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Tanja Maljartschuk

Literatur

Millionen Tonnen Zeit

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Ein Leben in Angst: „Blauwal der Erinnerung“ von Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk. 

Im Sommer vorigen Jahres wurde Tanja Maljartschuk für ihre Erzählung „Frösche im Meer“ in Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. In einem Interview sprach sie danach von ihrer ukrainischen Heimat, der Entwurzelung von Menschen, diesem Gefühl der Zerrissenheit, das sie als in Wien lebende Emigrantin nicht verlasse. Wie tief sich diese Erfahrung des Verlustes in ihrem Inneren eingenistet haben muss, lässt auch ihr preisgekrönter Text über den Flüchtling Petro erahnen, der sich als Saisonkraft in einem Wiener Stadtpark mit einer dementen alten Dame anfreundet.

Als er im Winter den Kohlerauch aus dem nahe gelegenen Schloss einatmet, überfällt ihn die Schwermut. Petro hielt den Geruch kaum aus. „Genauso hatte das winzige Dorf, aus dem er stammte, im Winter gerochen. Frost und Kohle. Manchmal auch Walnüsse, manchmal Pferdemist.“ Die Erinnerung an Vertrautes als Schmerz in der Fremde zieht sich durch die gesamte Erzählung, und auch in diesem Gespräch mit dem NDR sagte die frisch gekürte Preisträgerin einen Satz, der das Glück des Augenblicks wie ein Senkblei in die Tiefe zog: „Es ist schwer, sich vorzustellen, wie viele Ängste ich habe.“

Nachdem man ihren Roman „Blauwal der Erinnerung“ gelesen hat, der bereits zwei Jahre vor der prämierten Erzählung entstanden ist und nun zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint, kann man sich dieses Leben in Angst nur zu gut vorstellen. Die Ich-Erzählerin, von der man annehmen muss, dass es sich um die Autorin handelt, litt lange unter schweren Panikattacken. „Herzrasen, Schmerzen in Brust und Schläfen, Atemnot, Schwindel, Übelkeit.“ Die Symptome, die sie „Herz im Hals“ nennt, seien mitunter so unerträglich gewesen, dass sie sich aus dem Fenster gestürzt hätte, wenn sie nur dazu in der Lage gewesen wäre, sich zu bewegen. Am schlimmsten sei für sie nicht der körperliche Zustand gewesen, sondern „der Verlust des fundamentalen Sinns, von dem aus alles seinen Anfang nimmt.“

Im Gefühlszustand einer großen Leere beginnt sie über die Zeit nachzudenken, die eine Kette sinnloser Ereignisse miteinander verbindet. „Das menschliche Leben ist ihre Nahrung. Die Zeit verschlingt Millionen Tonnen davon, zerkaut und zermalmt sie zu einer gleichmäßigen Masse wie ein gigantischer Blauwal das mikroskopisch kleine Plankton – ein Leben verschwindet spurlos, um einem anderen, dem nächsten in der Kette, eine Chance zu geben.“

Diese zoophilosophische Überlegung führt sie hinein in die Erzählung eines verschwundenen Lebens. Als sich die Autorin mit ihrer sozialen Phobie an manchen Tagen nicht mal mehr zum Einkaufen aus dem Haus traute, beginnt sie nicht nur zwanghaft ihre Wohnung zu wischen, sie widmet sich ebenso zwanghaft dem Studium alter Zeitungen. An den helleren Tagen wird das Stadtarchiv ihr Zufluchtsort. Damals lebte sie noch im ukrainischen Ivano-Frankivst, wo sie 1983 geboren wurde.

Eines Tages entdeckte sie im alten Papier die Schlagzeile: „Wjatscheslaw Lypynskyj ist tot“. Als Aufmacher auf Seite 1. Aus dem Nachruf erfährt sie, dass der Mann ein bedeutender ukrainischer Historiker und Politiker gewesen sein muss. Sie hatte noch nie von ihm gehört. Wer war Wjatscheslaw Lypynskyj? Dieser Frage widmet sich die Autorin mit einer Obsession, die sie in den Bauch des Wales zieht, wo sich Lypinskyjs biografisches Plankton aufspaltet und mit dem ihrer eigenen Familiengeschichte vermengt. Seine Geschichte wird zu ihrer und ihre zu seiner. Wjatscheslaw Lypynskyj wurde 1882 in Wolhynien geboren, heute Teil der Ukraine, damals von polnischen, russischen und ukrainischen Bewohnern umstritten. Seine Familie war von polnischem Adel, doch Lypynskyj verstand sich Zeit seines Lebens als Ukrainer und wurde zu einem Vorkämpfer der ukrainischen Unabhängigkeit. Als Patriot seines damals inexistenten Vaterlandes rieb er sich in den Wirren von Krieg, Revolution und Bürgerkrieg auf, bis er am Ende seinen Verstand zu verlieren drohte. Eine Zeitlang wirkte er als Gesandter in Wien und kurz auch als Gelehrter in Berlin. Er litt permanent an Krankheiten und starb 1931 im Alter von 49 Jahren an Tuberkulose. Mit ihrer akribischen Recherche, ihrer poetischen Sprache und ihrem illusionslosen Blick gelingt es Tanja Maljartschuk, auf eine Weise in dieses Leben einzutauchen, die einen zu erschüttern vermag. Was für eine Verschwendung darin steckt, welch eine Vergeblichkeit.

Je weiter sie sich in das fremde Sein vortastet, desto persönlicher wird ihre Perspektive. Sie erzählt nicht nur von den Männern, die sie liebte, sie spricht auch darüber, wie diese Liebe jedes Mal gescheitert ist. Sie stellt sich die Frage nach ihrer Existenz. „Wieso bin ich überhaupt?“ In der Geschichte ihrer Großeltern findet sie schließlich eine Erklärung für ihre selbst empfundene Lebensuntüchtigkeit. „Ich bin eine Nachfahrin von Unterordnung und Angst vor dem Tod.“ Das Tröstliche an diesem Buch ist seine Untröstlichkeit. Der Blauwal schließt sein Maul und schwimmt weiter.

Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung. A. d. Ukr. v. Maria Weissenböck. Kiepenheuer & Witsch 2019. 288 S., 22 Euro.

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