ willkommen zu sein, kann verlegen machen.

Jetzt aber ist alles ein wenig – festgefahren. Die vier treffen sich für ein paar Tage im Ferienhaus von Max und Reik, in dem sich Max ästhetisch weitgehend durchsetzen konnte. Hier „steht alles wie auf einem Schachbrett. Nichts ist Zufall“, die Dieter-Rams-Regale, das Van-Duysen-Sideboard. Nachher, man ahnt es und der Romantitel legt es nahe, wird etwas zu Bruch gehen. Vorher, der Romantitel legt es nahe, ist auch schon etwas zu Bruch gegangen, aber geschmackssicher repariert worden. Jetzt aber, die Beschreibung des Ferienhauses legt es nahe, stehen auch die Figuren wie auf einem Schachbrett.

Nacheinander kommen sie zu Wort, jeder hat ungefähr ein Viertel des Buches für sich, dazwischen kurze prosaische Dialogsequenzen aus der klirrend winterlichen Frühjahresgegenwart zu viert. Noch zu viert.

Max, Reik, Tonio, Pega, eine kühle, schematische Abfolge. Sie erzählen jeweils ein bisschen von sich und den anderen, man ist interessiert, wenn auch nicht wirklich überrascht, festzustellen, dass es immer ein Stück Leben gibt, von dem die übrigen drei nichts wissen (oder erst im Laufe des Buches erfahren). Kühmel, 1992 in Gotha geboren, dokumentiert das Jungsein und Nicht-mehr-ganz-Jungsein, den Kampf gegen die kleinbürgerliche Herkunft und das Misstrauen gegen heile Welten, in denen an Reihenhaustüren zum Beispiel steht: „Dies ist ein freundliches Haus.“ Reik schreibt (denkt): „Mittlerweile weiß ich natürlich, dass Leute, die sich so etwas an die Tür schreiben müssen, das aus einem ganz bestimmten Grund tun, und das ist meistens nicht der, dass dieses Gefühl schon da wäre und selbstverständlich.“

Wie sich individuelle Freiheit aus enger Umgebung herausrappeln muss, ganz unrevolutionär und zäh, ist gut beobachtet. Wie die so herausgearbeitete, erarbeitete individuelle Freiheit ebenfalls wieder in eine Enge führen kann und auch in Konventionen, birgt ein bitteres Potenzial. Den Künstler Reik holt ein aufdringlicher Kinderwunsch ein. „Natürlich weiß ich mittlerweile, dass Tonio etwas geschafft hat, was ich seit Jahrzehnten mit Leinwänden und Modelliermasse und Speckstein und Schweißerarbeit imitiere.“ Tonio lernt eine Frau im Alter seiner Tochter kennen. Pega, die als letzte an der Reihe ist und auf die man große Hoffnungen setzt, erklärt: „Max und Reik waren für mich von jeher zwei Teile eines Ganzen. Einer wild, unbezähmbar, frei. Der andere kontrolliert und scharfsinnig. ... Aber Max hatte mich dabei von Anfang an mehr interessiert.“

Wahrlich konstruiert Kühmel gegen Ende hin ein erhebliches Maß an Verwicklungen, während sich die Kühle ihres Schreibens, die eine sogartige Wirkung haben kann, dann doch gegen „Kintsugi“ wendet. Indem es kühl ist, aber nicht kühl genug. Indem die Beobachtungen Pfiff haben, aber vor allem, was die Figuren selbst betrifft, zu wenig Präzision und Eigensinn. Ohne die zerstörerische Kraft der chemisch-psychologischen „Wahlverwandtschaften“, in deren Nähe sich „Kintsugi“ aufhält, bleibt ein Planspiel. Im Kargen – Ferienhauseinrichter Max weiß das, insofern weiß Kühmel es auch – muss alles besonders gut sitzen, sonst ist es nicht perfekt, sondern lediglich karg. Hier sitzt es: okay.

Es ist nicht problematisch, dass die Figuren letztlich banale Dinge denken (Reik:. „In bester Form bin ich, wenn ich dabei vergessen kann, was andere zu dem sagen, was ich tue“). Das ist sogar gut, denn Kunst und Allgemeinplätze schließen sich nicht aus. Schwierig ist, dass sich das Buch darüber nicht im Klaren zu sein scheint. Ist es ein Stilmittel oder ist da einfach nicht mehr? Das aber stellt das Gegenteil von Kintsugi dar (wenn auch nicht unbedingt das Gegenteil von Patchwork).

Zur Ungerechtigkeit der Welt gehört auch, dass sich der Erfolg von „Kintsugi“, der nun auch zur Nominierung für die Shortlist des Deutschen Buchpreises führte, gewissermaßen gegen den Roman richtet. Kühmel nimmt das in Reiks Erfolg und seiner bleibenden Unsicherheit voraus. Aber man ist sich eben nicht sicher, ob das nicht bloß ein Zufall ist. „Kintsugi“ erzählt von Brüchen, aber gerade, indem es das nicht hart genug tut, fehlt es ihm an Fragilität und Zartheit.

Die Shortlist-Nominiertenfür den Buchpreis stellen sich am Sonntag, 17 Uhr, im Schauspiel Frankfurt vor. Am Freitag gab es noch eine geringfügige Zahl Karten! www.schauspielfrankfurt.de

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